Konzert HMT Leipzig gibt Solidaritätskonzert für die Ukraine

Bei einem Solidaritätskonzert für die Ukraine der HMT in Leipzig wurden am Sonntag Werke des ukrainischen Komponisten Mykola Lysenko aufgeführt, der Ende des 19. Jahrhunderts dort studiert hatte. Auch anwesend war die Familie des Urenkels von Mykola Lysenko, die vor dem Krieg aus Kiew nach Leipzig geflohen ist. Schon im Oktober 2021 hatte es in Leipzig ein Begegnungskonzert mit Gästen aus Kiew gegeben, bei dem kulturelle Brücken zwischen den Partnerstädten gebaut, und das künstlerische Werk Lysenkos lebendig gehalten wurden.

Drei Personen spielen Geige
Musik überwindet alle Grenzen – so der zentrale Gedanke hinter der studentischen Initiative. Bildrechte: MDR/Lucas Schwarz

Gerade in Zeiten großen Leids und großer Probleme können sich Musiker schnell in einem Gefühl der Machtlosigkeit verlieren. So ging es auch Charlotte Steppes, die Klavier an der HMT Leipzig studiert. Dem Gefühl der Hilflosigkeit im Angesicht eines Krieges wollte sie etwas entgegensetzen – und organisierte kurzerhand ein Solidaritätskonzert für die Ukraine.

Musiker und die Machtlosigkeit

Eine junge Frau schaut liebevoll in die Kamera
Rief das Soli-Konzert der HMT ins Leben: Musikerin Charlotte Steppes. Bildrechte: MDR/Lucas Schwarz

Zunächst war sie unsicher, ob sie für ihre Idee überhaupt Mitstreiterinnen finden würde. Nach erstem Vorfühlen bei Kommilitonen und Lehrkräften war aber klar: Der Plan kommt gut an, auch andere Musikerinnen und Musiker sind Feuer und Flamme für das Projekt.

Indem man Musik macht, dadurch letztendlich Geld einnimmt und Menschen auf Dinge aufmerksam macht, hat man eben doch eine Möglichkeit, etwas zu bewirken.

Charlotte Steppes, Klavierstudentin an der HMT Leipzig und Organisatorin des Solidaritätskonzerts

Mykola Lysenko: Ukrainischer Nationalkomponist bleibt in Leipzig lebendig

Im Fokus des Konzerts standen Werke des ukrainischen Nationalkomponisten Mykola Lysenko. Seine Familie und er sind auf besondere Weise mit Leipzig verbunden: Ende der 1860er Jahre studierte Lysenko für zwei Jahre Komposition, Klavier und Musikwissenschaften am Leipziger Konservatorium, ehe er nach Kiew zurückkehrte. Schulgründungen, sein Musikalisches Werk und sein Einsatz für den Erhalt der ukrainischen Sprache machten ihn nicht nur zu einer wichtigen Figur für die ukrainische Nationalbewegung, sondern auch zum Begründer der ukrainischen klassischen Musik.

Ein junger Mann steht vor einer Ziegelwand
Julian Dominique Clement erarbeitete sich für das Konzert in mühsamer Arbeit die Phonetik der Ukrainischen Heine-Übersetzungen und gewährte damit eine einzigartige musikalische Perspektive. Bildrechte: MDR/Lucas Schwarz

Über 150 Jahre später wurden dann am 20. März einige seiner Werke im großen Saal der HMT aufgeführt –unter anderem Vertonungen von Heine-Gedichten, die Bariton Julian Dominique Clement in deutscher und ukrainischer Sprache aufführte. Eine Herausforderung , die mit viel Arbeit verbunden war: Mit Hilfe eines ukrainischen Kommilitonen transkribierte er sich die ukrainischen Verse in eine phonetische Schrift. Anschließend erarbeitete er sich mit Hilfe eines Online-Übersetzers noch die Bedeutung jedes einzelnen Wortes, um deren genaue Emotionalität wiedergeben zu können.

Ein Wort muss mit dem Impetus seiner Bedeutung gesungen werden, und deswegen muss man dann auch die Bedeutung jedes Wortes kennen.

Julian Dominique Clement, Gesangsstudent an der HMT Leipzig

Die Lieder hatte der Sänger im Repertoire, weil er sie schon im Oktober 2021 beim Begegnungskonzert anlässlich 60 Jahren Städtepartnerschaft Leipzig-Kiew darbot. Schon damals anwesend: Mykola Lysenkos Urenkel, der den Namen seines Urgroßvaters trägt, und seine Frau. Beim Begegnungskonzert im Oktober knüpften Kiewer und Leipziger bereits Kontakte, planten kulturellen Austausch, Zusammenarbeit von Hochschulen und Museen, gegenseitige Besuche. Vorhaben, die alle der bitteren Realität des Krieges weichen mussten, wie Lysenkos Frau Liubov weiß: "Wir haben so viele Pläne gehabt, aber der Krieg fragt nie, und jetzt sind alle Pläne unterbrochen."   

Die Kraft der Musik: Doch nicht machtlos

Für die Familie war nach Ausbruch des Krieges schnell klar, dass Leipzig zum Ziel ihrer Flucht werden sollte. Vater und Ehemann Mykola wollte seine Frau, ihre Mutter und die drei Töchter bis nach Leipzig bringen und dann nach Kiew zurückkehren, wurde aber an der Grenze von der Ausreise abgehalten. Ein paar Tage vor dem Konzert in Leipzig befindet er sich in einem Ort etwa einhundert Kilometer südlich von Kiew.

Ein Mann hält eine Rede auf einer Bühne
Mykola Lysenko (junior) war bereits im Oktober 2021 in Leipzig beim Begegnungskonzert zu Gast. Er setzt als Dirigent, Pädagoge und Pädagoge die humanistische Tradition seines Urgroßvaters fort. Bildrechte: Eric Kemnitz

Dass einige Kilometer weiter westlich ein Konzert stattfindet, bei dem Werke eines ukrainischen Komponisten aufgeführt werden – bedeutet das einem wirklich etwas, wenn die Tage nur aus Warten auf die nächsten russischen Raketen bestehen? Für Mykola Lysenko ist es vor allem das Gefühl, als Teil der europäischen Familie gesehen zu werden, das ihm und den ukrainischen Menschen dieser Tage Kraft und Zuversicht gibt. Das Konzert am Sonntag ist für ihn ein Symbol für die kulturelle Verbundenheit zweier europäischer Nationen.

Solidarität ist eine große spirituelle Macht. Dieses Konzert am Sonntag, das ist Akzeptanz, Verständigung, es ist eine Demonstration unserer gemeinsamen Werte und Ziele.

Mykola Lysenko, Dirigent, Lehrer, MuMusikeionalkomponisten

Diese Kraft der Musik wurde auch im Großen Saal der HMT Leipzig spürbar, in dem einige Ukrainerinnen und Ukrainer zu Gast waren als Bariton Clement die ukrainischen Texte sang oder als Organist Sebastian Heindl für fünfzehn Minuten auf der in blau-gelbem Licht erstrahlten Orgel die ukrainische Nationalhymne improvisierte. Sie ließen ein atemloses Publikum zurück. Für die Organisatorin Charlotte Steppes, die am Anfang der Konzertplanung vor Unsicherheit und gefühlter Machtlosigkeit stand, ist klar: Musik kann ungeahnte Kräfte entfalten.

Mehr zu Thema: Krieg in der Ukraine

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 22. März 2022 | 08:40 Uhr

Meistgelesen bei MDR KLASSIK

MDR KLASSIK auf Social Media