Verlage im Wandel Musikverlage – eine Branche trotzt der Pandemie

Im deutschsprachigen Raum gibt es eine ganze Reihe traditionsreicher und bedeutender Musikverlage. Die ältesten unter ihnen existieren bereits über zweihundert Jahre. Der Schott-Verlag in Mainz gehört dazu, der Bärenreiter-Verlag in Kassel und die Edition Peters in Leipzig. Aber auch an kleineren Verlagen mangelte es bisher nicht. Die Corona-Pandemie gefährdet dieses Gefüge nun: Konzerte und Opernaufführungen wurden abgesagt, der Einzelhandel verzeichnete empfindliche Einbußen. Für die Verlage ist das eine Belastungsprobe.

Ein Notenblatt Ludwig van Beethovens, ausgestellt im Musik- und Musikbuchverlag Schott Music.
Ein Notenblatt Ludwig van Beethovens, ausgestellt im Musik- und Musikbuchverlag Schott Music. Bildrechte: dpa

Der Berliner Musikverlag Ries & Erler hat drei kleinere Verlage übernommen. Wie ist diese Nachricht im Angesicht der Krise einzuordnen? Auf den ersten Blick überraschte die Nachricht, dass ein relativ kleiner Musikverlag wie Ries & Erler in Berlin drei noch kleinere Notenverlage aufkauft. Denn das Geld ist knapp bei den Musikverlagen. Bereits im Jahr 2020 gab es weniger Aufführungen an Opern- und Konzerthäusern als zuvor. Auf diese Aufführungstantiemen aber sind die Verlage angewiesen. Und das ist nicht alles. Der Justiziar des Schott-Verlags in Mainz, Thomas Sertl, schildert, welche pandemiebedingten Ausfälle die Verlage zusätzlich kompensieren müssen.

Im Notenverkauf hatten wir die größten Rückgänge im ersten Lockdown. Die Zahlen sanken dramatisch. Damals ist uns das gesamte Einzelhandelsgeschäft weggebrochen.

Thomas Sertl, Justiziar des Schott-Verlags in Mainz

Das habe sich inzwischen erholt, sagt Sertl. Auch die Digitalverkäufe im Onlinehandel. Aber auch in diesem Bereich lägen die Zahlen substantiell unter denen, die vor der Pandemie erreicht worden seien. Die Verluste sind erheblich – aber nicht so groß, wie zu Beginn der Pandemie befürchtet. Ries & Erler etwa ist ein traditionsreicher Verlag. Die von ihm erworbenen Verlage wiederum sind zwar klein aber nicht unbedeutend. Darunter ist der Leuckart-Verlag, der die Rechte an Richard Strauss‘ Alpensinfonie, dem "Heldenleben" und der Suite "Der Bürger als Edelmann" besitzt.

Doch was ist das Ziel dieser Übernahmen?

Verlagschef Andreas Meurer erläutert das Vorgehen anhand der Übernahme des Orlando-Verlags. Dieser, so Meurer, sei ein Verlag mit sehr interessanten Schwerpunkten:

Robert Owens zum Beispiel. Das ist einer der wenigen bekannten afroamerikanischen Komponisten. Er hat uns geholfen, in der Corona-Zeit zu überleben.

Andreas Meurer, Ries & Erler Berlin

Die Einnahmen durch Live-Musik seien um fast siebzig Prozent eingebrochen, sagt er. Robert Owens aber sei im Rahmen der Black-Live-Matter-Bewegung in den USA von den großen Opernhäusern oft gestreamt worden: Metropolitan, Los Angeles Opera, San Francisco Opera House. Der Verlag habe sich inzwischen breit aufgestellt, und daran, so Meurer, wollten sie festhalten – daher die Übernahmen. Im Leuckart-Verlag war das sogar erwünscht, denn der Inhaber geht in den Ruhestand. Es gibt keinen Nachfolger und es war dem Eigentümer wichtig, dass ein anderes altes Familienunternehmen das Sortiment übernimmt.

Die Musikverlage halten zusammen.

Im Musik- und Musikbuchverlag Schott Music werden Noten gedruckt.
Im Musik- und Musikbuchverlag Schott Music werden Noten gedruckt. Bildrechte: Christoph Keil

Auch Schott, der größte Player der Szene, hatte sich für den lukrativen, kleinen Leuckart-Verlag interessiert, nimmt aber gelassen zur Kenntnis, dass der Berliner Konkurrent Ries & Erler den Zuschlag erhielt. Inhaber Meurer sieht gelassen in die Zukunft der Musikverlagsbranche:

Er kenne viele – auch junge – Kollegen, die sehr erfolgreich und mit viel Elan ihre Verlage führten und die sich auch engagierten im Musikverlegerverband. Und er ist sicher: Ist die Krise erst einmal ausgestanden, werden alle wieder die Möglichkeit haben, gute Geschäfte zu machen. Hoffentlich. In vielen Branchen werden nach der Pandemie vermutlich nur wenige, große Player übrigbleiben. Nach Ansicht der Musikverleger zählt ihre nicht dazu.

Kultur

Das Gebäude des Musik- und Musikbuchverlags Schott Music, aufgenommen am 17.12.2015 in Mainz (Rheinland-Pfalz). 5 min
Das Gebäude des Musik- und Musikbuchverlags Schott Music, aufgenommen am 17.12.2015 in Mainz (Rheinland-Pfalz). Bildrechte: Christoph Keil
5 min

Die Pandemie stellt auch die deutschen Musikverlage vor große Herausforderungen. Wie umgehen mit der Krise? Die Branche sucht und findet Auswege.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 16.02.2022 12:34Uhr 04:31 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 18. Februar 2022 | 17:35 Uhr

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