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Für die Dirigentin Franziska Kuba ist der Chor ein "unberechenbares Wesen". Bildrechte: Felicitas Förster

"IHR WERDET SINGEN" – WIE ES IST, EINEN CHOR ZU LEITEN (TEIL 1/3)Chordirigentin Franziska Kuba: "Manchmal hilft es, die Gruppe gegen einen aufzurichten."

von Felicitas Förster, MDR KLASSIK

Stand: 25. Mai 2022, 00:00 Uhr

Franziska Kuba leitet das Vocalconsort Leipzig, ein renommiertes Ensemble für Alte Musik. MDR KLASSIK hat anlässlich des Deutschen Chorfestes 2022 in Leipzig drei junge Chordirigentinnen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen getroffen und mit ihnen über ihre Leidenschaft – das Dirigieren – gesprochen. Dirigentin Franziska Kuba wirkt in Leipzig und hat MDR Klassik davon erzählt, wie schwierig es ist, einen Chor so singen zu lassen, wie man es selbst will.

"Wi-ja-ha-haa, wi-ja-ha-haa, wi-ja-ha-haa" fliegt es durch die hohen Mauern der Leipziger Philippuskirche. Das Vocalconsort Leipzig singt sich ein. Die Sängerinnen und Sänger stehen in großem Abstand voneinander zwischen den Kirchenbänken. Corona ist schließlich immer noch ein Thema. Vor dem Altar läuft Franziska Kuba auf und ab, dirigiert den Chor mit weiten Gesten, ruft zu mehr Einsatz: "Bitte etwas aktiver!"

Ihr Blick: hellwach, geradezu ungeduldig

Das Haar trägt die junge Frau raspelkurz, sie hat einen dunklen Pulli an, eine simple Hose, dazu eine Brille mit dünnem Goldrand. So schnörkellos wie ihr Outfit ist auch der Rest ihres Auftretens.

Die Bewegungen: zielstrebig, das Lächeln: freundlich-bestimmt, der Blick: hellwach, geradezu ungeduldig. Ihre Ansagen: deutlich. Bei der Probe von Werken wie Bachs "Jesu meine Freude" bricht Franziska Kuba häufig ab, manchmal schon nach wenigen Taktschlägen. Wenn ihr etwas nicht gefällt, sagt sie das ohne Umschweife. "Falsch" ist an diesem Abend wohl ihr häufigstes Wort.

Der Chor – ein unberechenbares Wesen

Franziska Kuba weiß, was sie will – und das ist auch gut so. Denn so ein Chor, berichtet die Dirigentin, der ist ein unberechenbares Wesen. Fast immer mache er eben nicht das, was man gerade möchte. Das sei ja das Interessante an ihrem Beruf. Was also tun, wenn ein Ensemble nicht so singt, wie man will? Franziska Kuba rät, "sehr konsequent einzufordern, was man möchte oder immer wieder zu betonen, dass es das noch nicht war."

Nicht immer kommen Franziska Kubas Entscheidungen beim Chor gut an. Für die 30-Jährige kein Problem. Etwas Widerwillen bei den Sängerinnen und Sängern kann ihr zufolge sogar nützlich sein, erzählt die Dirigentin:

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es manchmal hilft, die ganze Gruppe gegen einen aufzurichten, weil es sie in dem Moment als Gruppe zusammenschweißt.

Franziska Kuba, Chordirigentin

Kuba lacht, ergänzt: "Ist gemein, oder?"

Die allererste Probe – eine Katastrophe

Um ein musikalisches Ziel zu erreichen, braucht es klare und unverblümte Worte, findet Franziska Kuba. Bildrechte: Felicitas Förster

Das erste Mal dirigieren – daran erinnert sich Franziska Kuba genau. Das war in ihrem Schulmusikstudium, wo sie eine Gruppe Mitstudierender anleiten durfte. Eine schöne Erfahrung, sollte man meinen. Weit gefehlt: Es war eine Katastrophe. Sie habe hohe Ansprüche an die Probe gehabt, die Studierenden haben diese aber nicht umgesetzt. Da sei sie sauer geworden, habe die Gruppe "richtig fertiggemacht." Manche Leute hätten sie "danach gehasst", erinnert sie sich.

Trotzdem hat sich für die Dirigentin damals eine Weiche gestellt. In dieser Probe habe sie gemerkt, was in ihr steckt: der Wille, zu dirigieren. Der treibt sie an – und ohne den hätte sie es wohl nicht geschafft, durch das Chordirigierstudium. Das war hart, sagt Kuba: Wenig Schlaf, ständig lernen, ständig üben. Hinzu kam eine weitere Problematik: "Dass du in Proben oder auch Unterrichten den ganzen Tag kritisiert wurdest, teilweise unpädagogisch, wenig konstruktiv, sehr viel Druck." Dies sei sehr anstrengend gewesen, sie habe viel gearbeitet.

Arbeiten am lebenden Objekt

Als Chordirigentin trägt Franziska Kuba eine besondere Verantwortung. Schließlich arbeitet sie gewissermaßen am lebenden Objekt. Das Instrument sei so nah an jedem Sänger und jeder Sängerin dran: "Die können ja nicht sagen, ich lege jetzt mal meine Stimme ab. Die ist immer dabei, ob sie schlecht geschlafen haben, oder wegen ihres Menstruationszyklus’ bluten – auch dann klingt die Stimme anders."

"Wenn ich mit Instrumentalistinnen arbeite, denke ich: 'Was ist das für eine Entspannung! Ich bin nicht die ganze Zeit damit beschäftigt, ob ich jemandem sängerisch wehtue mit meinem Dirigat.' Wenn ich Sängerinnen dirigiere, bin ich fast immer im Austausch mit ihrer Gesangstechnik und versuche sie durch meine Bewegungen dazu zu bekommen, gesund zu singen und schön."

Frauen an die Pulte!

Auf ein Thema werde sie in jedem Interview angesprochen, erzählt Franziska Kuba. Nämlich das Thema "Frauen im Dirgierberuf". Genervt sei sie davon nicht, im Gegenteil: Sie findet das Thema wichtig. Schließlich gebe es für Frauen, die dirigieren wollen, noch immer strukturelle Hürden und zu wenige Vorbilder: "Es gibt keine einzige Frau, die eine Chefdirigierposition hat an den Rundfunkchören", bemängelt die 30-jährige, "und nur einzige Frau, die eine Hauptfachklasse an einer deutschen Hochschule leitet."

Die Dirigentin spürt Verantwortung für die Sängerinnen und Sänger des Chors. Bildrechte: Felicitas Förster

Sie wäre gerne Vorbild, sagt Franziska Kuba: ein Vorbild für jüngere Frauen, die dann dank Vorreiterinnen wie ihr im Dirigierberuf weniger Hürden haben.

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Dieses Thema im Programm:MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 23. Mai 2022 | 08:40 Uhr