Musikarchäologie Vom Klang des antiken Griechenland

Gelegentlich verweisen archäologische Funde auf die musikalische Praxis unserer Vorfahren: auf Instrumente und Gesang oder gar alte Notationssysteme. Nahezu vergessene Musik erneut zum Leben zu erwecken, ist dennoch schwer. Deshalb gibt es die wissenschaftliche Disziplin der Musikarchäologie. In der Ausstellung „Klangbilder“ im Alten Museum Berlin arbeiten Archäologen und Musikarchäologen daran, den Klang der griechischen Antike für das Publikum erlebbar zu machen.

Aulos-Spieler – eine Steinstatuelle aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v.Ch.
Aulos-Spieler – eine Steinstatuelle aus der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts v.Ch. Bildrechte: IMAGO/Artokoloro

Der Aulos ist ein Blasinstrument mit zwei Rohren. Diese streben vom Mundstück v-förmig auseinander. Auf diese Weise wird der Luftstrom durch beide Rohre geleitet und die Musik ist stets zweistimmig. Aber die Aulos-Klänge des sechsten bis dritten griechischen Jahrhunderts vor Christus sind heute fast vergessen. Während Aulos-Spieler in Abbildungen überliefert sind, sind Funde des Instruments sehr selten. Das Alte Museum in Berlin zeigt immerhin ein Bruchstück: eine dünne bronzene Spange. Es ist ihr nicht anzusehen, dass sie einst Teil eines Musikinstruments war, für den Musikarchäologen Stefan Hagel ist sie trotzdem ein besonderes Exponat.

Das ist ein Stück des Mechanismus zum Schließen und Öffnen der Tonlöcher auf einem Aulos. Davon haben wir nicht viele weltweit. Und das Instrument dazu fehlt. Aber es ist so exzellent erhalten, dass sich die feinsten Details hervorragend studieren lassen.

Stefan Hagel, Musikarchäologe

Zusätzliche Informationen liefert eine Statue aus dem antiken Pergamon. Sie befindet sich in einem Moskauer Museum: Ein Mann hält dort eine detailliert ausgearbeitete Aulos-Darstellung in seinen Händen. Und auch die Metallspange ist hier Stein geworden. Sie diente, so Hagel, im vierten Jahrhundert vor Christus dazu, die Spielmöglichkeiten durch technische Neuerungen zu erweitern.

Musikalischen Geheimnissen auf der Spur

Arbeit eines anonymen Athener Vasenmalers. Auf weißem Grund ist Apollo dargestellt. Seine linke Hand berührt die Saiten seiner Lyra.
Arbeit eines anonymen Athener Vasenmalers. Auf weißem Grund ist Apollo dargestellt. Seine linke Hand berührt die Saiten seiner Lyra. Bildrechte: IMAGO/Andreas Neumeier

Agnes Schwarzmaier und Nina Zimmermann-Elseify haben die „Klangbilder“-Ausstellung in Berlin kuratiert. Sie sind Archäologinnen, keine Musikarchäologinnen. Doch auch ihr Wissen über die Bildsprache des klassischen Altertums ist wichtig beim Versuch, die Musik der vorchristlichen Zeit zu rekonstruieren, sagt Agnes Schwarzmaier.

Eine Kithara zum Beispiel ist nirgendwo erhalten geblieben. Um ein solches Musikinstrument zu rekonstruieren sind wir auf Abbildungen auf attischen Vasen angewiesen.

Nina Zimmermann-Elseify, Archäologin und Kuratorin der Ausstellung "Klangbilder"

Der Charakter der Musik

Das gilt auch für die kulturelle und soziale Bedeutung, die ein antikes Instrument besaß. Auf einer Vase der Berliner Ausstellung etwa ist Orpheus dargestellt. Der berühmteste Sänger der griechischen Mythologie spielte die Kithara – allein das zeigt ihren Stellenwert. Nina Zimmermann-Elseify erklärt, wie sich auf antiken Darstellungen musikalischer Ereignisse deren Wirkung auf die damalige Gesellschaft nachvollziehen lassen.

Wir sehen hier Krieger aus Thrakien, die selbstvergessen Orpheus‘ Gesang lauschen. Bei ihnen sehen wir das Beruhigende, das Befriedende der Musik. Ihren dämonischen Charakter hingegen, das Dunkle thematisiert der Mythos von Odysseus und den Sirenen.

Nina Zimmermann-Elseify, Archäologin und Kuratorin der Ausstellung "Klangbilder"
Eine antike Keramikvase "Odysseus und die Sirenen" (ca 480 vor Christi)
Eine antike Keramikvase "Odysseus und die Sirenen" (ca 480 vor Christi) Bildrechte: dpa

Wie die dramatischen Stellen der Odyssee einst von fahrenden Sängern vorgetragen wurde – lässt sich nur vermuten. Aufzeichnungen darüber gibt es nicht. Zu Lebzeiten Homers vor rund dreitausend Jahren wurden Melodien nur mündlich von Sänger zu Sänger, von einer Generation zur nächsten weitergegeben. Und doch meint der Musikarchäologe Stefan Hagel gäbe es Hinweise. Das Versmaß Homers etwa ließe durchaus Rückschlüsse auf die Darbietungspraxis zu.

Klangbilder – Musik im antiken Griechenland Ausstellung im Alten Museum Berlin vom 26.08.2021 bis 03.07.2022

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 13. Januar 2022 | 08:40 Uhr

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