Monostatos, Jonny & Zauberflöte Forschung beleuchtet rassistische Facetten in Opernwerken

Ob „Otello“ oder „Die Zauberflöte”: Manch beliebte Opern vertragen einen rassismuskritischen Blick. Beflügelt auch von der Black-Lives-Matter-Bewegung, hat sich die US-amerikanische Blackness-Forschung entwickelt. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie schwarze Charaktere und Themen auf der Opernbühne vorkommen.

Die Rückkehr von Othello, von Othello, Akt II, Szene ii von Thomas Stothard als Gemälde
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Heute stehen rassistische, diskriminierende Facetten von Opernwerken stärker im Mittelpunkt der Forschung. Und die Gattung Musiktheater bringt auch antirassistische neue Stücke hervor, gestärkt etwa durch die Black-Lives-Matter-Bewegung. Black Opera boome, freut sich die afroamerikanische Musikwissenschaftlerin Naomi André:

Da sind so viele Opern über schwarze Themen, die jetzt rauskommen. Und das wird unseren Blick auf Oper gestern und heute weiten und verändern.

Ein wenig stockt einem auch heute noch der Atem, wenn Monostatos sich in Mozarts „Zauberflöte“ der schlafenden Pamina nähert und feststellt: „Ich soll die Liebe meiden, weil ein Schwarzer hässlich ist.“ Dieser Auftritt von Monostatos, dem schwarzen Oberaufseher in Sarastros Reich, gehört zu den vieldiskutierten Momenten der beliebten Oper. Auch wenn heute viele Inszenierungen versuchen, die Hautfarbe als Merkmal des Außenseiter-Status zu umgehen – in seiner Arie reflektiert Monostatos das Thema Hautfarben. Die Forschung vermutet, dass hier Mozarts Freundschaft zu einem schwarzen Logenbruder eine Rolle gespielt hat.

Mozarts Monostatos darf über Hautfarben nachdenken

Richtungsweisend ist aktuell, was der US-amerikanische Forschungszweig zum Thema „Blackness in Opera“ leistet. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie schwarze Charaktere und Themen auf der Opernbühne vorkommen. Intensiv widmet sich die Musikwissenschaftlerin Naomi André Blackness-Studien. Die Afroamerikanerin ist Professorin an der Universität von Michigan. Sie hat seit 2012 mit „Blackness in Opera“ und „Black Opera“ zwei aufsehenerregende Bücher veröffentlicht. Die Analysekategorie Blackness, hier erstmals so benannt, erweist sich als ergiebig, freut sich Naomi André.

Ein Schlüsselwerk für eine besonders differenzierte Darstellung sei – so André - „Otello“ von Giuseppe Verdi, 1887 in Mailand uraufgeführt. Der Titelheld Otello, schwarzer General und Befehlshaber der Flotte Venedigs, tritt auf, um den Sieg über die türkische Flotte zu verkünden. „Otello ist wirklich ein Held!”, findet André.

Er tritt auf und singt das hohe ‘Esultate’. Seine Stimme geht direkt hoch zum hohen B. Er ist siegreich als General, später im 1. Akt klärt er den Streit, den Jago angezettelt hat. Und dann am Ende des 1. Aktes steht dieses unglaubliche Duett zwischen Desdemona und Otello.

Otello als Projektionsfläche

Otello gehört im 1. Akt noch zur venetianischen Gesellschaft. Dann bricht sich – durch Jagos Intrige angestachelt – die Eifersucht Bahn. Spätestens Otellos Auftritt im 4. Akt enthülle seine dunkle, wilde Seite. So die Opernforscherin.

Ich denke, dass, wenn er manipuliert ist und am Ende Desdemona ermordet, das verstärkt die Zweifel, dass eine schwarze Person wirklich so aufrichtig und nobel sein kann wie Otello als Ehemann. Die Wildheit unter der Oberfläche – die wird bestätigt. Ich empfinde das als kompliziert. So sehr Otello ein dreidimensionaler Charakter ist, verstärkt er mit seinen Taten zugleich etwas, worüber wir alle nachdenken.

Von Verdis Otello ausgehend, sieht Naomi André eine Entwicklungslinie hin zur Titelfigur in der Oper „Jonny spielt auf“ von Ernst Krenek. Nach der Uraufführung 1927 in Leipzig gab es international viele Produktionen. Der afroamerikanische Jazzmusiker Jonny erscheint als vitales Gegenbild zu Max, einem lebensmüden, europäischen Komponisten.

Jonny als Seelenverwandter von Monostatos

Die Titelfigur Jonny thematisiert ähnlich wie Monostatos ihre Hautfarbe. Jonny denkt darüber nach, wie er zum Sexobjekt der Weißen wird. Hier hat Krenek als sein eigener Librettist eine Ebene in diese Oper eingebaut, die zuvor meistens gefehlt hat.

Die Zauberflöte bei den Domstufenfestspielen Erfurt 5 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 30. März 2021 | 08:40 Uhr