Musik in Zeiten von Corona Studie: Starke Schäden durch Corona in der Chorlandschaft

Seit über einem Jahr fast keine Konzerte, Proben finden oft nur virtuell, zu Hause, alleine vorm Bildschirm statt: Für viele Chöre ist das die harte Realität – zumindest abseits der Berufsensembles. Wie wirkt sich das auf die Chorlandschaft aus?

Domkapellmeister Karsten Storck bei einer Online Chorprobe
Domkapellmeister Karsten Storck bei einer Online-Chorprobe Bildrechte: IMAGO / Sämmer

Für Chöre sei die aktuelle Pandemiesituation eine sehr schwierige Situation, unter der sowohl die Leitenden als auch die Singenden leiden würde. So lautet das Fazit von Kathrin Schlemmer, Professorin für Musikwissenschaft an der Universität Eichstätt-Ingolstadt. Unterstützt vom Berliner Domkantor Tobias Brommann und dem Frankfurter Universitätsmusikdirektor Jan Schumacher sowie dem Stuttgarter Carus-Verlag als Co-Autoren, hat sie eine Bestandsaufnahme gemacht.

Wir haben die Situation der Chöre jetzt ganz aktuell in der Pandemie untersucht, und zwar bezogen auf das, was Chöre normalerweise machen. Also auf die Probensituation, auf die Konzertsituation, auf die Frage, wie viel Mitglieder eigentlich gerade da sind, wie es denen geht, und ein bisschen auch Zukunftsaussichten dieser Chöre.

Umfrage unter 4.400 Chören

Um ein möglichst umfassendes Bild der Lage zu bekommen, haben Kathrin Schlemmer und ihr Team die Umfrage online durchgeführt und breit gestreut. Rund 4.400 Chöre von ganz unterschiedlicher Besetzungsgröße und musikalischer Ausrichtung aus Deutschland, Österreich und der Schweiz haben sich an der anonymen Erhebung beteiligt, die im März durchgeführt wurde und auf Selbstauskünften beruht.

Studie habe starke Aussagekraft

Damit ist längst noch nicht die ganze Chorlandschaft erfasst. Trotzdem hat die Studie eine starke Aussagekraft. Etwa, was die Zahl der derzeit aktiven Chormitglieder angeht. Die sei aktuell deutlich gesunken, wie Kathrin Schlemmer erklärt.

Wir haben das so erhoben, dass wir nach der normalen Mitgliederzahl vor Corona gefragt haben und dann verglichen haben mit den Mitgliedern, die jetzt aktiv sind. Und da ist es so, dass nur ein Drittel der Chöre in ihrer vollen Stärke jetzt gerade aktiv sind. Ein weiteres Drittel ist leicht reduziert und das letzte Drittel hat erhebliche Verluste zu verzeichnen. Und wir können auch sagen, dass etwas über sechs Prozent der Chöre momentan überhaupt nicht aktiv sind.

Situation in Kinder- und Jugendchören besonders heikel

Im Kinder- und Jugendbereich liegen laut Studie sogar doppelt so viele Chöre brach wie in der Gesamtübersicht, sagt Schlemmer.

Das heißt, zwölf Prozent der Kinder- und Jugendchöre sind momentan nicht aktiv, proben gar nicht, und haben als Mitgliederzahl aktuell ‚Null‘ angegeben. Ob das jetzt alle Chöre sind, die dann ‚gestorben‘ sind, wissen wir nicht. Aber wir wissen, dass jetzt momentan auf jeden Fall eine starke Reduktion zu verzeichnen ist und man weiß natürlich noch nicht genau, ob die alle reaktivierbar sind. Vor allem in den Kinder- und Jugendchören, wo ja ohnehin mehr Fluktuation ist. Das fanden wir schon dramatisch, dass die Besetzung da so stark reduziert ist, in dem Bereich.

Insgesamt bestätigt die Untersuchung von Kathrin Schlemmer und ihren Co-Autoren den Eindruck, dass die Pandemie und ihre Folgen in der Chorlandschaft starke Schäden hinterlassen.

Wir haben gefragt: Worunter leiden Sie momentan am meisten? Und da kommen zum Teil solche Sachen wie das fehlende Gemeinschaftsgefühl. Aber ganz viele haben auch wirklich geschrieben: Dass wir nicht singen dürfen! Singen ist für uns der eine Punkt in der Woche, der uns aus dem Alltag heraushebt, der uns glücklich macht. Und jetzt fehlt das eben.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 03. Mai 2021 | 09:10 Uhr