Systemische Therapie Musik als therapeutisches Instrument

Musik ist „systemisch“. Töne, Klänge und Rhythmen stehen in Beziehung zueinander, und erst im Zusammenspiel entsteht das, was wir Musik nennen. Deshalb ist sie für Systemtheoretiker besonders interessant. Das sind jene Philosophen und Soziologen, die die Gesellschaft als Summe korrespondierender Teilsysteme betrachten. Immer größeren Einfluss gewinnt systemisches Denken auch in der Psychotherapie. Und es liegt nahe, dass es unter Musiktherapeutinnen und -therapeuten besonderen Anklang findet.

Ein dreijähriges Mädchen spielt im Rahmen einer Musiktherapie auf einer Trommel.
Ein dreijähriges Kind spielt im Rahmen einer Musiktherapie auf einer Trommel. Bildrechte: dpa

Eric Pfeifer ist systemischer Psychotherapeut – nicht zuallererst Musiktherapeut. Trotzdem kann es sein, dass er in seiner Arbeit die Musik als Hilfsmittel einsetzt. So geschehen im Fall von Frau B., die kürzlich seine Praxis aufsuchte.

Frau B. kam mit psychosomatischen Beschwerden, also Schlaf- und Verdauungsstörungen, die medizinisch abgeklärt waren. Es gab keine biologische Ursache. In der gemeinsamen Arbeit konnte die Klientin einen Zusammenhang herstellen zwischen den Symptomen und der angespannten beruflichen Situation, in der sie sich befand.

Eric Pfeifer, Psychotherapeut

Musik macht Beziehungen sinnlich erfahrbar

Frau B. beschreibt vor allem das Verhältnis zu einer Arbeitskollegin als problematisch: Es sei anstrengend und verletzend. Doch in der verbalen Beschreibung des Verhältnisses gerät sie an Grenzen und seufzt – immer auf einem bestimmten Ton. Dieser geseufzte Ton wird schließlich der Kollegin zugewiesen. Einen anderen weist Frau B. sich selbst zu. Aus beiden ergibt sich ein Tritonus: ein Intervall, das die Spannung sinnlich erfahrbar macht.

Das hat der Klientin geholfen, ihr inneres Erleben im Laufe des therapeutischen Prozesses mehr und mehr nach außen zu verlagern – mit Hilfe der Musik als Katalysator und Wegbegleiter.

Eric Pfeifer, Psychotherapeut

Frau B. hat sich später einen Ton gesucht, der in einem anderen Intervallverhältnis zu jenem der Kollegin steht und sich anders in das Gesamtgefüge einpasst. Das Vorgehen seiner Klientin B. entspricht, so Eric Pfeifer, der systemischen Haltung.

Ich kann nicht erwarten, dass Andere sich im System verändern. Ich kann aber an meiner Position arbeiten – an meiner Haltung und Wahrnehmung. Aus diesem klingenden System ist das geworden, was die Klientin einen „besser klingenden Platz“ nennt. Und aus der systemischen Theorie wissen wir: Ändert sich ein Bestandteil im System, verändert sich das gesamte Gefüge.

Eric Pfeifer, Psychotherapeut

Systemische Therapie hilft beim Perspektivwechsel

Zu Perspektivwechseln anzuregen ist ein wichtiges Werkzeug systemischer Therapie. Sie helfen, die eigene Position im System anders zu bestimmen. Das System kann dabei eine Gruppe von Menschen abbilden oder eine solche in Kombination mit wiederkehrenden Situationen. So erleben es auch Lena und Juan Pablo. Bei ihrem fünfjährigen Sohn León ist eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert worden. Da León noch nicht sprechen kann, sind sie ebenfalls in Eric Pfeifers Praxis gekommen.

Ein Xylophon steht im Musikzimmer psychosomatischen Klinik.
Ein Xylophon steht im Musikzimmer einer psychosomatischen Klinik. Bildrechte: dpa

León – das hat sich im Laufe der Zeit etabliert – kommt in den Raum und geht zu den Musikinstrumenten, die hier ausliegen. Es sind verschiedene, etwa sechs Stück. Er wählt immer zuerst die Xylophonschläger. Davon hat der Therapeut eine ganze Box voll. León nimmt die Schläger und wirft sie durch den Raum. Zu Hause wäre das eine Situation, in der wir sagen würden: Jetzt schmeiss doch nicht mit den Sachen! Wir würden sicher eingreifen. Hier aber erfährt León: Es ist erlaubt. Und es ist gut. Eric begleitet das mit dem Klavier. Immer wenn León die Sticks wirft, spielt er ein Crescendo oder einen Tusch.

Juan Pablo, Vater des fünfjährigen León

Reframing als Chance

Einem immer wiederkehrenden Verhalten wird ein anderer Rahmen gegeben: Einer, in dem es nicht mehr als störend empfunden wird und nicht mehr zu Konflikten innerhalb der Familie führt. In der systemischen Therapie nennt man das Reframing.

Da steckt der ursprüngliche Gedanke der Systemtheorie und auch der des Konstruktionismus dahinter. Es ist der, dass wir nur erahnen können, was die Idee des Jungen in diesen Augenblicken ist und wie seine Wirklichkeit tatsächlich aussieht. Es ist seine Art sich mitzuteilen. Das zu verurteilen oder zu unterbinden, hieße sich der Chance auf ein gemeinsames Handeln zu berauben. Stattdessen gehen wir darauf ein und eröffnen mit Hilfe der Musik ganz andere Sichtweisen.

Eric Pfeifer, Psychotherapeut

An systemischer Musiktherapie fällt dem Außenstehenden vor allem auf, wie pragmatisch nach Lösungen gesucht wird. Ob musikalische Arbeit am Ende tatsächlich das Mittel der Wahl ist, bleibt in der Therapie zunächst offen. Die Musik wird nicht als Allheilmittel verstanden. Dadurch kann sie ihre Wirkung offenbar besonders gut entfalten.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 14. Dezember 2021 | 09:10 Uhr

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