Nachwuchs Operetten-Workshop in Leipziger Muko: Freiheit und Vertrauen

Beschwingte Melodien, gefühlsbetonte Duette und mit Musik untermalte Dialoge – vieles davon klingt zwar immer leichtfüßig, ist jedoch schwer zu meistern. Worauf es zu achten gilt, können junge Dirigentinnen und Dirigenten einmal im Jahr in einem Workshop an der Musikalischen Komödie in Leipzig erfahren. Nach einem Jahr Corona-Pause wurde der Operetten-Workshop trotz des Kultur-Lockdowns in Sachsen wieder angeboten.

Ein Dirigent steht mit erhobenen Taktstock vor dem Orchester der Musikalischen Komödie in Leipzig.
Mit großen Gesten leitet Nicolò Foron das Leipziger Orchester an. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Als Letzte an diesem Probentag steigt Annalena Hösel auf das Podest in der Musikalischen Komödie in Leipzig. Am Anhaltischen Theater in Dessau hat sie zuvor schon einige Operettenvorstellungen dirigiert. Doch selbst erarbeitet hat sie so ein Stück bisher noch nicht. Der Operetten-Workshop in Leipzig bietet ihr also eine neue Möglichkeit. "Operette dirigieren und musizieren bedeutet Spontanität mal 100", erklärt die junge Dirigentin. "Der emotionale Gestus kann sich taktweise ändern. Die ganze Zeit wach zu sein und zu gucken, wie ist das Orchester drauf, was funktioniert gerade, da muss man flexibel sein."

Es ist die erste Probe mit allen Beteiligten – mit Solisten, Orchester und Chor. Bei einer Nummer gibt es dann tatsächlich leichte Probleme mit einem musikalischen Stimmungswechsel. Weil die Probe aber schon zu Ende ist, probiert Annalena Hösel mit den beiden Solisten am Klavier weiter.

Ein Gruppe von Menschen stehen um ein Klavier und schauen in Noten.
Nach der Probe besprechen die Solisten und die Workshopteilnehmer einige Stellen am Klavier durch. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Der Unterschied zwischen Oper und Operette

Seit einigen Jahren wird im Rahmen des Workshops ein eher unbekanntes Werk einstudiert. In diesem Jahr ist es "Jettchen Gebert" von Walter Kollo – ein Stück aus der Silbernen Operetten-Ära über eine Liebesgeschichte in Berlin. Ein abwechslungsreiches Werk, erklärt die Sopranistin Mirjam Neururer: "Das Jettchen und der Doktor Keßling haben wunderschöne Duette mit großen Bögen. Dann gibt es sehr viele lustige Walzersequenzen, Melodramen – es ist eigentlich von allem etwas dabei."

Auch Nicolò Foron arbeitet intensiv mit dem Orchester an dem Wechsel zu den Walzerrhythmen. Bisher hat der Dirigent vor allem Opern erarbeitet und bemerkt einen wichtigen Unterschied: "Ich finde bei Operetten sehr interessant, dass der Text so wichtig ist. Anders als bei der Oper steht der Text auch bei sehr wichtigen Höhepunkten im Zentrum. Auch die gesungenen Arien haben etwas sehr Textorientiertes."

Ein Mann in einen rosanen Hemd steht am Dirigentenpult und blättert durch die Partitur.
Nicolò Foron hat bisher vor allem Opern erarbeitet. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Besondere Freiheiten der Operette

Friedrich Praetorius ist der dritte Workshop-Teilnehmer und achtet bei seinen Nummern besonders darauf, dass der Chor gut zu verstehen ist und die einzelnen Worte auch auskostet. Beim Workshop hat er die neue Erfahrung gemacht, "dass man die Führung aus der Hand geben kann und es trotzdem perfekt funktioniert."

Es ist eine Musik, die mit ihren Melodien und der mit ihr verbundenen Agogik eine Natürlichkeit hat, wie sie nur bei der Operette in dem Maße vorkommt. Da gibt es nie etwas Unnatürliches. Und wenn es organisch ist, dann kann man mit der Musik mitfliegen.

Tobias Engeli, Dirigent und Workshop-Leiter

Dem Workshopleiter Tobias Engeli war besonders wichtig, "dass man in dieser Musik dirigentisch fliegen lernen kann", so der Kapellmeister der Muko. "Es ist eine Musik, die mit ihren Melodien und der mit ihr verbundenen Agogik – also mit dem Tempo nach vorne gehen, wieder zurück gehen – eine Natürlichkeit hat, wie sie nur bei der Operette in dem Maße vorkommt. Da gibt es nie etwas Unnatürliches. Und wenn es organisch ist, dann kann man mit der Musik mitfliegen." Engeli ist überzeugt, dass alle drei diese Momente des Mitfliegens erlebt und auch genossen haben.

Mann steht mit erhobenen Taktstock vor dem Orchester und gibt lächelnd einen Einsatz.
Friedrich Praetorius lebt in Leipzig, studiert aber in Weimar. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Eine wichtige Chance in Leipzig

Diese Freiheit zu erreichen, bedeutet aber auch viel Arbeit. Die größte Herausforderung ist es, genau im richtigen Moment wieder die Führung zu übernehmen, damit ein Stimmungswechsel gelingt. Oft reichen bei diesem erfahrenen Orchester kleine Gesten: "Die sind so flexibel, die reagieren bei der kleinsten Bewegung, jede kleinste Nuance wird wahrgenommen, dass man sich gerade für dieses Genre nichts Schöneres vorstellen kann", beobachtet Friedrich Praetorius.

Zwei Dirigenten stehen nebeneinander und diskutieren über Musik.
Workshop-Leiter Tobias Engeli (li.) greift nur dezent in die Proben ein. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Tobias Engeli wollte, dass die Drei auf diese Weise eigene Erfahrungen sammeln konnten. Nur hin und wieder tritt er von der Seite an die jungen Dirigentinnen und Dirigenten heran. Mal gibt er leise einige Tipps, mal bespricht er Probleme gemeinsam mit den Musizierenden. "Ich habe immer mich selbst gesehen. Bei allen Fehlern oder Ungeschicklichkeiten, die mal passiert sind, habe ich immer gemerkt 'Diese Probleme kennst du, die hast du auch.'" Dabei geht es vor allem um das Vertrauen in die Zusammenarbeit, dass das Orchester die eigene Idee umsetzen wird oder dass aus dem Ensemble auch gute Ideen kommen.

Für die Zukunft der Operette

Für die Sängerin Mirjam Neururer ist es zentral, dass das Zusammenspiel zwischen Gesang, Orchester und Pult gut funktioniert. Deswegen findet sie es so wichtig, dass junge Talente sich im Rahmen dieses Workshops ausprobieren können. "Gerade in Deutschland am Drei-Sparten-Theater ist Operette ein Muss", erklärt die Sopranistin. "Jeder Dirigentenanfänger muss mal Operette dirigieren!"

Ein Dirigent zeigt einen Daumen nach oben in Richtung des Leipziger Orchesters.
Mit klaren Zeichen gibt Friedrich Praetorius dem Orchester der Musikalischen Komödie schon während des Spiels Rückmeldung. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Dem stimmt auch Nicolò Foron zu: "Ich finde, Operette ist ein Teil der deutschen Kultur und das gibt es auch nirgendwo sonst. Deswegen muss es gepflegt werden." Die Operette ist zudem eine Herausforderung, die die Dirigentinnen und Dirigenten besonders gut auf ihren Beruf vorbereitet – da sind sich die Drei einig. Sie alle haben "Blut geleckt" und wollen weitere Operetten erarbeiten.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. Januar 2022 | 09:10 Uhr

MDR KLASSIK auf Social Media