Musikpädagogik Musik im Strafvollzug dient der Resozialisierung

Für die musikalische Arbeit in Justizvollzugsanstalten – darin sind sich Fachleute für inklusive Musikpädagogik einig – braucht es vor allem Willen, Motivation und die Unterstützung der Gefängnismitarbeiterinnen und -mitarbeiter. Und es braucht öffentliche Aufmerksamkeit. Ein neues Buch der Herausgeber Alicia de Bánffy-Hall, Daniel Mark Eberhard und Annette Ziegenmeyer eröffnet neue Perspektiven aus Forschung und Praxis.

Das Gebäude einer Justizvollzugsanstalt.
Die Arbeit in Justizvollzugsanstalten stellt Musikpädagogen vor besondere Herausforderungen. Bildrechte: dpa

Das Buch „Musik im Strafvollzug“ ist eine umfangreiche wissenschaftliche Aufsatzsammlung. Sie wendet sich vor allem an Musikpädagogen, die eine Arbeit im Justizvollzug erwägen.

Dabei gibt es auch Autoren, die die Frage stellen, ob musikpädagogische Angebote in einer Strafanstalt angesichts der dort omnipräsenten Symbole von Macht und Kontrolle überhaupt sinnvoll sind, geschweige denn zur Resozialisierung der Gefangenen beitragen können. Andere wieder sind der Ansicht, dass verschiedene musikpädagogische Formate die Resozialisierung von Gefängnisinsassen durchaus unterstützen. Besonders sinnfällig ist das in den letzten Jahren etwa bei Education-Projekten der Berliner Philharmoniker in der Justizvollzugsanstalt Berlin-Tegel geworden.

Ein Mann musiziert auf einer elektrischen Gitarre.
Ein Mann musiziert auf einer elektrischen Gitarre. Bildrechte: dpa

Gemeinsam mit dem Gefängnis-Theater „Aufbruch“ wurde hier eine eigene Version der Beethoven‘schen Gefängnis-Oper „Fidelio“ erarbeitet – mit Beiträgen der Gefangenen aus ihrer musikalischen Erfahrungswelt. Bei solchen Projekten ist zu spüren, dass die Gefangenen ihre Identität auf neue Art erfahren und auch über ihre Existenz im Gefängnis hinausdenken. Dass Musik zur Resozialisierung beitragen kann, davon ist auch Daniel Mark Eberhard überzeugt. Er ist einer der Herausgeber des Buches „Musik im Strafvollzug“. Man müsse sich zunächst von der Vorstellung lösen, dass Musik ein soziales Allheilmittel sei.

Menschen sollen sich anders erfahren

Daniel Mark Eberhard
Daniel Mark Eberhard Bildrechte: Daniel Mark Eberhard

Im Gefängnis machen sie jetzt Musik, und dann sind alle bessere Menschen. So ist es natürlich nicht. Nein, aber wir versprechen uns vom Modus, in den man sich bei der Auseinandersetzung mit Musik begibt, positive Effekte in vielfacher Hinsicht. Vor allem auf emotionaler Ebene, und – wenn das entsprechend angeleitet ist – auch auf sozialer Ebene.

Daniel Mark Eberhard, Hrsg. des Buches "Musik im Strafvollzug"

Es ginge darum, führt Eberhard aus, dass Menschen sich anders erfahren: nicht mehr als gewalttätig, als defizitär und nicht vereinbar mit Gesetz und Ordnung. Musik vermittele das Gefühl der Selbstwirksamkeit, Stolz und eine neue Erfahrung der eigenen Person – eine Erfahrung, die einzigartig ist und keineswegs vergleichbar mit anderen etwa beim Boxen, Fußballspielen oder Betrachten eines Bildes. Daniel Mark Eberhard und seine Mitstreiter weisen aber immer wieder auch darauf hin, dass Musikpädagogik in Gefängnissen institutionell nur schwach verankert ist – und wenig professionalisiert.

Wir haben zu wenige Musikpädagogen, die musikalische und soziale Arbeit verbinden können. Wir brauchen „Community musicians“, Leute, die einen Blick haben für die jeweilige Zielgruppe und die Möglichkeiten, die sich darin ergeben. Wir brauchen Menschen in diesen Einrichtungen, die offen zugehen auf Inhaftierte oder Arrestierte.

Daniel Mark Eberhard, Hrsg. des Buches "Musik im Strafvollzug"

Die gibt es. Doch sind das bisher Einzelkämpfer, die ihre Erfahrungen selbst gesammelt haben. So wie Klaus Volland, der seit 1989 Gitarrenunterricht in der JVA Hamburg-Fuhlsbüttel gibt.

Besonders eignen sich Rhythmusspiele. Auch ungewöhnliche Fragestellungen können eine hohe Aufmerksamkeit erzielen, zum Beispiel: Was hat Gitarrespielen mit Erdanziehungskraft zu tun? Bei beiden Tätigkeiten geht es um die Fähigkeit, sich fallen zu lassen. Viele Teilnehmer haben hier Schwierigkeiten.

Klaus Volland

Doch das Buch „Musik im Strafvollzug“ eignet sich nicht nur für Musikpädagogen. Es regt auch dazu an, grundsätzlich über die Möglichkeiten eines modernen Strafvollzugs nachzudenken.

Cover
Bildrechte: Waxmann

Musik im Strafvollzug - Perspektiven aus Forschung und Praxis, Alicia de Bánffy-Hall, Daniel Mark Eberhard, Annette Ziegenmeyer (Hrsg.) Waxmann 2021, 322 Seiten, broschiert, 34,90 €, ISBN 978-3-8309-4407-2

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 06. Januar 2022 | 09:47 Uhr

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