Überzeugendes Musiktheaterspektakel Weimarer Nationaltheater zeigt frühe Mozart-Oper als Reality-Love-Show

Heißer Strand und heiße Flirts – das versprechen viele Reality Shows wie "Temptation Island". Auch in Weimar bedient sich Regisseurin Verena Stoiber dieses Rezepts und inszeniert Mozarts "La finta giardiniera" als Kuppelshow "Love in Paradise". In der Weimarer Produktion "Die Gärtnerin aus Liebe" treffen sieben liebeshungrige Singles aufeinander und müssen mit einigen Überraschungen kämpfen.

Szenenfoto mit Ensemble
Das Ensemble rebelliert gegen die Macher der fiktiven Show. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar.

Träumend liegt Birthe Wolter auf dem grünen Rasen neben einem Goethe-Buch. "Glücklich allein ist die Seele, die liebt", hören wir den Dichterfürsten rezitieren. Ein Parkwächter der Klassik Stiftung Weimar weckt die Moderatorin, die freudig aufspring: Sie ist im Paradies, in Weimar. Sie läuft durch die Stadt und zeigt allen Pärchen mit ihren Händen ein Herz. Schließlich kommt sie zum Weimerar e-werk, der Nebenspielstätte des Nationaltheaters.

Bühnenbildnerin Susanne Gschwender hat hier einen Sandstrand aufschütten lassen. Palmen mit Hängematte und eine Tikibar lassen sofort an einen Urlaub in der Karibik denken. Birthe Wolter, inzwischen in einem engen Pailettenkleid, betritt den kleinen Steg und begrüßt das Publikum zur Show "Love in Paradise – Heiße Flirts & wahre Gefühle". Fünf Singles sollen auf der Insel ihre große Liebe finden, die den Zuschauerinnen und Zuschauern in kurzen Videoporträts vorgestellt werden, wie sie aus ähnlichen TV-Shows bekannt ist: der selbstüberzeugte Podestà, die geheimnisvolle Sandrina, der etwas einfältige Nardo oder die sportliche Serpetta.

Szenenfoto mit Jörn Eichler und Birthe Wolter
Birthe Wolter tritt als Moderatorin in immer wieder neuen Kleidern auf. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar.

Frühe Mozart-Oper als Weimarer Kuppel-Show

Szenenfoto mit Ylva Stenberg und Alika Abdukayumov
Nardo (Alik Abdukayumov) macht mit seiner auserwählten Serpetta (Yiva Stenberg) sogar Yoga. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar.

Die Figuren kennen Mozart-Liebhaber vielleicht aus der nur selten gespielten Oper "La finta giardiniera", die der Komponist im Alter von 18 Jahren schrieb. Die Verwechslungskomödie erzählt vor allem vom Grafen Belfiore: Nach einem Eifersuchtsanfall denkt er, dass er seine Verlobte getötet hat und flieht. Doch seine Violante hat überlebt und sucht nun unter dem Alias Sandrina nach ihm. Schließlich treffen sie sich wieder – doch Belfiore ist inzwischen mit Arminda liiert. Eigentlich ist jede Figur in dieser Geschichte unglücklich verliebt, weil die auserwählte Person sich nach einem anderen oder einer anderen verzehrt.

Mozart auf einer Liebesinsel

Szenenfoto mit Heike Porstein
Sandrina (Heike Porstein) wird mit ihrer unglücklichen Beziehung konfrontiert. Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar.

Das Team um Regisseurin Verena Stoiber haben die Figuren in "Die Gärtnerin aus Liebe" (so der deutsche Titel) auf eine Insel versetzt, wo sie um ihre Liebe kämpfen müssen. Das Ensemble tanzt also in Badeshort und Sommerkleidern (Kostüme: Clara-Luisa Hertel) über den Sand und müssen sich Date-Herausforderungen stellen. Mozarts Arien begleiten diese treffen oder lassen tief in die Liebessorgen der Kandidatinnen und Kandidaten schauen. Die Texte und Figuren passen so wunderbar in das Setting der Dating-Show, weil sie genug Charakter besitzen, um als Individuen durchzugehen, aber nicht so viel, um nicht trotzdem als Typen zu gelten, die auch TV-Redakteure so schätzen.

Verena Stoiber inszeniert das Liebesdurcheinander mit gut gemachtem Humor und ziemlich authentisch: Es gibt beispielsweise einen zusätzlichen Instagram-Kanal zur fiktiven Show. Die Zuschauerinnen und Zuschauer können sogar über das Smartphone eingreifen und Abstimmen – auch wenn das nur wenig Einfluss auf die Handlung hat. Aber die Inszenierung geht auch darüber hinaus: Indem das Publikum immer zusieht, wie die Kameras die Singles verfolgt, erzählt sie auch etwas über die Mechanik solcher Formate und wie sie – wie in diesem Fall – auch furchtbar enden können.

Live-Musik aus Lautsprechern

Das Orchester allerdings durfte nicht mit an den Strand. Stattdessen sitzt die Weimarer Staatskapelle im Inneren des e-werks und werden über Mikrofone nach draußen übertragen. Das gelingt dank Tontechnik und unter der Leitung von Andreas Spering sehr gut. Dennoch geht viel verloren. Die Interpretation ist zwar energetisch und schwungvoll, aber nicht nuancenreich oder raffiniert.

Szenenfoto mit Taejun Sun und Camila Ribero-Souza
Scheint auf den ersten Blick zu passen: Belfiore (Taejun Sun) und Arminda (Camila Ribero-Souza) Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar.

Auch die Sängerinnen und Sänger werden über Mikrofone abgenommen, weswegen sie insgesamt eher spielerisch als sängerisch überzeugen. Alik Abdukayumov gibt den leicht einfältigen Nardo ganz wunderbar und hat einen schön runden und kräftigen Bariton. Jörn Eichler als Podestà klingt in den Höhen leider etwas schrill und Sayaka Shigeshima ist als Ramiro etwas dünn. Camila Ribero-Souza als Arminda überzeugt mit ihrer dramatischen Sopranstimme. Yiva Stenberg als Serbetta und Heike Porstein als Violante singen mit einer sehr angenehmen Leichtigkeit. Taejun Sun als Belfiore überzeugt schließlich mit einem wunderbar warmen Tenorklang. Das klingt alles sehr gut, aber das Spiel ist noch besser. Die Ensemble-Mitglieder gehen wirklich in ihren Rollen auf.

"Die Gärtnerin aus Liebe" ist vielleicht nichts für Musik-Puristen, weil durch die technische Lösung zu viel verloren geht. Aber es ist kurzweiliges und insgesamt gut klingendes Musiktheater mit intelligentem Humor, das einfach Spaß macht.

"Die Gärtnerin aus Liebe" nach "La finta giardiniera" von W.A. Mozart Musikalische Leitung: Andreas Spering
Regie: Verena Stoiber
Bühne: Susanne Gschwender
Kostüm: Clara-Luise Hertel
Video: Jonas Dahl
Mit: Jörn Eichler, Heike Porstein, Taejun Sun, Camila Ribero-Souza, Sayaka Shigeshima, Yiva Stenberg, Alik Abdukayumov, Birthe Wolter
Es spielt die Staatskapelle Weimar

Szenenfoto mit Ensemble 5 min
Bildrechte: Candy Welz/Deutsches Nationaltheater Weimar.

Das Weimarer Nationaltheater zeigt als Sommertheater eine Datingshow unter Palmen - Mit Arien und Figuren aus Mozarts "La finta giardiniera". Thilo Sauer berichtet, ob das Konzept aufgeht.

MDR KLASSIK Mo 19.07.2021 09:10Uhr 05:02 min

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 19. Juli 2021 | 09:10 Uhr