Wagner22 Wagnerfans in Leipzig – zwischen Sucht und Besessenheit

Kaum ein Komponist hat so eine Gefolgschaft wie Richard Wagner: Sogenannte Wagnerianerinnen und Wagnerianer reisen durch die ganze Welt, um Aufführungen zu sehen. Natürlich sind viele von ihnen auch nach Leipzig gekommen, um bei dem Festival Wagner22 dabei sein zu können. MDR KLASSIK hat einige von ihnen getroffen.

Blick auf das erleuchtete Leipziger Opernhaus in der Dämmerung.
Für die Leipziger Oper ist das Festival Wagner22 eine Mammutaufgabe. Bildrechte: Oper Leipzig/Kirsten Nijhof

Wer mehrere Aufführungen während des Festivals Wagner22 in Leipzig besucht, wird immer wieder gleiche Gesichter sehen und hören, wie Menschen auf Englisch (vielleicht auch Japanisch oder Italienisch) über die Qualität der Produktionen diskutieren – immerhin gingen gut ein Viertel der Karten an Publikum, das nicht in Deutschland lebt.  

Schwieriger Weg zu Wagner 

Der Weg zu Richard Wagner kann ganz unterschiedlich aussehen. Die Irin Helen kann sich nicht erinnern, wann sie kein Fan von Wagner war: Ihre erste Begegnung mit seiner Musik hatte sie bereits mit vier Jahren, was "ziemlich ungewöhnlich ist", wie sie selbst sagt. Ihr Vater besaß eine große Plattensammlung, die sie sich an regnerischen Tagen mit ihren Geschwistern anhörte. In diesen Momenten legten sie besonders gerne Wagner auf, wie den "Ritt der Walküren" – "Das ist zwar etwas kitschig, aber ich habe es geliebt."

Eine ältere Frau mit kurzen blonden Haaren und bunter Jacke lächelt in die Kamera.
Niemand in der Familie der Irin Helen liebt Wagner so wie sie. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Andere haben etwas länger gebraucht, um Wagner lieben zu lernen. Howard aus London kann sich noch erinnern, dass er "Parsifal" beim ersten Hören hasste. Erst 40 Jahre später beschloss er für sich, dass es "die beste Oper ist, die jemals geschrieben wurde". Ähnlich ging es auch seiner Begleiterin Margaret: Als sie den "Ring des Nibelungen" sah, wollte sie nur zurück zu Verdi, Mozart und Puccini. "Aber ich hatte eine sehr kluge Studierende, die meinte: 'Oper ist der Mittelpunkt Ihres Lebens. Wenn Sie keinen Zugang zu Wagner finden, werden sie es bereuen'." Also besuchte sie Vorträge und hörte sich Aufnahmen an, bis sie sich bereit fühlte. Sie dachte über Wagner nach, hörte und las mehr – "es wurde wie eine Obesssion". Inzwischen versteht sie sich als "Wagner-Groupie", aber sie liebt ebenso Verdi, Mozart, Donizetti – eben Oper. 

Eine Frau mit grauem Kurzhaarschnitt und goldener Kette lächelt in die Kamera.
Margaret, Lehrende an einer juristischen Fakultät, hat erst mit einigen Anstrengungen Wagner für sich entdeckt. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Arbeit und Austausch 

Wagnerianer oder Wagnerianerin, zumindest Wagner-Fan zu sein, klingt nach harter Arbeit. "Man muss seinen Komponisten kennen", erklärt Helen. Denn zwar steht in ihrer persönlichen Rangfolge Beethoven auf Platz eins, doch keinen glaubt sie so gut zu kennen wie Wagner. Howard würde das jedoch nicht als Arbeit bezeichnen: "Je vertrauter man mit dem Werk ist, desto mehr liebt man es." 

Ein Mann kurzen, blonden Haaren und schwarzem Polo-Shirt lächelt in die Kamera.
Howard ist begeistert von der Kraft in Wagners Musik. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Der Austausch und das Treffen ist den Wagner-Fans besonders wichtig und ein zusätzlicher Reiz für Reisen: Eiko stammt aus Japan und lebt inzwischen im kalifornischen San Francisco. Nicht zum ersten Mal trifft sie ihre Freundin Pauline aus Australien bei einer Wagner-Aufführung. "Es ist eine sehr ausgewählte und sehr gut informierte Gruppe von Menschen", erzählt Pauline. "Sie alle haben ihn erforscht, studiert – es ist großartig. Wir sind alle auf der gleichen Reise, Wagner zu genießen und zu erkunden."

Dazu gehören aber auch die dunklen Seiten Wagners. Dabei geht es nicht nur um die Verehrung seiner Person und seines Werkes durch die Nazis und die Rolle von Wagners Nachkommen im Dritten Reich, sondern auch den ausgeprägten Antisemitismus des Komponisten selbst. Die Wagner-Fans wissen um die Debatten: Margaret erzählt, dass einige jüdische Bekannte nicht über Wagner sprechen wollen. Umso begeisterter ist sie von der Aufarbeitung, um die man sich in Deutschland, auch bei den Bayreuther Festspielen bemüht. Doch die meisten Wagner-Fans blenden diesen Aspekt lieber aus: Sie erklären die Wagners Gesinnung mit dem Zeitgeist und trennen die Kunst klar von der Politik. Das sind einfache Antworten, die Menschen außerhalb vielleicht leichter fallen als hierzulande.

Anziehungskraft von Leipzig und anderen deutschen Städten 

Eine Frau mit dunklen Haaren und einer Brille schaut in die Kamera, im Hintergrund ist ein Opernfoyer zu sehen.
Eiko findet viele Wagner-Inszenierungen in den USA für zu traditionell. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

In Deutschland wirkt es nicht so, doch tatsächlich gibt es gar nicht so viele Gelegenheiten, Wagners Werke zu genießen. Die Japanerin Midori Kambara hat Wagner zwar bei einer Aufführung von "Der Ring des Nibelungen" in Tokio kennengelernt, doch um mehr von ihm zu hören, musste sie reisen. Da in Japan kaum Opern gespielt werden, war Wagner für sie eine Neuentdeckung "und ich will für den Rest meines Lebens Wagner hören." Auch Eiko Kikawada sucht nach Neuem und ist von unterschiedlichen Inszenierungsansätzen begeistert: "Es ist spannend zu sehen, wie Menschen verschiedene Bedeutungen erkennen. Es bleibt Wagners Musik, aber es sind unterschiedliche Ideen."

Außerhalb Deutschlands und Europas werden Wagners Werke deutlich seltener aufgeführt, vor allem frühe Werke wie "Tannhäuser" oder "Lohengrin". Alle 13 Opern in chronologischer Reihenfolge ist weltweit einmalig. "Bayreuth sollte sich in Acht nehmen", sagt ein Mann aus England scherzhaft. Für Wagner-Fans und auch aus Deutschland wird Leipzig so zum Anziehungspunkt. 

Neuer Blick und alte Lieblinge 

Dennoch haben viele der eingefleischten Wagner-Fans auch die frühen Werke schon gehört, doch eine Inszenierung haben sie meistens noch nie erlebt. Sie sind fasziniert davon, die Entwicklung ihres Lieblingskomponisten zu erleben. Sie hören genau hin, wo sich schon spätere Werke andeuten. Die meisten sind sich einig: "Die Feen" ist überraschend beeindruckend, während "Das Liebesverbot" zu sehr nach Operette klingt, so Howard. Helen O’Neill war voller Vorfreude auf "Rienzi", weil in diesem Werk "Wagner zu Wagner wird". 

Opernszene: Eine Mann schwebt an einem Schmetterling hängend über eine Gruppe in gelben Kleidern.
"Die Feen" ist die erste Oper von Wagner und wird nur selten gespielt. Bildrechte: Tom Schulze

Doch das Lieblingswerk von allen bleibt "Der Ring des Nibelungen". Helen ist zu Aufführungen auf der ganzen Welt gereist: "Ich habe so viele Ring-Zyklen gesehen, ich weiß nicht mehr wie viele." Besonders begeistert ist sie wie viele andere vom dritten Akt in "Die Walküre", wenn Wotan seine Tochter Brünnhilde mit einem Schlafzauber belegt. Dabei habe sie immer Tränen in den Augen, erzählt die Irin. Auch Pauline Holgerson ist immer wieder begeistert. Sie kann sich gar nicht vorstellen nach einer "Ring"-Aufführung ein anderes Stück sehen zu wollen. Stattdessen möchte sie "gleich wieder von vorn" beginnen. 

Auf der Bühne der Leipziger Oper steht eine schiefe Hausfassade, in deren Fenster Tänzer stehen. Im Vordergrund ist rechts ein Mann in blauem Mantel und links eine Frau in grünem Kampfanzug zu sehen.
Vor allem das Finale von "Die Walküre" berührt viele Wagner-Fans. Bildrechte: Tom Schulze

Warum Wagner verehren 

Eine älter Frau mit violett schimmerndem Haar und einem gelben Band um den Hals lächelt in die Kamera.
"It's a complete addiction" - sagt Pauline Holgerson. Bildrechte: MDR/Thilo Sauer

Die Australierin vergleicht die Liebe zu Wagner mit einer Sucht, "die ich nicht loswerden möchte". Ihre Freundin Eiko stimmt ihr zu: "Es ist wie Drogen: teuer und du wirst es nicht los." Dass man immer wieder Wagner hören kann und möchte, liegt auch an der Qualität seiner Werke, meint der Musikjournalist und Wagner-Fan Magnus Andersson: "Gerade seine späteren Werke sind so fortschrittlich und wirken manchmal so chaotisch, dass ich das Gefühl habe, sie zum ersten Mal zu hören. Es gibt immer neue Details in der Partitur zu entdecken, die einem tieferes psychologisches Verständnis der menschlichen Natur eröffnen." Dazu gehört auch das Dreiecksverhältnis von Wotan, Brünnhilde und Siegfried. Helen liebt es, wie Wagner Charaktere beschreibt und dass die berühmte Walküre die eigentliche Heldin der Geschichte ist. Doch das ist nur ein Aspekt, den sie in Worte fassen kann: "Da ist etwas bei Wagner, das einzigartig und wundervoll ist. Wagner berührt mein Herz, wie kein anderer Komponist."

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 14. Juli 2022 | 07:10 Uhr

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