Schütz-Festjahr Sonderausstellung "Von Schütz zu Bach" im Leipziger Bach-Museum

Es gibt keinen, der die Musik des Frühbarock im deutschen Raum so geprägt hat, wie Heinrich Schütz. Der große Dresdner Hofkapellmeister ist 1672 gestorben – vor 350 Jahren. Darum feiert die Musikwelt das Schütz-Festjahr. Im Leipziger Bach-Museum ist eine Sonderausstellung mit dem Titel "Von Schütz zu Bach" zu sehen. Die Besucherinnen und Besucher können in die Welt der Thomaskantoren des 17. Jahrhunderts eintauchen. Außerdem wird gefragt: Was könnte Johann Sebastian Bach über Schütz gewusst haben? MDR KLASSIK war vor Ort.

Ein Porträt von Heinrich Schütz
"Der hervorragendste Musiker seines Jahrhunderts" – das stand auf seiner Grabplatte in der alten Dresdner Frauenkirche. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Die Ausstellung beginnt mit einem sehr wichtigen Objekt, einem Geschenk von Heinrich Schütz. Der Komponist hat im Jahr 1648 dem Rat der Stadt Leipzig und dem berühmten Thomanerchor seine "Geistliche Chormusik" gewidmet.

Ein altes Dokument.
Die "Geistliche Chormusik" ist eine Sammlung von Motetten auf deutsche Texte für Chor von Heinrich Schütz. Bildrechte: Evangelische Marktkirchengemeinde Halle, Marienbibliothek

Laut Kuratorin Henrike Rucker hatte er dabei einen pädagogischen Hintergedanken: "Schütz wollte angehenden deutschen Komponisten Beispiele für gutes Komponieren im reinen Kontrapunkt geben. Da ist der Thomanerchor die ideale Adresse gewesen. Denn bereits im 17. Jahrhundert galt das Ensemble als Talentschmiede für Berufsmusiker."

Die "Geistliche Chormusik" war nicht nur im 17. Jahrhundert weit verbreitet. Bis heute wird die bekannteste Werksammlung von Heinrich Schütz weltweit von vielen Chören aufgeführt.

Henrike Rucker, Kuratorin

Heinrich Schütz und die Thomaskantoren

Viele prächtige alte Bücher hat die Ausstellung zu bieten. Sie erzählt multimedial mit Bildern, Hörstationen, einem kurzen Film. Überraschend viele Linien offenbaren sich zwischen Heinrich Schütz und Leipzig. Ein Stich zeigt Heinrich Schütz in der Dresdner Schlosskirche im Kreise seiner Hofsänger. Die Kuratorin erklärt: "Hier sieht man Schütz, der am Pult steht mit ein paar Sängerknaben. Einige von ihnen sind später Thomaskantoren geworden. Zum Beispiel Johann Schelle, der ein Schüler von Heinrich Schütz war."

Mit dem Thomaskantor Johann Hermann Schein ist Heinrich Schütz befreundet gewesen. Ihn hat er wahrscheinlich mit seinem Faible für den italienischen Madrigal-Stil infiziert. Madrigale sind vertonte, erotische Gedichte. Am Ende seiner Lehre in Venedig waren solche das Gesellenstück des Komponisten.

Einfluss aus Italien

"Es ist durchaus möglich, dass er dadurch Johann Hermann Schein beeinflusst hat. Dieser schreibt als Thomaskantor geistliche Madrigale und hat den Madrigal-Stil auf Bibelsprüche übertragen. Das gab es damals in Deutschland gar nicht", weiß Rucker.

Heinrich Schütz hat noch mehr Kompositionstechniken aus Italien mitgebracht, von denen wiederum Thomaskantoren inspiriert wurden. Solche musikgeschichtlichen Entwicklungen erklärt die Ausstellung auf eine zugängliche Art. Sie entführt aber auch in den Alltag der Musiker im 17. Jahrhundert. So auch in die Zeit des 30-jährigen Krieges.

Historische Zeichnung aus dem 19. Jahrhundert, Portrait von Heinrich oder Henrich Schütz oder Henricus Sagittarius, 1585 - 1672
Schütz übertrug die venezianische Mehrchörigkeit und den italienischen Konzertstil in besonders eindrucksvoller Weise auf lutherische Bibeltexte. Bildrechte: imago/imagebroker

Die Kuratorin erzählt von einem Bericht des Thomaskantors Tobias Michael: "Dieser spricht von Blockaden, von Belagerungen, von ständiger Infektions- und Sterbensgefahr, außerdem von Angst und Schrecken. Trotzdem wird Musik komponiert, die voller Glaubenszuversicht ist und voller Innovationskraft."

Was Bach von Schütz wusste

Für Kerstin Wiese, der Direktorin des Bach-Museums, ist Heinrich Schütz der zweitwichtigste Komponist deutscher Barockmusik. Davor steht Johann Sebastian Bach, der 100 Jahre nach Schütz’ Tod geboren worden ist. Trotzdem dürfte er einiges über Schütz gewusst haben:

"Wir wissen, dass sich in der Bibliothek der Thomasschule diverse Werke von Schütz befunden haben. Schütz hat starke Auswirkungen auf die Musik und Kompositionen der Thomaskantoren gehabt. Diese Musik kannte Bach. Er war tief verwurzelt in der Musiktradition des 17. Jahrhunderts. Insofern ist diese Verbindungslinie von Schütz zu Bach eine ausgesprochene bedeutende", erklärt die Direktorin.

Wiese ist sich sicher: Hätte es Schütz nicht gegeben, dann hätte die Musik Bachs anders geklungen. Für echte Bach-Fans führt an dem Dresdner Hofkapellmeister kein Weg vorbei. Die Ausstellung "Von Schütz zu Bach" ist ein perfekter Einstieg in diese Thematik.

Mehr Informationen zur Ausstellung Vom 6. Mai bis 3. Oktober 2022

Ort:
Bach-Museum Leipzig
Thomaskirchhof 15/16
04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag und an Feiertagen
10 bis 18 Uhr

Eintritsspreise:
Erwachsene 10 Euro
Ermäßigt 8 Euro
bis 16 Jahre frei
Gruppen (ab 10 Personen) 9 Euro pro Person

Der erste Dienstag im Monat ist eintrittsfrei.

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 13. Juni 2022 | 08:40 Uhr

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