Uraufführung Wiederentdeckte Oper "Grete Minde" in Magdeburg

Grete Minde wird von ihren Tangermünder Mitmenschen als Außenseiterin geächtet und um ihr Erbe gebracht. Ihre Rache ist bitter: sie legt die Stadt in Brand. Dabei kommt Grete mit ihrem Kind vor aller Augen ums Leben. Aus Fontanes Novellen-Stoff hat der Komponist Eugen Engel eine Oper gemacht, die jetzt in Magdeburg uraufgeführt wurde.

Bühnenszene aus der Oper "Grete Minde" 55 min
Schon bei Fontane eine Außenseiterin: "Grete Minde" auf der Opernbühne! Bildrechte: Andreas Lander
55 min

Vor fast 90 Jahren schrieb der musikalische Autodidakt Eugen Engel seine Oper "Grete Minde". Engel wurde 1943 von den Nazis ermordet. Am Theater Magdeburg wurde das Werk wiederentdeckt und posthum uraufgeführt.

MDR KLASSIK Sa 19.02.2022 20:05Uhr 54:43 min

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Die Musik von Eugen Engel enthält alles, was zu einer gut gemachten Oper gehört: große Chorszenen, Duette, Arien, Lieder. Die Musik ist flirrend, schwelgend, aufbrausend, zart, lyrisch und wechselt geschickt und zügig von Szene zu Szene. Vieles erinnert an Musik von Richard Wagner oder Richard Strauss:  Ein spätromantisches und sehr komplexes Werk aus der Feder des Autodidakten Eugen Engel.

Wie der jüdische Kaufmann zur Musik kam, ist bislang nicht bekannt. Erst langsam wird sein Werk – auch Dank der Initiative seiner Enkel – Stück für Stück erschlossen und veröffentlicht. Lange lagen die Noten, Briefe und andere Dokumente im Koffer, den seine Tochter Eva in die USA hinüberretten konnte. Erst nach deren Tod 2006 fanden die Nachkommen den Mut, sich mit ihrer Familiengeschichte zu beschäftigen und öffneten den Koffer.

Eugen Engel: Kaufmann und Komponist

Eugen Engel wurde 1875 in einem kleinen ostpreußischen Dorf geboren. Ein Teil der Familie zog Ende des 19. Jahrhunderts nach Berlin. Sie hatte ein eigenes Geschäft und handelte mit Damenkonfektionsstoffen.

Bühnenszene aus der Oper "Grete Minde"
Die Puppenspieler kommen nach Tangermünde. Szene aus dem 1. Akt  (im Zentrum: Johannes Wollrab). Bildrechte: Andreas Lander

Engels Leidenschaft aber gehörte der Musik. Oft ging er in Konzerte, wo er die Partituren mitlas oder er besuchte mit seiner Tochter Musikgeschäfte, um sich Schallplattenaufnahmen anzuhören. Es gibt einzelne Briefe, wie etwa an den Dirigenten Bruno Walter oder den Pianisten Edwin Fischer, die von der Teilnahme am Berliner Musikgeschehen zeugen. Sie ergeben aber kein wirkliches Gesamtbild des Musikers und Komponisten Eugen Engel.

Offene Fragen

Und noch eine Geschichte ist bislang rätselhaft: Das Libretto zu "Grete Minde" stammt von Hans Bodenstedt, einem Journalisten und Rundfunkpionier, der sich ab den 1930er zum Nationalsozialismus bekannte und der NSDAP beitrat. Zwar vollendete Bodenstedt das Libretto schon 1914, aber Eugen Engel arbeitete immerhin bis Anfang der 30er Jahre an der Musik.

Wie und wann sich Librettist und Komponist begegnet sind, ist noch vollkommen offen. Eugen Engel wurde am 26. März 1943 in Sobibor ermordet. Hans Bodenstedt wurde nach dem Krieg entnazifiziert und arbeitete als freier Mitarbeiter im öffentlich-rechtlichen Sender in Hamburg.

Aufführung in Magdeburg

Bühnenszene aus der Oper "Grete Minde"
Szene aus dem 2. Akt, Karina Repova ( links als Domina), Benjamin Lee (als Hanswurst), Raffaela Lintl (Grete Minde) Bildrechte: Andreas Lander

Anna Skryleva, Generalmusikdirektorin am Theater Magdeburg, war von Anfang an von der Qualität der Musik überzeugt und hat sich maßgeblich für die Aufführung der "Grete Minde" eingesetzt. Sie führte ihr Orchester gekonnt durch den Uraufführungs-Abend und arbeitete die vielschichtigen Klänge und Farben sorgsam heraus. Das Ensemble war insgesamt gut besetzt. Besonders Raffaela Lintl in der Rolle der Grete Minde stach hervor. Sie hat die wirklich anspruchsvolle Rolle mehr als gut bewältigt, mit einer sehr angenehmen kraftvollen und nie angestrengt wirkenden Stimme. Auch der Chor überzeugte.

Bühnenbild erinnert an Eugen Engel

Die Regisseurin Olivia Fuchs siedelte die Handlung in den 1930er/ 40er Jahren an und nimmt somit Bezug auf die Biografie des Komponisten Engel. Im ersten Akt türmen sich einige Koffer auf der Bühne – ein Sinnbild für die Schoah.

Die Figuren wirken recht statisch und agieren wenig. Es entsteht der Eindruck, als hangele sich die Inszenierung eins zu eins am musikalischen Geschehen entlang. Dennoch gibt es einige berührende Momente, etwa am Anfang des dritten Akts, wenn schwarz-weiß Fotografien der Landschaft und Wege um Tangermünde auf der Leinwand zum Orchestervorspiel langsam ineinander übergehen. Insgesamt wären mehr Mut und Haltung wünschenswert gewesen.

Bühnenszene aus der Oper "Grete Minde"
Tangermünde steht in Flammen, Szene aus dem 3. Akt. Raffaela Lintl als Grete Minde (oben stehend) Bildrechte: Andreas Lander

Grete Minde – ein hochaktueller Stoff 

Der Stoff zur "Grete Minde" ist spannend und aktuell. Themen wie die Emanzipation der Frau, die bei Fontane oft eine große Rolle spielt, stecken genauso darin wie der Umgang von Menschen verschiedener Religionen miteinander und mit gesellschaftlichen Zwängen und Normen. Es gibt viele Möglichkeiten für Interpretation und Deutung und es wäre spannend zu sehen, wie andere Musiktheaterregisseurinnen und -regisseure mit diesem wiederentdeckten Werk umgehen.

Nächste Vorstellungen Sonntag, 20.2.2022, 16 Uhr
Samstag, 5.3.2022, 19:30 Uhr
Samstag, 26.3.2022, 19:30 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 03. Februar 2022 | 09:10 Uhr

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