Verleihgebühren und Tantiemen Wie Musikverlage aus Leipzig und Altenburg mit der Corona-Krise kämpfen

Die Theater und Konzertsäle sind wieder seit fast einem Vierteljahr geschlossen. Das trifft die Musikerinnen und Musiker, die kleinen Ensembles und großen Orchester direkt. Vor allem Freischaffende müssen um ihre Existenz bangen. Auch im Hintergrund wankt eine wichtige Instanz des Musiklebens: Die Musikverlage aus Leipzig spüren ebenfalls, dass die Aufführungen abgesagt sind und Musikalienläden sowie Musikschulen geschlossen haben.

Leipzig ist die Geburtsstadt des Musikverlagswesens: 1719 wurde hier der Verlag Breitkopf und Härtel gegründet. Er gehört zu den acht großen Verlagen, die den E-Musik-Markt in Leipzig bestimmen. 1800 wurde in der Musikstadt ein anderer großer Verlag gegründet: Edition Peters, die inzwischen neben Leipzig auch in London und New York sitzt. 1807 folgte schließlich der Musikverlag Friedrich Hofmeister, der immer noch in Familienbesitz ist.  

Die Säulen eines Musikverlags

Logo an einer Hauswand
Der Verlag Breitkopf & Härtel in Leipzig Bildrechte: MDR/Wolfgang Leyn

Wie die meisten Musikverlage stehen auch diese Häuser auf mehreren Säulen: Sie leihen wissenschaftlich und editorisch aufbereitetes Material an Orchester und Ensemble aus. Sie verkaufen Noten. Für Werke, die noch unter das Urheberrecht fallen, erhalten sie Tantieme. Auch die GEMA (Gesellschaft für musikalische Aufführungs- und mechanische Vervielfältigungsrechte), die Verwertungsgesellschaft für Musikwerke, gibt Geld an die Verlage. Manchmal werden auch Rechte für Werke gekauft, wenn sie in Filmen oder Fernsehen genutzt werden. Beinahe alle diese Säulen werden nun durch die Corona-Krise angegriffen, sodass das Rückgrat der E-Musik-Welt geschwächt wird. Nicholas Riddle, Leiter der Edition Peters, erklärt:

Es ist klar, dass die Corona-Krise uns ein sehr getroffen hat. Am Anfang hat man nicht wirklich gewusst, was passieren würde. Aber es gab einen großen Rückgang von Umsatz.

Verleihgeschäft besonders betroffen

Das Verleihgeschäft macht bei großen Verlagen einen großen Teil des Jahresumsatzes aus und ist von der Krise besonders betroffen: "Das ist ja nicht nur in Deutschland so, das Orchester einfach keine Materiale mehr bestellen und Bühnen keine Aufführung mehr machen. Damit sind diese Einnahmen aus dem von jetzt auf gleich auf Null eingebrochen", erklärt Nick Pfefferkorn, Verlagsleiter bei Breitkopf und Härtel. Hinzukommt, dass Aufführungsmaterial, das nicht genutzt wird, oft zurückgeschickt wird und die Leihgebühren zurückgezahlt werden müssen. Zwar gab es im Spätsommer und am Herbstanfang einen Lichtblick, der jedoch mit dem zweiten Lockdown schnell wieder verschwand. 

Unklar ist derzeit noch, wie lange sich die Nachwirkungen der Veranstaltungsabsagen ziehen werden. "Alle Verlage, die mit Aufführungsmaterial arbeiten, werden dieses Jahr von der GEMA kaum Ausschüttung erwarten können. Genauso wie die Urheber, Komponisten und Textdichter. Jetzt sieht es so aus, als ob wir uns für 2021 zumindest im ersten Halbjahr auf etwas Ähnliches einstellen müssen. Wir müssen damit rechnen, dass 2022 wieder Geld fehlt", erklärt Stefanie Clement, die den Verlag Hofmeister leitet. 

Bühne des Deutschen Nationaltheaters ohne Weimarer Staatskapelle
Für die Aktion #sangundklanglos postete auch das Nationaltheater Weimar seine leere Konzertbühne. Bildrechte: Andreas Nickel

Musiknoten und Digitalisierung

Portrait-Pfefferkorn
Nick Pfefferkorn, Verlagsleiter von Breitkopf & Härtel Bildrechte: Breitkopf & Härtel

Auch im sogenannten Papiergeschäft, also dem Verkauf von Noten, sind die Zahlen eingebrochen. Laut Clement vom Hofmeisterverlag fehlen zum Beispiel die Messen in Frankfurt und Shanghai. Hier können Verlage den Kontakt zu Kunden auf der ganzen Welt halten und ihre Ausgaben in den Handel bringen. Doch die meisten Musikalienläden waren 2020 ebenso vom Lockdown betroffen wie Buchläden und Bekleidungsgeschäfte. Laut Pfefferkorn von Breitkopf und Härtel, wo das Papiergeschäft um fast 70 Prozent eingebrochen ist, hat das im Musikbereich noch größere Auswirkungen, weil viele Leute ihre Noten doch beim Händler kaufen würden: "Sie kriegen einen großen Noten Stapel in die Hand gedrückt, können sich gemütlich in irgendeine Ecke verziehen. Sie können diesen Stapel durchblättern und schauen, was Ihnen gefällt oder was Sie interessiert. Was kann ich denn spielen?"

Bei Peters liegt das Papiergeschäft noch bei 60 Prozent des Vorjahres. Nach eigenen Angaben profitiert der Verlag dabei von seiner durchaus ikonographischen Grünen Reihe – klassische Werke in einem schlichten Layout. Inhaltlich lässt sich eine Verschiebung bemerken, berichtet Nicholas Riddle.

Wir haben mehr Klaviermusik und Musik für Soloinstrumente verkauft. Aber im Bereich der Chormusik – und Peters ist sehr für Oratorien bekannt – gab es einen großen Rückgang. Das hat uns sehr getroffen.

Stefanie Clement
Stefanie Clement ist Leiterin des Musikverlages Friedrich Hofmeister. Bildrechte: Musikverlag Friedrich Hofmeister

Neben Werken für Chor und Orchester spielt bei Hofmeister auch Unterrichtsliteratur eine große Rolle. Hier beobachte Stefanie Clement schon seit Jahren einen Rückgang, der durch die Krise zunimmt: "Ein Teil wird sich auch weiter Noten kaufen. Aber ein anderer Teil wird sich natürlich vom Lehrer die kopierten Noten zur Verfügung stellen lassen. Und das wird natürlich jetzt durch den Online-Unterricht einfach auch ein bisschen mehr zunehmen."

Ein hoffnungsfrohes Beispiel aus Altenburg 

All diese Sorgen sind dem Verlag Klaus-Jürgen Kamprad aus Altenburg fremd. Verlagsgründer Klaus-Jürgen Kamprad erklärt:

Wir sind ein Musikverlag, der nicht so sehr vom Papiergeschäft und vom Verleih abhängt. Daraus folgt, dass uns die Corona-Krise nicht ganz so ins Kontor schlägt wie vielleicht bei anderen Verlagen.

Sein Musikverlag hat sich auf wissenschaftliche Ausgaben weniger bekannter Komponisten spezialisiert, wo "erfahrungsgemäß die Rückflüsse über Tantiemen oder Verleih eher gering sind." Deshalb halten sich die Schäden durch die Krise in Grenzen. Auch die geschlossenen Musikalienläden konnten dem Geschäft nicht schaden, "weil unsere Projekte, die wir umsetzen, immer sehr langfristig gedacht sind und auch der Durchsatz am Markt ein sehr langsamer ist. Es ist antizyklisch. Unser Notenumsatz im letzten Halbjahr ist sogar nicht ganz unerheblich gestiegen gegenüber vergleichbaren Zeiträumen." 

Klaus-Jürgen Kamprad
Verleger Klaus-Jürgen Kamprad Bildrechte: Musikverlag Klaus-Jürgen Kamprad

Klaus-Jürgen Kamprad erklärt sich diese positive Entwicklung auch mit dem relativ jungen Alter seines Verlages: Erst seit 1993 werden in Altenburg Musikalien verlegt. Aktuell arbeiten sie an einer Gesamtausgabe des Komponisten Andreas Hammerschmidt. Kamprad vermutet, dass Käufer bei den ersten Ausgaben noch vorsichtig waren, aber nun glauben, dass der Verlag die Gesamtausgabe auch vollenden wird. 

Weitermachen und Umdenken während Corona

Dementsprechend geht die Arbeit bei Kamprad auch beinahe unverändert weiter. Auch Breitkopf und Härtel hält weiter an seiner Arbeit fest und bereitet weiter eine neue Gesamtausgabe der Mahler-Sinfonien vor. Bei Hofmeister wurden mit Blick auf die aktuellen Veränderungen neue Projekte gestartet: "Wir haben unseren Shop modernisiert. Wir haben viel digitalisiert. Wir haben natürlich auch weiter neue Ausgaben vorbereitet. Alles immer unter dem Aspekt, dass dieser Zauber irgendwann vorbei ist." 

Gleichzeitig sind auch vorsichtige und sorgenvolle Stimmen aus den Verlagen zu hören. Nick Pfefferkorn von Breitkopf und Härtel prognostiziert:

Wenn dieses Jahr so weitergeht wie das letzte Jahr, dann kommen wir in Schieflage, weil irgendwann die Rücklagen und die finanziellen Mittel aufgebraucht sind.

Für alle drei Leipziger Verlage gehört eigentlich die Pflege der zeitgenössischen Musik zum Selbstverständnis. Doch durch die angespannte Situation können sie die jungen Komponistinnen und Komponisten, die derzeit auch weniger Kompositionsaufträge erhalten, nicht so fördern, wie sie gerne würden. Darin liegt für Nicholas Riddle auch eine große Gefahr der aktuellen Situation: "Es gibt so viele Firmen, die in den letzten 30 Jahren zusammengeführt worden sind oder von größeren Konzernen übernommen worden sind. Es ist, als ob die Welt der zeitgenössischen Musik verkleinert wird."

Verlagsgebäude in der Talstrasse in Leipzig
Edition Peters in Leipzig Bildrechte: Edition Peters

Mehr Verständnis von der Politik gewünscht

Die finanzielle Unterstützung für Musikverlage ist gering. Pfefferkorn lobt die Arbeit des Musikrates, aber würde sich mehr Verständnis für die eigene Arbeit wünschen. So konnten sich Musikverlage zwar bis zu 30 Prozent der Umsatzausfälle durch Veranstaltungsabsagen zurückzahlen lassen. Doch laut Stefanie Clement waren die Anträge teilweise unverständlich. Außerdem werden die Hilfszahlungen laut Pfefferkorn mit anderen Maßnahmen verrechnet, sodass sie der Antrag kaum lohnt. 

Die meisten Verlage greifen deswegen nur auf die Kurzarbeit zurück. Das birgt allerdings auch ein Problem, meint Nicholas Riddle: Durch diese Maßnahmen müssen Editionsprojekte verschoben werden. Denn es mangelt zwar momentan an Geld, aber nicht an Aufgaben. Daher würde sich der Verlagsleiter mehr Unterstützung vom Staat wünschen. 

Nicholas Riddle
Bildrechte: Edition Peters

Es ist nicht wie ein normales Geschäft, das heißt, die Auswirkungen von der Krise werden viel länger im kulturellen Bereich dauern. Und hier braucht dieser Bereich eigentlich mehr Unterstützung, als wir bis jetzt bekommen haben. Und das ist nicht nur, weil wir so wunderbar und hübsch sind, sondern weil diese Art von Arbeit, was wir als Musikverlag tun, ist ein unausgesprochener Vorteil für die Gesellschaft, für die Welt eigentlich und nicht fakultativ.

Nicholas Riddle, Verlagsleiter Edition Peters

Zum Nachhören

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Verlagsgebäude in der Talstrasse in Leipzig 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 29. Januar 2021 | 09:40 Uhr