Unter neuem Intendanten Saisonstart an der Oper Halle: "Ein Sommernachtstraum" über die Macht des Publikums

Walter Sutcliffe ist neuer Intendant an der Oper Halle. Als erste Premiere seiner Amtszeit hat er sich für "Ein Sommernachtstraum" von Benjamin Britten entschieden. Es ist die einzige Literaturoper des eher tonal komponierenden Briten. Sutcliffe versprach ein Fest der Imagination. So wollte er auch sagen, wie wichtig ihm das Publikum ist.

Regisseur und Intendant Walter Sutcliffe unterbricht den Applaus. die Pandemie-Situation lasse keine Feier zu, erklärt er. Stattdessen werden kleine Schnapsflaschen verteilt. Alle heben das Glas – "Auf Sie", sagt Sutcliffe. Denn ohne Publikum sei das Theater nichts. Darum geht es in seiner Inszenierung von Brittens "Ein Sommernachtstraum".

Auf einer kreisrunden Bühne stehen sich zwei Sänger gegenüber. Ein Dritter schaut im Hintergrund aus einem Vorhang hervor.
Vanessa Waldhart als Titania und Leandro Marziotte als Oberon streiten über ein Kind. Bildrechte: Federico Pedrotti/Bühnen Halle

Oper Halle verdoppelt

Bühnenbildner Jon Bausor hat den Zuschauerraum verlängert: das charakteristische weiße Deckendekor setzt sich im Bühnenhimmel fort. Theseus setzt sich auf einen Platz auf der Vorderbühne, der wie die Sitze im Saal aussieht. Der rote Vorhang öffnet sich, hinter dem sich eine kreisrunde, spiegelglatte Spielfläche befindet. Titania tritt auf mit glitzerndem Feenstaub in den Haaren und einem durchsichtigen weißen Kleid. Von der anderen Seite kommt Oberon in schwarzem Lack-Outfit. Unter seiner Jacke schimmert sein blasser Oberkörper. Sie streiten sich bekanntermaßen um ein Kind. Während Vanessa Waldhart als Elfenkönigin mit eleganten Koloraturen überzeugt, fehlt es dem Countertenor Leandro Marziotte über weite Strecken an Kraft.

Durch diesen Streit gerät der ganze Zauberwald durcheinander: Elfenkönig Oberon verwandelt einen Handwerker, der mit seinen Kollegen ein Stück probt, in ein Ungeheuer. Bei Sutcliffe wird der wunderbare Gerd Vogel als Zettel zu einem Gnom mit einem Riesenpenis. Dieses Ungetüm verkuppelt er durch einen Liebeszauber mit seiner Frau Titania. Mit der gleichen Magie möchte er ein ungleiches Paar zusammenbringen, die ihren Freunden in den Wald gefolgt sind, um dem harten Gericht ihrer Elten zu entgehen. Am Ende bleibt den Menschen von dieser Nacht nur ein seltsamer Traum und das elfische Paar versöhnt sich.

Stellvertreter des Publikums

Ein Mann im Anzug und ein Tänzer in einem schwarzen Ganzkörperanzug tanzen miteinander.
Sergiy Mishchurenko als Puck und Ki-Hyun Park als Theseus nehmen Einfluss auf die Handlung. Bildrechte: Federico Pedrotti/Bühnen Halle

Theseus, der Zuschauer, erkennt sich in dem Streit wieder und imaginiert sich in die Handlung hinein. Alles, was auf der Bühne passiert, folgt nun seiner Einbildung. Dementsprechend bewegt sich Ki-Hyun Park, der mit seiner Energie überzeugt, in seinem hell-beigen Anzug zwischen den Handelnden und greift zuweilen auch ein – seltsamerweise immer als Puck.
In Halle tanzt Sergiy Mishchurenko in einem schwarzen Ganzkörperanzug über die Bühne. Er ist als Schatten von Theseus der eigentliche Puck und ein Sinnbild für die tiefliegenden Wünsche in jedem von uns. Choreograph David Laera setzt dafür eine spannende Tanzsprache ein: bodennah und windend. Der Sprechtext aus den Lautsprechern spiegelt das leider nicht wider.

Malen mit der Halleschen Staatskapelle

Entsprechend Sutcliffes Inszenierungsansatz wirken die vier Jugendlichen wie Karikaturen. Für Theseus sind sie Begierde. Kostümbildnerin Dorota Karolczak steckt sie in rosafarbene Outfits. Die Lippen sind pink überzeichnet. Chulhyun Kim, Andreas Beinhauer, Yulia Sokolik und Linda van Coppenhagen wirken über lange Zeit blass. Ihre Auftritte scheinen reines Pflichtprogramm zu sein. Erst im Quartett, wenn sie sich streiten und zu Sexwesen mutieren, werden die Stimmen kraftvoller. Sutcliffe zeigt eine wunderbare Personenführung und schafft so auch starke Bilder.

Zwei Paare stehen auf der Bühne der Oper Halle. Im Hintergrund sitzt Ki-Hyun Park in einem Leuchtkreis.
Chulhyun Kim, Andreas Beinhauer, Yulia Sokolik und Linda van Coppenhagen Bildrechte: Federico Pedrotti/Bühnen Halle

Brittens Partitur des "Sommernachtstraums" besticht vor allem durch seine Klangfarben: Jedem Handlungsbogen – Elfenreich oder Handwerker – sind Instrumentengruppen zugeordnet und jede Figur hat eigene Motive. Dirigent Michael Wendeberg arbeitet das zwar wunderbar heraus, hebt die Motive wie Farbsprengsel hervor, aber über lange Zeit fehlt es der Musik an Energie. Erst nach der Pause nimmt alles Fahrt auf.

Spiel im Spiel im Spiel

Vielleicht liegt das daran, dass das Stück im Stück – die "spaßhafte Tragödie" der Handwerker – der Kern ist. Die Lust, mit der die Laien Hindernisse überwinden, ist für Sutcliffe Inspiration. Es liegt in der Macht das Publikums, was das Bühnengeschehen mit ihnen macht. Und so wiederholt sich die Inszenierungsidee: Die Handwerker treten in abstrakt gestalteten, gleichartigen Kostümen auf. Sie zerren Theseus wieder auf die Bühne, wo er zur Wand oder zum Mond wird. Auch hier inszeniert Sutcliffe humorvoll auf den Punkt, doch gleichzeitig wirkt nicht alles stimmig.

Eine Gruppe Darsteller hält einen weiteren Mann im Anzug fest.
Das Stück im Stück überzeugt mit eine eigensinnigen Witz. Bildrechte: Federico Pedrotti/Bühnen Halle

Das Stück im Stück ist Parodie und Feier des Musiktheaters: Britten arbeitete mit zahlreichen Zitaten aus der Musikgeschichte. Auf den den Übertiteltafeln steht daher zwischendurch unter anderm "Friedhofszene aus 'Don Giovanni'" oder "Wahnsinnsarie aus "Lucia di Lammermoor'". Walter Sutcliffe wollte mit der Wahl des Stücks ein Statement für seine Intendanz setzen, für das Theater in der Pandemie: Das Publikum ist das Wichtigste!

"Ein Sommernachtstraum" an der Oper Halle ist durchwachsen: Es gibt große Bilder und starke Momente, aber auch einige Unstimmigkeiten und Längen. Jeder Interessierte sollte dieses Stück unbedingt sehen. Denn der neue Intendant Walter Sutcliffe gibt ein Versprechen. Wie er es einlöst, werden die kommenden Monate zeigen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 20. September 2021 | 08:10 Uhr

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