MDR KLASSIK und MDR KULTUR: Bach 300 Zum 300. Jubiläum: Bach in Leipzig

"Ob es mir nun zwar anfänglich gar nicht anständig seyn wolte, aus einem Capellmeister ein Cantor zu werden"

13. Juni 2023, 09:40 Uhr

Der 22. April 1723 ist ein Schlüsseldatum in der deutschen Musikgeschichte. An diesem Tag wählte der Rat der Stadt Leipzig einstimmig Johann Sebastian Bach zum Thomaskantor und Städtischen Musikdirektor. Einen Monat später siedelte er mit Familie nach Leipzig über und trat seinen Dienst an. Allerdings war Bach für die Ratsherren nicht die erste Wahl, sie hätten lieber seine Komponistenkollegen Georg Philipp Telemann oder Christoph Graupner in dieser Position gesehen. Für Bach war der Wechsel von Köthen nach Leipzig eher eine Verlegenheitslösung als ein Karrieresprung. Das Amt eines Hofkapellmeisters genoss in der Zeit des Barock höheres Ansehen als das Kantors und Schulmeisters.

Es ist wichtig zu bedenken, sagt der renommierte Bachforscher und Intendant des Leipziger Bachfestes, Michael Maul, "dass Bach nicht nur der Leipziger Thomaskantor gewesen ist, der sein Leben lang Gott zur Ehre Kantaten komponiert hat, sondern dass er einen Großteil seines Berufslebens hauptamtlich an Höfen angestellt war und selbst noch in Leipzig immer nach Ehrentiteln bei Hofkapellen suchte, also von Leipzig aus auch noch für Höfe komponiert hat. Und diese Werke, die er an Höfen und für Höfe komponiert hat, sind ausgesprochen vielfältig – von den Weimarer geistlichen Kantate bis hin zur Weißenfelser Tafelmusik und den Goldbergvariationen."

Bachs Wechsel nach Leipzig: Eigentlich ein beruflicher Abstieg

Vor diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass Bach die Stelle eines Thomaskantors und Städtischen Musikdirektors in Leipzig keinesfalls als ultimatives Ziel seiner Karriere verstanden hat, sondern als einen Strohhalm, nach dem ihm zu greifen nichts anderes übrig blieb. Ein höfischer Angestellter stand damals in der Hierarchie nämlich über einem Kantor und Schulmeister in Diensten einer bürgerlichen Obrigkeit.

"Ob es mir nun zwar anfänglich gar nicht anständig seyn wolte, aus einem Capellmeister ein Cantor zu werden", schreibt Bach im Jahr 1730 – also aus der Rückschau – an seinen Jugendfreund Georg Erdmann. Der vordergründige berufliche Abstieg war ihm also womöglich schmerzlich bewusst.

Bach in Köthen: Seine glücklichste Zeit

Denkmal von Johann Sebastian Bach
Ein Denkmal ehrt den Komponisten Johann Sebastian Bach, der von 1717–1723 in Köthen Kapellmeister war. Bildrechte: picture alliance/dpa

Die gut sechs Jahre als fürstlich-anhaltinischer Hofkapellmeister in Köthen waren für Bach, das kann man dem Erdmann-Brief entnehmen, die glücklichsten seines Lebens. Und das lag vor allem an der Hofkapelle, die nach heutigen Maßstäben eine "Star-Formation" gewesen sein muss. Angeregt durch seine musikalischen Spitzenkräfte schuf Bach hier u.a. die vier Ouvertürensuiten und die sechs Brandenburgischen Konzerte.

Im Brief an Georg Erdmann schreibt Bach über seine Köthener Zeit:

Daselbst hatte einen gnädigen und Music so wohl liebenden als kennenden Fürsten; bey welchem auch vermeinete meine Lebenszeit zu beschließen. Es muste sich aber fügen, daß erwehnter Serenißimus sich mit einer Berenburgischen Princeßin vermählete, da es denn das Ansehen gewinnen wolte, als ob die musicalische Inclination bey besagtem Fürsten in etwas laulicht werden wolte, zumahln da die neüe Fürstin schiene eine amusa zu seyn.

Bachs Weggang aus Köthen: War die "Amusa" schuld?

Leopold I. Fürst von Anhalt-Dessau
Fürst Leopold von Anhalt-Köthen: Der Förderer und Freund von Bach hatte den Komponisten 1716 auf der Hochzeit seiner Schwester kennengelernt und als Kapellmeister nach Köthen geholt.  Bildrechte: imago/United Archives

Die von Bach derart stigmatisierte Ehefrau des Fürsten Leopold von Anhalt-Köthen hieß Friederica Henrietta und hatte, was Bachs Urteil widerspricht, eine fundierte musikalische Ausbildung. Da es sich aber (für damalige Verhältnisse eher untypisch) um eine Liebesheirat handelte, kann man davon ausgehen, dass Leopold für Friederica Henrietta mehr Zeit übrig hatte als für seine Hofkapelle.

Der Köthener Stadtführer und Heimatforscher Christian Ratzel ist allerdings davon überzeugt, dass die neue Fürstin nicht der Hauptgrund für Bach war, die Segel zu streichen und nach Leipzig zu gehen. Yoko Ono, meint er augenzwinkernd, sei schließlich auch nicht für die Auflösung der Beatles verantwortlich gewesen, sondern John Lennon alleine. Die Tatsache, dass Bach später einer seiner Töchter den Zweitnamen "Friederica" geben sollte, sei u.a. ein Beweis dafür, dass er Köthen nicht im Unfrieden mit der Fürstin verlassen hat.

Bachs Wahl zum Thomaskantor: Eine "Zangengeburt"

Georg Philipp Telemann
Telemann hatte eine besser bezahlte Stelle als Kantor und Musikdirektor in der Hansestadt Hamburg in Aussicht und sagte in Leipzig ab. Bildrechte: imago/Leemage

Bachs einstimmige Wahl zum Thomaskantor und Stadtmusikdirektor durch das Leipziger Ratskollegium war eine ziemliche Zangengeburt. Nach dem Tod von Thomaskantor Johann Kuhnau erschien zunächst noch alles ganz einfach: Man wollte Georg Philipp Telemann, denn der war bekannt und hochgeschätzt, hatte er doch in Leipzig studiert und an der Matthäikirche für eine außerordentlich gute Kirchenmusik gesorgt. Doch er sagte ab.

Nun geriet der Findungsprozess ins Stocken. Ratsherr Abraham Christoph Platz, von Beruf Jurist, blickt auf die Liste der Bewerber und sagt: "Da man nun die Besten nicht bekommen könne, müsse man halt mittlere nehmen", so überliefern es die Leipziger Ratsakten. Mit den "mittleren" war allerdings nicht, wie gerne kolportiert wird, Bach gemeint, sondern Kandidaten, die weniger Künstler denn Schulmeister waren.

Doch diese Idee findet im Rats-Collegium keine Mehrheit. Die favorisiert nämlich den Darmstädter Hofkapellmeister Christoph Graupner als Nachfolger Kuhnaus. Der wollte auch kommen, doch bekam von seinem Dienstherrn, dem Landgrafen von Hessen, nicht die Erlaubnis (Musiker waren bei Hofe quasi Leibeigene).

Künstlerpersönlichkeit statt Schulmeister: Was für Bachs Wahl ausschlaggebend war

Am Ende der Debatte im Leipziger Rat setzte sich die Fraktion unter Bürgermeister Lange durch, der eine Künstlerpersönlichkeit wichtiger war als ein guter Schulmeister. Die Mitglieder waren wohl noch beeindruckt von Johann Sebastian Bachs Kantoratsprobe, die dieser gut zwei Monate zuvor, am 7. Februar 1723, in der Thomaskirche mit seiner Kantate "Du wahrer Gott und Davids Sohn" abgelegt hatte.

Collage: links Mann in Anzug vor Bachgemälde, mitte Bachdenkmal, rechts Porträt Mann in blauem Hemd mit Brille 11 min
Die beiden Bach-Fans und Podcaster: Michael Maul (links) und Bernhard Schrammek (rechts) Bildrechte: MDR KLASSIK

Nach längerem Hin und Her wurde Bach dann also doch, mangels geeigneter Alternativen, einstimmig zum Thomaskantor und Städtischen Musikdirektor gewählt.

Bachs anfänglicher Arbeitseifer in Leipzig: Für jeden Sonntag eine neue Kantate

Die komplizierte Geschichte dieser Personalie zeigt eines allzu deutlich: Bach hatte von Anfang an keinen leichten Stand bei seiner direkten weltlichen Obrigkeit. Sein nicht unkomplizierter Charakter sollte das im Laufe der Jahre noch verstärken. Doch in den ersten Amtsjahren war davon wenig zu spüren. Bach lief zu kompositorischer Hochform auf und schrieb für jeden Sonn- und Feiertag eine neue Kantate.

Diesen, für heutigen Begriffe, "Stress" hätte er sich gar nicht antun müssen. Er hätte ohne Probleme auch Kantaten anderer Komponisten aufführen können. Man darf also durchaus davon ausgehen, dass er sich dessen bewusst war, dass diese Werke nicht nur seinen Genius zeigen, sondern auch über Zeit und Ort erhaben sind.

Außenansicht der Thomaskirche in Leipzig
In den Gottesdiensten der beiden Hauptkirchen St. Thomas (Foto) und St. Nikolai führte Bach seine Kantaten mit dem Thomanerchor und städtischen und studentischen Musikern auf. Bildrechte: MDR/Stephan Flad

"Bach ist Anfang und Ende aller Musik" (Max Reger)

Wahrscheinlich wäre Bach deshalb auch gar nicht überrascht, wenn er wüsste, dass etwa Chöre aus Japan oder Malaysia heute seine Leipziger Kirchenkantaten mit Begeisterung singen, obwohl deren Mitglieder kaum ein Wort Deutsch verstehen. Ein Phänomen, dem man letztlich nicht auf den Grund gehen kann. Der Komponist Maurizio Kagel bringt diese spirituelle Dimension so auf den Punkt: "Nicht alle Musiker glauben an Gott, aber alle glauben an Bach."

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 22. April 2023 | 06:10 Uhr

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