Architektur Moderne Opernhäuser - baulich fit für die Zukunft?

Um die 80 Theater und Opernhäuser wurden in der frühen Bundesrepublik und in der DDR nach dem Krieg gebaut – so viele wie nie zuvor und vermutlich nie danach. Mittlerweile sind diese Bauten in die Jahre gekommen und sind Teil einer gänzlich veränderten Gesellschaft. Es gibt viele Ideen dazu, Opernhäuser stärker für die Gesellschaft zu öffnen und dafür die architektonischen Ideen der Entstehungszeit der Häuser zu nutzen.

Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin, 1998
Die Deutsche Oper Berlin wurde 1961 eröffnet und ist das größte der drei Opernhäuser in Berlin. Das Gebäude war Ersatz für die an gleicher Stelle im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deutsche Oper. Bildrechte: dpa

Schlicht, glatt, modern

Die glatte, fensterlose Fassade der Deutschen Oper Berlin zur Straße hin galt damals als modern und als Antithese zu den pompösen Opernportalen des aristokratischen Zeitalters. Mit den Opernbauten von Berlin-Charlottenburg bis Bochum, von Karlsruhe bis Hamburg hatte man in der frühen Nachkriegszeit den Anspruch, die neu gewonnene Demokratie zu versinnbildlichen.

Groß, weit, offen

Opernhaus von Leipzig aus den 60er Jahren.
Das Opernhaus Leipzig ist im neoklassizistischen Stil gehalten. Bildrechte: picture alliance / AP Images

Aber auch ostdeutsche Nachkriegs-Opernbauten wie die Komische Oper Berlin oder das Opernhaus Leipzig zeichnen sich durch großzügige Räume auch jenseits von Zuschauerraum und Bühne aus. Anna Rose ist Stadtplanerin und beschäftigt sich mit einer zeitgemäßen Nutzung dieser Musiktheaterräume, die mittlerweile Baudenkmäler sind: "Man muss schon sagen, dass die Architekten der Nachkriegszeit sich da sehr stark Mühe gegeben haben, diese offene Architektur zu machen. Also die offenen, großen Foyers, die eigentlich als flexible Landschaften gedacht sind."

Die Flexibilität der großen Räume nutzen

Ein Foyer der Oper Leipzig, 2010
Die Farbgebung in den Foyers der Oper Leipzig - die Farbe der Wände, Ornamente aus Blattgold und der weinrote Teppich - sind typisch für die Zeit der Errichtung. Bildrechte: dpa

Doch mittlerweile, so Rose, seien die Ansprüche an demokratische Teilhabe auch im Kultursektor andere geworden. Die bauliche Weitläufigkeit von Foyers der fünfziger und sechziger Jahre sei eher eine symbolische gewesen – genutzt worden seien sie weiterhin durch gesellschaftliche Eliten. Doch Anna Rose möchte bezüglich Demokratie und Teilhabe nicht lediglich symbolisch bleiben. Sie möchte tatsächlich andere Teile der Bevölkerung ins Opernhaus locken. Die Flexibilität sei durch die Architektur der Opernbauten gegeben, sagt die Stadtplanerin: "Aber die Flexibilität kann auch dazu führen, dass gar nichts passiert (...), da man dann eben auch die organisatorischen Strukturen braucht, die das unterstützen. Man muss dann quasi Stellen besetzen, die sich um die Programmierung des Foyers genauso kümmern wie es Stellen gibt, die sich um die Programmierung des Bühnenraums kümmern."

Wunsch nach Beweglichkeit

Das Opernhaus in Oslo
Das Opernhaus in Oslo ist einem treibenden Eisberg nachempfunden und gilt als größtes norwegisches Kulturprojekt der Nachkriegszeit. Bildrechte: imago images/photothek

Selbst bei zeitgenössischen Opernbauten finden allerdings die Anpassungen an die Offenheit moderner Gesellschaften meist nur im Foyer und außerhalb des Opernhauses statt. Das durch sein begehbares Dach vielgerühmte Opernhaus Oslo, gebaut vor rund zehn Jahren, orientiert sich für Zuschauerraum und Bühne an der Semperoper Dresden – ein bewährtes, aber konservatives Konzept von Oper und Musiktheater. Zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten würden sich auch für Orchestergraben, Zuschauerraum und Bühne bei Neubauten ebenfalls mehr Flexibilität wünschen – in dem Maße, wie die Stücke und Inszenierungen heutzutage viele Gestalten annehmen können. Dazu sagt etwa die als Opernkomponistin sehr erfolgreiche Sarah Nemtsov:

Sarah Nemtsov, 2013
Bildrechte: IMAGO / Future Image

Ich hätte, glaub ich, am liebsten so eine große Wabe mit vielen Ebenen, die man hoch- und runterfahren kann und mobilen Sitzgelegenheiten, wobei Sitzgelegenheiten auch nicht unbedingt nur Stühle sind. So, dass man eigentlich alles immer anders verteilen könnte. So, wie es das Werk gerade braucht oder wie es die Menschen brauchen.

Sarah Nemtsov, Opernkomponistin

Das Konzept, Instrumente im Orchestergraben zu verstecken, wäre damit noch kein Konzept der Vergangenheit – aber eines, das mit anderen Konzepten von Musiktheater in einem Opernbau konkurrieren muss.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. November 2021 | 08:40 Uhr

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