Programmhefte im Wandel

Nicht nachhaltig, zu teuer oder bevormundend? Die klassischen Programmhefte stehen gerade auf dem Prüfstand, beschleunigt durch die Corona-Pandemie und die Digitalisierung. Matthias Nöther hat sich den Wandel der Programmhefte genauer angeschaut und die Zukunft dieses traditionsreichen Begleitmediums im digitalen Zeitalter beleuchtet.

Mit exquisiten Programmen und hervorragenden Künstlerinnen und Künstlern lädt der MDR-Musiksommer zu Konzerten in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.
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Einführungstexte zu den Stücken, Künstlerbiographien und gewerbliche Anzeigen – diese traditionelle Zusammensetzung von Programmheften hat sich bis heute erhalten. Bereits seit ungefähr hundertfünfzig Jahren bieten Konzerthäuser ihrem Publikum ein speziell auf das Programm des Abends zugeschnittenes Programmheft an. In Zeiten der Pandemie ist diese Tradition spürbar im Abnehmen begriffen. Andere Formate, oft digital, treten an die Stelle des Programmhefts. Es ist also Zeit, sich noch einmal über den ursprünglichen Sinn des Programmhefts klarzuwerden.

Auf dem Programm standen Tangos von Piazzolla, Werken von Komponisten gegenüber gestellt, die ihn besonders beeinflusst haben.
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Tatsächlich erwarten erfahrene Konzertbesucher noch heute geradezu, im Einführungstext des Programmhefts das musikalische Geschehen in Echtzeit mitlesen zu können. Das liegt daran, dass das Programmheft im neunzehnten Jahrhundert parallel zu anderen Kulturtechniken des europäischen Bürgertums entstand – wie etwa Kunst- und Reiseführern. Die Konzertbesucher würden sich wohl wundern, wenn sie vor Beginn eines Konzerts kein gedrucktes Programmheft kaufen können. Doch genau das ist in Deutschlands Konzerthäusern spätestens seit Beginn der Covid-19-Pandemie zunehmend der Fall. Liegt das an den Hygienebestimmungen? Tatsächlich ist es eine Vielzahl von Gründen, die gedruckte Programmhefte zumindest für die Veranstalter zunehmend unattraktiv machen und sie nach anderen Lösungen für Konzerteinführungen suchen lassen.

Zwei Damen liegen in der Sonne und lesen das Programmheft zum Konzert "Carmina Burana" im MDR-Musiksommer in Magdeburg mit MDR-Rundfunkchor, MDR-Sinfonieorchester und MDR-Kinderchor. 4 min
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Dem Wandel in der Bedeutung der Programmhefte und den Chancen durch die Digitalisierung widmet sich Matthias Nöther.

MDR KLASSIK 03:54 min

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Fesche Oma mit Kopfhöhrern und Smartphone
Erobern neue digitale Formate bald die Konzertsäle? Bildrechte: imago images/Addictive Stock

Zu diesen anderen Lösungen gehört etwa das Guided listening – das geführte Hören. Das ist der Zweck der Wolfgang-App – einer App für den Konzertsaal, die von einer niederländischen Firma entwickelt wurde und von jedem Konzerthaus an seine Bedürfnisse angepasst werden kann. Trotzdem ist nicht alles neu, denn so mancher Einführungstext könnte auch aus einer gedruckten Werkeinführung stammen. Die aber gibt es immer seltener. Selbst große Konzerthäuser verzichten darauf – zumindest wenn es sich um einmalige Konzerte handelt, sagt etwa der Marketingdirektor Martin Redlinger vom Konzerthaus Berlin.

Da ist der Aufwand schon relativ groß, den ich betreibe, bis das Heft zustande kommt. Dann ist es eine relativ niedrige Auflage, die sich nie amortisiert über den Verkauf. Da muss man ziemlich überzeugt sein davon, dass es ein Mehrwert ist, der zum Konzert dazugehört. Weil du zahlst definitiv drauf.

Martin Redlinger, Marketingdirektor des Konzerthaus Berlin

So werden die traditionellen Begleittexte nun oft digital angeboten – wobei Angebote wie die Wolfgang-App noch umstritten sind. Schließlich wird der Konzertsaal von vielen als Rückzugsort angesehen, wo namentlich Smartphones nichts zu suchen haben. Aber während der Covid-19-Pandemie wurde Live-Musik zunehmend nicht mehr nur im Konzertsaal, sondern auch im Wohnzimmer gehört und gesehen. Beim Streaming von Sinfoniekonzerten wiederum kann eine solche Begleitapp durchaus nebenher laufen. Martin Redlinger vom Konzerthaus Berlin sieht einen Stream nicht bloß als digitales Ersatzkonzert – wenn man denn die Möglichkeit zu informativem Mehrwert nutzt.

Gibt es audiovisuelle Möglichkeiten, zu einem Werk hinzuführen? Vielleicht sogar mit einem Chefdirigenten oder einer Chefdirigentin? Das ist ein zeitlicher Aufwand und ein finanzieller Aufwand. Ich glaube aber, dass sich sowas lohnt. Man kann es aber immer nur punktuell machen, mit den richtigen Leuten, die so etwas gut können.

Martin Redlinger, Marketingdirektor des Konzerthaus Berlin
Eine Frau blättert im Programmheft für das Kunstfest Weimar 2019.
Wie lange wird es Programmhefte in Papierform wohl noch geben? Bildrechte: dpa

Musiker, die ihren Zugang zu den Werken vor oder während des Konzerts erläutern, werden von Veranstaltern hoch geschätzt. Aber auch wenn gerade kein eloquenter Daniel Hope, keine charismatische Patricia Kopatchinskaja zur Verfügung stehen, lässt man zur Zeit die Programmhefte tendenziell eher weg. Bei den Konzerten der aktuell stattfindenden Ruhrtriennale etwa finden Besucher kleine Zettel vor mit dem Hinweis, dass ab sofort alle Einführungstexte nur noch online verfügbar sind – aus Gründen der Nachhaltigkeit. Gedruckte Programmhefte, findet die Leitende Dramaturgin der Ruhrtriennale Judith Gerstenberg, könne man in Zeiten der Klimakrise nicht mehr verantworten. Ob Sommerfestivals, Konzert- und Opernhäuser oder freie Projekte: Jedes klassische Veranstaltungsformat hat andere Bedürfnisse, was Erläuterungen und Einführungen angeht. Den einen Ersatz für das Programmheft wird es auch in Zukunft sicherlich nicht geben.

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