Sing and Sign Wie ein Leipziger Verein Bachs Musik für Hörgeschädigte erlebbar macht

Wie können auch schwerhörige oder gehörlose Menschen Musik erleben? Diese Frage hat sich auch die Sängerin Susanne Haupt gestellt. Mit der Gruppe "Sing and Sign" übersetzt sie gemeinsam mit Hörbehinderten Vokalmusik in Gebärdensprache. Für eine Version von Beethovens Neunte wurden sie im Rahmen des Beethoven-Jahres sogar ausgezeichnet.

Neben den Instrumentalisten steht jeweils eine weitere Person im Kirchenraum. Mit kleinen Handgesten zeigen sie an, dass die Oboe gerade hohe Töne oder die Violine Wellenbewegungen spielt. Das Chorensemble hebt beide Arme mit geöffneten Handflächen nach oben. Es ist die Gebärde für das Wort Lobpreis. So will das Ensemble "Sing and Sign" eine Idee hinter dem ersten Chor aus Bachs „Johannespassion“ für Menschen mit Hörbehinderung darstellen. In dem kurzen Video kann man erkennen, wie Musik für Hörgeschädigte interpretiert werden kann. Die Gründerin Susanne Haupt will damit eine Lücke schließen:

Zwei Frauen singen und machen dazu Handbewegungen: Susanne Haupt und Andrea Schmetzstorff.
Susanne Haupt und Andrea Schmetzstorff singen und gebärden gemeinsam. Bildrechte: MDR KLASSIK

Mich hat auch dieser Perspektivwechsel gereizt. Und dann kam dazu, dass ich angefangen habe, drüber nachzudenken: Mensch, wir sind die Bachstadt schlechthin und auf der anderen Seite haben wir das größte Berufsbildungswerk für Hörgeschädigte und es finden jährlich 30 Passionen statt und nicht eine ist barrierefrei.

Die Sängerin ist überzeugt, dass Musik ein wichtiger Teil unserer Kultur ist. Mit ihrem Projekt will sie darauf hinweisen, dass das nicht jeder erleben kann. Ein komplexes Vorhaben.

Ich habe erst gedacht, dann singen wir einfach mit Gebärdensprache und machen was ganz Tolles für Hörgeschädigte, um dann zu merken: Erstens kann man gar nicht Gebärdensprache singen, weil es eine ganz andere Grammatik hat. Dann kam ganz schnell das Gefühl, wenn ich jetzt als Hörende etwas für Hörgeschädigte mache, da kann ich ja ganz schnell vorbei an denjenigen, zwar was gut meinen, aber nicht wirklich erreichen, was ich will.

Nun trifft sie sich regelmäßig mit hörgeschädigten Menschen in ihrem Garten in Markkleeberg.

Jeder kann Musik machen, egal ob du hörst, ob du nicht hörst, ob du gehen kannst, ob du nicht gehen kannst, ob du siehst oder nicht siehst, sondern alle können das machen. Und das ist das, was mich motiviert, mitzumachen.

Andrea Schmetzstorff ist seit ihrer Geburt stark schwerhörig. Zusammen mit Susanne Haupt übersetzt sie Bachs Johannes-Passion in Gebärden. Sie gehen die Choräle durch und versuchen, die richtigen Gebärden zu finden. Die Herausforderung besteht darin, den Text für unsere Zeit zu interpretieren und gleichzeitig den Bedeutungsfreiraum zu bewahren. Das erklärt Andrea Schmetzstorff.

Kann jetzt aber nicht singen oder gebärden 'Erscheine mir im Bilde' und der Gehörlose sieht das Bild, kann aber mit dem Bild nichts anfangen, weil das Bild kommt von vorne. Aber wenn ich Gebärde 'meine Vision', dann ist das im Kopf.

Jede Gebärde wird genau diskutiert. Denn alle Hörgeschädigte haben ihre eigene Art mit den Händen zu sprechen.

Klar, ist das manchmal schwer, wenn ich frage, zeigt mal eine Gebärde für Krone und drei Hörgeschädigte zeigen mir drei unterschiedlichen Gebärden.

BIldschirm mit Live-Call
Die Chormitglieder bei einer Videokonferenz. Bildrechte: MDR KLASSIK

Am Abend schalten sich die hörenden Chormitglieder per Videokonferenz zu. Susanne und Andrea erklären die neuen Gebärden und dann probiert der Chor die Bewegungen begleitet von einer Musikaufnahme. Der Chor besteht aus Laien. Viele von ihnen studieren und alle sind fasziniert von dem Projekt: Plötzlich sollen sie sich beim Singen bewegen und sie verstehen zumindest ein wenig, was es bedeutet, mit Gebärden zu sprechen. Das erklärt auch Sängerin Ines Tietze.

Kann nochmal eine andere Dimension bekommen, wenn man zusammen gebärdet und sich zusammen erlebt. Das war dann schon anders auch. Wenn man sich sieht, sich bewegen sieht, passiert auch nochmal was.

Andrea Schmetzstorff hat während der Arbeit an dem Projekt die Musik erstmal richtig verstanden, die vorher eher ein großer Klang war. Jede Stimme des Oratoriums bekommt eigene Gebärden – die Stimmen werden optisch gedoppelt. Am Anfang musste sich Andrea daran gewöhnen, dass so viel auf der Bühne passiert. Inzwischen ist sie sich sicher, dass auch Hörende die Musik so besser verstehen können. Das steht für Susanne Haupt im Zentrum: das gemeinsame Erleben.

Das ist schön, wenn wir im Konzert jemanden erreichen, aber für viele ist der Weg eben das Ziel, wenn Sabine plötzlich eine Idee davon hatte, wie ein hoher und ein tiefer Ton funktioniert. Und ich lerne neue Gebärden, zum Beispiel Respekt.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 18. Mai 2021 | 07:43 Uhr