Freischütz, Jenufa, Orphée ed Euridice Drei wichtige Stream-Opernpremieren: die neue Normalität?

Webers bald 200-jähriger „Freischütz“ in München, Janaceks „Jenufa“ an der Berliner Staatsoper, Glucks „Orphée ed Euridice“ in Zürich. Das sind die drei große Opernpremieren des Wochenendes an bedeutenden Häusern, von berühmten Teams termingerecht herausgebracht. Haben wir schon wieder die alte Musiktheaternormalität von Vor-Coronazeiten? Mitnichten.

Oper Jenufa an der Berliner Staatsoper
Oper Jenufa an der Berliner Staatsoper Bildrechte: Bernd Uhlig

Überall verharrt man weiterhin im zweiten Lockdown. Also saß unser Opernkritiker Manuel Brug vor dem Laptop und streamte. Immerhin konnte er sich so Samstag und Sonntag nicht nur die sonst menschenmöglichen zwei Novitäten ansehen, sondern – ganz bequem – zu Hause alle drei. Weil die Liveübertragungen gleich wieder in den Mediatheken abrufbar sind. So waren Simon Rattle, Anna Prohaska und Christoph Marthaler fast mit im Wohnzimmer. 

Opern für die Kameras, ohne Zuschauer

Aber kann man sich an diese neue Opernpremieren-Mentalität gewöhnen? Natürlich nicht! Es fühlt sich immer noch künstlich an. Aber es ist besser als gar nichts. Und anders als in Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt wird an manchen Bühnen eben immer noch geprobt, einigermaßen einschränkungsfrei für die Kameras in leeren Zuschauerräumen gespielt – und eben auch gestreamt. So sammelt sich neues Repertoire an, Künstler werden wenigstens für eine Probenperiode und eine Aufführung bezahlt. Und dann hoffen alle natürlich, dass es irgendwann mit diesen auf Halde gelegten Aufführungen wieder los geht, dass sie vom Novitätenstapel gelassen werden können.

Freischütz in München

1821 wurde im Berliner Schauspielhaus Webers „Freischütz“ uraufgeführt. Noch bevor ganz genau 200 Jahre später Konzerthausorchesterchef Christoph Eschenbach zu zwei semikonzertanten Jubiläumsabenden mit der katalanischen Extremtruppe La Fura dels Baus einlädt, brachte nun die Bayerische Staatsoper eine szenische „Freischütz“-Premiere heraus – als einziges Theater neben Hamburg. 

Darsteller auf der Bühne im Opernstück - Der Freischütz.
Bildrechte: Wilfried Hösl/ Bayrische Staatsoper

Die war spannend und sehr zeitgenössisch. Die Regie wurde in die Hände des klug psychologisierendes Russen Dmitri Tcherniakov gelegt. Der bewältigt die Schwierigkeiten des heute bisweilen altmodischen Stücks nicht wirklich, duckt sich unter der deutschen Folklore durch. Er platziert die Jagdgesellschaft als mafios-moderne Hochzeitsfeier im Hotelballsaal zwischen Stehtischen und Geschäftshäuserpanorama. Das könnte die lustvoll gestellte letzte Party bei Wirecard sein. Zumindest sind auch hier die Bosse ähnlich durchgeknallt.

Bedrohlich souverän, lauernd und leuchtend waltet Antonello Manacorda am Pult des Staatsorchesters. Da dräuen die Hörner giftigbös und düster. Sie müssen langen Atem haben für die extremen Tempi, die sich am Ouvertüren-Ende in C-Dur-Hetzjubel werfen. Es bleiben nur Dialogreste vom Stück , in zwei Stunden und 15 Minuten wird das atemlos abgehakt.

Darsteller auf der Bühne im Opernstück - Der Freischütz.
Bildrechte: Wilfried Hösl/ Bayrische Staatsoper

Ziemlich gut ist auch die Besetzung. Den abdriftende Max als Gewehrnarr am Zielfernrohr, der den Probeschuss auf unschuldige Passanten abfeuern soll, den singt Pavel Černoch etwas tenorzerquälter als nötig. Sein Gegner, der schizophrene Kaspar, der zudem noch den schwarzen Jäger Samuel in seiner Brust trägt, gelingt Kyle Ketelsen als irre Identitätsstudie auf wendig-schlankem Bassbaritonfundament. Das kerlige Ännchen der Anna Prohaska sorgt mit Hella-von Sinnen-Haarbürste für die heute nötige Queerness. Eine Sopranoffenbarung ist Golda Schultz als Agathe. Da verhüllt sich keine Wolke, da strahlt Können und Ergriffensein.

Der Münchner „Freischütz“ ist bis 15. März kostenlos bei Staatsoper.tv zu sehen.

Jenufa an der Berliner Staatsoper

An der Berliner Staatsoper ist hingegen Simon Rattle mit der mährischen Bauerntragödie „Jenufa“ von Leos Janacek, einem seiner Lieblingskomponisten, ganz wunderbar klargekommen. Das fesselt vom ersten Seelenton an in diesem ungemein dichten, glaubwürdigen, anrührenden Stück um die ledige Mutter Jenufa, deren Stiefmutter, die Küsterin, das Kind tötet, um ihm die Schande zu ersparen.

Oper Jenufa an der Berliner Staatsoper
Bildrechte: Bernd Uhlig

Die Staatskapelle ist zwar etwas verkleinert, man sieht den nur momentelang wichtigen Chor im leeren Zuschauerraum sitzen. Aber es gelingt auch dank der Fernsehkameras eine Konzentration auf die wenigen Protagonisten: auf Evelyn Herlitzius‘ herb-harsche Küsterin, die doch nur das Beste will und alles verspielt. Auf die noch ein wenig mit dem Tschechischen fremdelnde Camilla Nylund in der Titelrolle, die auftrumpfen und sich ganz verinnerlicht zurücknehmen kann. Auf die beiden rivalisierenden Tenöre Ladislav Elgr und den wuchtigen Stuart Skelton. Der verletzt erst Jenufa aus Eifersucht und erbarmt sich ihrer doch am Ende.

Oper Jenufa an der Berliner Staatsoper
Bildrechte: Bernd Uhlig

Damiano Michieletto hat das uneitel und auf das Eigentliche konzentriert in einen nüchternen Kubus gestellt. Hinten hängen milchige Plastikwände. Bänke gemahnen an eine Kirche, auch Kerzen und eine Monstranz sind vorhanden. Über allem dräut ein Eisblock, unter dessen Schmelzwasser am Ende die reuige Küsterin stehen muss. Doch es wird dauern, bis hier die Menschen auftauen. Sonnenlicht verheißt zumindest Hoffnung.

Orphée ed Euridice in Zürich

Bühnenszene aus der Oper Orphee in Zürich
Bildrechte: Monika Rittershaus

Leider etwas undramatisch und erwartbar, wenn man die Musiktheaterzurichtungen von Christoph Marthaler kennt, ist schließlich in Zürich Glucks „Orphée ed Euridice“ in der Bearbeitung von Berlioz über die Opernbühne von Anna Viebrock gegangen. Wir sind in einem spießigen Tapetenzimmer, links und rechts in den Nischen scheint sich ein amerikanisches Diner mit kunstlederroten Sesseln zu befinden. Wir kennen diese nostalgisch-surrealen Viebrock-Räume zur Genüge. Christoph Marthaler führt einmal mehr das stehende Nichts vor. Ober und Unterwelt- sind austauschbar shabbychic. Darin ergehend sich meist zuckend und stumm sieben selige wie unselige Geistermimen.

Bühnenszene aus der Oper Orphee in Zürich
Bildrechte: Monika Rittershaus

Die junge russische Mezzosopranistin Nadezhda Karyazina singt zwar mit flammend-satter Stimme den Orpheus. Doch darstellerisch muss sie allzu passiv in einem gelben Pullunder als ebenfalls androgynes Wesen verharren. Die manierliche Euridice Chiara Skerath in ihrem Hochzeitskleid will mal aus halber Höhe in eine Springtuch fallen – und tut es doch nicht. Der Amor der koloraturreizenden Alice Duport-Percier ist weiblich mit Chanel-Pünktchenkopftuch. Außerdem feudelt er während der „Ach ich habe sie verloren“-Arie des Orpheus den Boden. Am Ende gibt es Pizza für alle. 

Bühnenszene aus der Oper Orphee in Zürich
Bildrechte: Monika Rittershaus

Erfreulich ist neben den gesanglichen Leistungen aber der befeuernd straffe, glänzige Gluck-Zugriff des dirigierenden Geigers Stefano, der die Philharmonia Zürich leitet und der – wie auch der Chor – via Glasfaserkabel aus dem einem Kilometer entfernten Probenraum zugespielt wird.

Opern-Streams als Abwechslung in der Lockdown-Öde

Das Fazit aus diesen drei Streams: Drei wichtige Theater geben Lebenszeichen. Das Publikum hat Abwechslung in der Lockdown-Öde. Aber es bleibt doch alles etwas konservig. Das Live-Original ist nicht zu ersetzen. Keiner der Regisseure hat irgendwelche Konzessionen an die besondere TV-Optik oder die Umstände der Übertragungen gemacht. Wir sehen abgefilmtes Musiktheater live.

Und am Schmerzlichsten: Es bleibt jegliche Publikumsreaktion aus, oft sieht man am Ende nicht mal die Produktionsteams. Nur bei der Bayerischen Staatsoper wird für die nebenbei mitchattende Computer-Fans auf der Webseite die „Opernsoundmaschine“ dazugereicht. Da kann man zumindest virtuell per Mausklick für Applaus, Bravi, Buh, Pausen- wie Handyklingeln, Husten, Bonbonpapierraschen und sogar "Psst" sorgen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 15. Februar 2021 | 08:40 Uhr