Liebe in Zeiten der Isolation Bejubelte Premiere von Jochen Biganzolis „Tristan und Isolde“ in Halle

Es war eine Premiere mit Hindernissen, auf deren Stattfinden schon keiner mehr gewettet hätte. Die Generalprobe gab es bereits im Frühjahr - die Premiere selbst wurde dann mehrfach verschoben. Jetzt endlich hob sich der Vorhang für Jochen Biganzolis „Tristan und Isolde“ Inszenierung doch noch. Wer die Oper jetzt in Halle in modifizierter Form miterlebte, könnte auf die Idee kommen, dass es sich um eine bewusst corona-bekämpfungskompatible Inszenierung handelt. Eine Rezension von Joachim Lange.

Heiko Böhner
Heiko Böhner alias Tristan in Jochen Biganzolis Inszenierung. Bildrechte: Bühnen Halle, Falk Wenzel

Das Bühnenbild von Wolf Gutjahr hält für jeden der Protagonisten einen ganz persönlichen Bühnenkasten bereit. Fünf separate Kleinbühnen. Für Tristan links oben und Isolde rechts unten. Unter Tristan hat Brangäne ihren Raum - mit Badewanne und Fluchtmöglichkeit durch die Einbauschränke. Über Isolde ist das dezidiert spießige Schlafzimmer von König Marke. Rechts am Rand ist ein Kurwenal in Flecktarnuniform damit beschäftigt, von einem Baugerüst aus die Wände mit Zeitungsausschnitten und Tristanfotos zu bekleben. Jeder bleibt in seiner Welt gefangen. Für die kurzen Auftritten von Seemann, Steuermann und Hirt gibt es einen schmalen Durchgang, der auch einen Blick in die Tiefe des bis auf die Brandmauern leeren Bühnenraumes freigibt. Dort ist das Orchester mit Abstand verteilt. 

links oben Heiko Böhner, links unten Marlene Lichtenberg, rechts oben Ki-Hyun Park, rechts unten Marlene Anna Hofmann, Gerd Vogel
Das gesamte Ensemble in der Inszenierung von Jochen Biganzoli. Bildrechte: Bühnen Halle, Falk Wenzel

Michael Wendeberg dirigiert die Staatskapelle

Aus dieser coronabedingten Modifikation schlägt man in Halle aber musikalisch szenisches Kapital. Im Vorspiel werden Orchester und Dirigent auf Zwischenvorhänge projiziert. Man kann also sehen, dass der fabelhafte Michael Wendeberg ohne Noten und Pult auskommt. Das Orchester, das sich ihn als Generalmusikdirektor einmal sichern wird, kann sich glücklich schätzen - in Halle hat er den Status des Propheten im eigenen Land.

Als großer Vorzug erweist sich die Postierung der Musikschaffenden und Sänger: Die Musikerinnen und Musiker der Staatskapelle hinter den Sängerinnen und Sängern des XL-Bühnenkastens, wenngleich es auch akustisch für einen Moment irritiert. Es gibt einen Effekt, der an den Bayreuther abgedeckten Graben erinnert und das Fluten der Musik nie zur Gefahr für die Sänger werden lässt. Mag der Bayreuthvergleich beim Orchester ein wenig der Euphorie des Premiereneindrucks geschuldet sein, den das Publikum im nicht ausverkauften Haus begeistert bejubelte, bei den Sängerinnen und Sängern ist er es nicht.

Heiko Börner und Magdalena Anna Hofmann brillieren in den Hauptrollen

Heiko Börner und Magdalena Anna Hofmann halten als Tristan und Isolde jedem Vergleich stand. Auch wenn sie sich in dieser Inszenierung immer nur imaginär ineinander verlieren, passen die Stimmen mit ihrem Timbre, ihrer Strahlkraft und Unangestrengtheit ideal zueinander. Hinzu kommt  - und das ist auch bei Wagner „daheim“ in Bayreuth nicht selbstverständlich - eine außergewöhnliche Wortverständlichkeit. Was die beiden zur Premiere boten, war schlichtweg atemberaubend.

Heiko Böhner, Magdalena Anna Hofmann
Heiko Böhne und Magdalena Anna Hofmann als Tristan und Isolde. Bildrechte: Bühnen Halle, Falk Wenzel

Aber auch drumherum stimmte die Besetzung: Marlene Lichtenberg als intensive Brangäne und der Hallenser Singdarsteller-Recke Gerd Vogel, Ki-Hyun Park als König Marke, Daniel Blumenschein als Melot, aber auch Robert Sellier als Hirte und junger Seemann sowie Andrii Chakov mit seinem Kurzauftritt als Steuermann sorgten für den vokalen Glanz zum Rausch der Tristanmusik.

Kaum beworbene Premiere

Allein die Übertitel waren ein Ärgernis. So wie sie mit Sonderzeichen übersät waren, konnte man auf einen Virus tippen. Oder auf extreme Schlamperei. Dabei steht im Programmheft sogar ein Name hinter der Funktion Übertitelinspizienz. Angesichts der künstlerischen Glanzleistungen soll der ebenso übergangen werden, wie das Unverständnis zur faktisch nicht vorhandenen Werbung für diese Wagnerpremiere. 

Minimalistischer Ansatz der Inszenierung geht voll auf

Heiko Böhner, Magdalena Anna Hofmann
Heiko Böhner als Tristan und Magdalena Anna Hofmann als Isolde in Jochen Biganzolis Inszenierung Bildrechte: Bühnen Halle, Falk Wenzel

Biganzolis Ansatz, die Isoliertheit der Protagonisten und dabei die Kraft ihrer emotionalen Projektionen zu zeigen, ging dennoch voll auf. Wenn im großen Liebesduett im zweiten Aufzug, dem „O sink hernieder, Nacht der Liebe“, alles im Dunkel versinkt und nur die beiden Räume von Tristan und Isolde unwirklich leuchten, oder, wenn am Ende vom Liebestod Isolde metaphorisch und als Person in die Unsichtbarkeit der tiefschwarzen Nacht entschwindet, dann sind das grandiose Theatermomente. Sie krönen einen nur scheinbar minimalistischen, in Wirklichkeit aber durchweg spannend psychologisierenden Abend. Der, das sei der Vollständigkeit halber hinzugefügt, geht programmatisch noch auf die Kappe der Intendanz von Florian Lutz. 

Weitere Vorstellungen sind für den 27. Februar um 16.00 Uhr und den 18. April um 15.00 Uhr geplant.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 07. Januar 2022 | 09:10 Uhr

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