Bäder, Luft und Musen Die MDR Klassik-KurOrte: Bad Dürrenberg

Lupenreine Seeluft mitten in Deutschland. Die längste zusammenhängende, noch erhaltene Salz-Gradieranlage in Deutschland steht im Kurpark der Saalestadt Bad Dürrenberg.

Die längste zusammenhängende, noch erhaltene Salz-Gradieranlage in Deutschland steht im Kurpark der Saalestadt Bad Dürrenberg und wird derzeit saniert. 5 min
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Bäder, Luft und Muse

MDR KLASSIK Fr 23.07.2021 07:43Uhr 04:54 min

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Natrium Chlorid ist schon ein wundersames Kristall. Im Mittelalter hat es Städte wie Halle reich gemacht. Eine Prise davon peppt schließlich fade Suppen auf, ganz in Salz eingepackte Lebensmittel halten länger, im Winter lässt es tückisches Straßen-Eis schmelzen. Aber als feines Aerosol versprüht, bringt es unsere Lungen wieder in Schwung. Diesem Effekt verdankt das weiße Gold seinen Ehrenplatz unter den erfolgreichen Kurmitteln, neben Moorpackungen, Mineralwassern und Thermalquellen. Auch Bad Dürrenberg in Sachsen-Anhalt kann davon ein Lied davon singen.

636 Meter Gradierwerk

Kurgäste in einem Gradierwerk
Kurgäste am Gradierwerk Bildrechte: IMAGO / Shotshop

Und das singt man am besten gleich neben dem Gradierwerk. Das beeindruckende Bauwerk steht mitten in dem Saalestädtchen und ist mit 636 Metern das längste in Deutschland. Da werden dicke Schwarzdornbündel in einer Holzkonstruktion zu einer Wand aufgeschichtet, über das dann salzhaltiges Wasser rinnt. Dadurch wird die Luft mit Soletröpfchen und Salzaerosol angereichert. Ein wunderbarer Nebeneffekt, der mitten im Binnenland lupenreine Seeluft beschert, die mit tiefen Lungenzügen genossen werden kann. Deshalb hat man schon im 19. Jahrhundert in unmittelbarer Nähe dieser auffälligen Konstruktionen Kinderspielplätze angelegt, verweist Bürgermeister Christoph Schulze auf die heilende Wirkung der Sole-Versprühung.

Sole-Kuren für die Gäste

Christoph Schulze kennt die Geschichte seiner Stadt bestens. Er weiß, was sie einem Johann Gottfried Borlach zu verdanken hat, der die salzhaltigen Quellen vor mehr 250 Jahren entdeckt und vermarktet hat. In Bad Dürrenberg wird er wie ein Heiliger verehrt, sein Name ist omnipräsent, ab als Turm, als Schule, als Quelle, als Straße oder als Museum. Denn mit dem Salz kommen auch die Kurgäste, seitdem 1846 die erste Sole-Badewanne aufgestellt wurde und auch die ersten Musikanten aufspielen. So gab es zahlreiche Platzkonzerte, Umzüge und Festspiele in dem aufstrebenden Badeort Dürrenberg.

Sogar ein Kurorchster gab es

Dazu musste auch ein eigenes Kurorchester her und wurde wohl vor allem aus anderen Klangkörpern in Leipzig oder Halle rekrutiert. Zudem machen die Dürrenberger auch selbst Musik, wie sich Erika Mühl nur zu gut erinnert. Ein Handharmonika-Orchester musizierte regelmäßig, und seit über 170 Jahren sorgt der Volkschor für gute Töne. Die heute 86-Jährige tritt dort selbst regelmäßig auf, vor allem beim traditionellen Brunnenfest zu Ehren von Johann Gottfried Borlach.

Laga-Gelände und Gradierwerk Bad Dürrenberg
Laga-Gelände und Gradierwerk Bad Dürrenberg Bildrechte: MDR/ Andreas Manke

Besonders zwischen 1930 und 1940 floriert das Kurgeschäft, bis zu 100.000 Gäste wurde da gezählt. Obwohl es kaum größere Hotels und Pensionen gibt. Deshalb hatte wohl fast jede Dürrenberger Familie Kurgäste. Auch die Eltern von Erika Mühl. "Das waren aber nur Zimmer mit jeweils zwei Betten, gewaschen wurde sich in einer Schüssel, den Ofen mussten die Gäste auch selbst heizen, und für das Große Geschäft ging's aufs Plumsklo im Hof", beschreibt sie die Situation. Dafür gab es pro Gast und Monat 60 Mark.

Kurhaus 1964 geschlossen

Historische Aufnahme von Bad Dürrenberg an der Saale, Blick auf Villen und Leipziger Straße
Blick auf Villen und Leipziger Straße Bildrechte: IMAGO / Arkivi

Aber: In Sichtweite spucken längst die Schornsteine der Leuna-Werke immer dunklere Wolken aus. Keine guten Kur-Begleiter für Lungenkranke, die sich auch massiv beschweren. So wird 1964 das Kurhaus abgeschlossen und ist jetzt der Dienstsitz von Christoph Schulze und das Badehaus beherbergt jetzt ein Restaurant. Den Ehrentitel BAD aber haben sich Dürrenberger erhalten können, als Staatlich anerkannter Erholungsort. Und im Kurpark steht noch ein historischer Musikpavillon. Dort wird derzeit aber alles komplett umgestaltet, um sich in zwei Jahren mit der Landesgartenschau Sachsen-Anhalts völlig neu und natürlich dann wieder mit Musik zu präsentieren.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 23. Juli 2021 | 07:43 Uhr