Sorbische Kultur Vermittler zwischen Tradition und Moderne: Das Sorbische National-Ensemble

Etwa 60 000 Menschen zählen sich zur Nation der Sorben. Ihre Heimat haben sie in der Lausitz, im Osten Sachsens und Süden Brandenburgs. Als einer nationalen Minderheit ist ihnen der Staat in besonderer Weise verpflichtet, und das beinhaltet auch die finanzielle Unterstützung kultureller Einrichtungen. Davon profitiert etwa das „Sorbische National-Ensemble“ mit Sitz in Bautzen. In diesen Tagen feiert es sein 70-jähriges Bestehen.

Schaupielerinnen des Sorbischen National-Ensembles
Schaupielerinnen des Sorbischen National-Ensembles Bildrechte: dpa

Am 23. Januar ist Vogelhochzeit: Dann spielen alljährlich auf der Bühne des Sorbischen National-Ensembles Kinder in bunten Kostümen, wie Rabe und Elster sich vermählen. Dazu gibt es Lieder, Tänze und Leckereien. Die Vogelhochzeit ist ein alter Brauch in der sorbischen Lausitz, erzählt Intendant Tomas Kreibich-Nawka.

Das hat als Tanzrevue begonnen und sich im Laufe der Jahre entwickelt. Heute sind das kleine Theaterstücke.

Tomas Kreibich-Nawka, Intendant des Sorbischen National-Ensembles

Und auch die Mitglieder des Chores treten darin als Darsteller auf. Ebenso die Ballettcompagnie und das Orchester. Die Vogelhochzeit hat seit der Gründung des Ensembles im Januar 1952 einen festen Platz auf dem Spielplan.

Die ersten Darsteller kamen von den Dörfern

Damals bekam der Musikpädagoge und Komponist Jury Wiener von den Kulturverantwortlichen der DDR den Auftrag, ein staatliches Ensemble für sorbische Volkskultur zu gründen. So reiste er – auf der Suche nach Mitstreitern – in einem klapprigen Kraftwagen über die Dörfer der Lausitz. Im Laufe der 1950er und 60er Jahre gewann das Ensemble an Profil. Zum einen, weil es ein festes Domizil bekam, zum anderen, weil auch nicht-sorbische Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aufgenommen wurden.

Dieses Haus ist immer schon ein Schmelztiegel der Nationen gewesen. Zu DDR-Zeiten hatten wir sehr gute Beziehungen zum slowakischen Ensemble Sluk. Deren künstlerischer Leiter etwa hat hier als Choreograf gewirkt und eine hohe Professionalität ans Haus gebracht. Wenn wir heute einen Tänzer einstellen, dann erwarten wir, dass er im klassischen Ballett genauso beheimatet ist wie im zeitgenössischen Tanz und der Improvisation.

Tobias Rucha, Leiter des künstlerischen Betriebsbüros

Eine Säule des Repertoires, so Intendant Tomas Kreibich-Nawka, ist die Folklore. Die Pflege der „sorbischen Hochkultur“, wie er sie nennt, ist Verpflichtung und Programm zugleich.

Und das ist natürlich ein Spagat. Wir suchen den Ausgleich zwischen Tradition und Moderne.

Tomas Kreibich-Nawka, Intendant des Serbischen National-Ensembles

Eine aktuelle Tanztheaterproduktion trägt den Titel „Für Maria“ und geht der Frage nach, wie in der Zeit des Nationalsozialismus Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft bewahrt werden konnten. Die Musik stammt von dem tschechischen Komponisten Bohuslav Martinů. In anderen Programmen sind Werke sorbischer Komponisten zu hören. Dabei reicht die Spannweite vom Vater der sorbischen Kunstmusik Korla August Kotzorg, dessen Geburtstag sich in diesem Jahr zum zweihundertsten Mal jährt, bis zu Komponisten des zwanzigsten Jahrhunderts wie Jan Paul Nagel oder Detlef Korpela.

Botschafter der sorbischen Kultur

Künstler des Sorbischen National-Ensembles
Künstler des Sorbischen National-Ensembles Bildrechte: dpa

Wichtig für das sorbische National-Ensemble sind auch Auftritte außerhalb der Lausitz. Bis vor zwei Jahren, sagt Tobias Rucha, Leiter des künstlerischen Betriebsbüros, seien sie weltweit unterwegs gewesen. Dann kam die Pandemie. Eine China-Tournee hätten sie eigentlich geplant und eine Reise nach Italien. Das aber hätten sie alles absagen müssen.

Das Gebäude des Sorbischen National-Ensembles
Das Gebäude des Sorbischen National-Ensembles Bildrechte: imago/imagebroker

Dennoch ist die Stimmung im Ensemble gut. Nach langem Warten hat nun auch die überfällige Modernisierung des Domizils in Bautzen begonnen. Der Pressereferent Stefan Zuschke verweist auf den neuen Ballettsaal und die Probenräume für den Chor. Auch der Eingangsbereich werde umgebaut.

Tomas Kreibich-Nawka ist daher optimistisch. Und er ist sicher, dass das sorbische National-Ensemble dringender denn je gebraucht wird. Es sei, so betont er, ein einmaliges und kostbares Kulturgut.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 15. Januar 2022 | 07:13 Uhr

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