Rezension Psychologische Ausdeutung von Wagners „Tristan und Isolde“ in Chemnitz

Am Chemnitzer Opernhaus wird die Wagner-Pflege fortgesetzt: Nach einer aufsehenerregenden „Götterdämmerung“ hat Regisseurin Elisabeth Stöppler nun „Tristan und Isolde“ inszeniert.

Tristan am Theater Chemnitz: Stéphanie Müther (Isolde), Daniel Kirch (Tristan)
Stéphanie Müther (Isolde), Daniel Kirch (Tristan) Bildrechte: Nasser Hashemi

Die Chemnitzer Oper und Richard Wagner, das ist längst eine enge Verbindung. Es gab dort spektakuläre Inszenierungen vom „Ring des Nibelungen“, die mal eher historisch, zuletzt auch mal sehr feminin konnotiert und ausschließlich von Regisseurinnen inszeniert worden sind. Dieser sogenannte Frauen-„Ring“ wurde mit einer „Götterdämmerung“ in der Regie von Elisabeth Stöppler geradezu gekrönt, die Regisseurin ist für ihre Sicht mit dem Theaterpreis „Faust“ geehrt worden.

Kein Wunder, dass die in Dresden lebende Regisseurin nun wieder für eine Wagner-Produktion nach Chemnitz eingeladen wurde, um ein vollkommen anderes Großwerk des Meisters zu stemmen: „Tristan und Isolde“. Vom Weltenbrand also zum Liebesdrama - wohin genau die Regie von Elisabeth Stöppler aber diesmal führen sollte, blieb erst einmal offen.

Außergewöhnliche Spielorte

Tristan am Theater Chemnitz: v.l.: Sophia Maeno (Brangäne), Stéphanie Müther (Isolde), Daniel Kirch (Tristan); Statisterie
v.l.: Sophia Maeno (Brangäne), Stéphanie Müther (Isolde), Daniel Kirch (Tristan); Statisterie Bildrechte: Nasser Hashemi

Es ging jedenfalls nicht an die in Wagners Libretto vorgegebenen Handlungsorte, nicht nach Kornwall, nicht nach Kareol und eigentlich auch nicht auf die hohe Irische See. Sondern für den Ersten Aufzug in die abgeschlossene Enge ein U-Boots, dann in den Salon eines vornehmen Landsitzes, der natürlich den Hof von König Marke darstellen sollte, und zuletzt ins Sterbezimmer von Tristan, das aber viel eher wie seine Jugendbude aussah mit Plakaten von Rambo und Rocky an den Wänden, mit einem Regal voller Kinkerlitzchen, darunter Schiffsmodelle und Kriegsspielzeug, sogar einen Panzer, sowie natürlich mit dem Filmplakat zu „Das Boot“, was den Kreis zum Beginn bildlich wieder geschlossen und viel über die Figur dieses Tristan ausgesagt hat.

Neudeutung des Stückes

Chemnitz bekam also eine Neudeutung dieses Stoffes um die Königstochter Isolde, die Tristan seinem Herrn, König Marke, als Braut zuführen soll, ihr aber vorher wegen eines gemeinsam genossenen Liebestranks selber verfällt. Vor allem hat Elisabeth Stöppler eine hochinteressante psychologische Neudeutung der Figuren geliefert.

Das Stück hat ja eine bedeutsame Vorgeschichte, den Zweikampf von Tristan und Morold, dem ersten Verlobten Isoldes. Als sie erfährt, dass der von Tristan getötet worden ist, ausgerechnet von Tristan, den sie gesund gepflegt hat, weil sie um die Geschichte nicht wusste, schwört sie ihm tödliche Rache. Ein Todestrank soll helfen, Tristan zu töten und somit auch selbst der Ehe mit König Marke zu entgehen. Also Mord und Selbstmord. Brangäne aber, Isoldes Vertraute, verhindert dies, indem sie den beiden einen Liebestrank verabreicht. Und schon nimmt das Schicksal seinen Lauf. Tristan und Isolde sind einander verfallen, Marke fühlt sich betrogen, dessen Vertrauter Melot verrät Tristan, der muss schwer verletzt fliehen, wird von seinem Freund Kurwenal betreut und stirbt schließlich nach einem letzten Wiedersehen mit Isolde.

Interessante Deutungsmöglichkeiten

Hier aber ist die Frage offengeblieben, ob es wirklich ein leibhaftiges Wiedersehen gab oder sich nicht alles wahnhaft im Kopf von Tristan abgespielt hat? Elisabeth Stöppler hat die Oper und deren Personal sehr psychologisch zu deuten versucht und dem Publikum damit mehr Fragen gestellt als beantwortet.

Tristan am Theater Chemnitz: v.l.: Oddur Jónsson (Kurwenal), Daniel Kirch (Tristan); Statisterie
Oddur Jónsson (Kurwenal), Daniel Kirch (Tristan); Statisterie Bildrechte: Dieter Wuschanski

Allerdings hat sie durchaus interessante Deutungsmöglichkeiten angeboten. Eine Interpretation, die stets eindrücklicher und nachhaltiger gerät, weil sie in Erinnerung bleiben wird. Dazu dürften freilich auch einige unstimmige Details mit beitragen, die natürlich nicht aufgelöst werden können. Da wurde im U-Boot texttreu vom Segelsetzen gesungen und allenthalben mit Pistolen gespielt sowie dann auch geschossen, obwohl bei Wagner stets von Schwertern die Rede ist. Zudem konnte gestaunt werden, dass „Melot die Wunde schlug“, die sich hier aber Tristan mit einem Pistolenschuss selbst zugefügt hat. Nicht zuletzt wirkte seine ständige Beschäftigung mit einem Jo-Jo befremdlich, fragwürdig - oder frei interpretierbar. Was sollte damit ausgedrückt oder gar kompensiert werden? Das Auf und Ab des menschlichen Lebens, die Vergänglichkeit der Zeit?

Wer das als widersprüchlich ansieht, könnte gewiss ein Problem mit dieser Art Umgang haben. Es darf aber auch eine künstlerische Freiheit darin gesehen werden, die von sämtlichen Solistinnen und Solisten ziemlich großartig umgesetzt worden ist. Da hat die Regie sehr genaue Persönlichkeitsbilder gezeichnet.

Die Liebe muss bewaffnet sein

Sowohl spielerisch als auch sängerisch gab es da durchaus Unterschiede. Sowohl bei den großen Partien als auch in vermeintlichen Nebenrollen. Kurwenal zum Beispiel steigerte sich vom hinkenden U-Boot-Offizier zum echten Freund und Vertrauten Tristans. Das hat Oddur Jónsson in einer großartigen Steigerung umgesetzt.

Von Anfang bis Ende beeindruckend ist die Brangäne von Sophia Maeno gewesen. Sie bewies eine große Stimme mit auch mal leisen, berückenden Tönen sowie eine hingabevolle, mitreißende Bühnenpräsenz. Till von Orlowsky als Melot war ein eher steifer Geselle, ein besonderer Verrätertyp eben. Und König Marke schien eher jugendlich, also kein ausgemachter Herrschertyp zu sein. Alexander Kiechle gab ihn sonor, beinahe zurückhaltend.

Tristan am Theater Chemnitz: Stéphanie Müther (Isolde)
Stéphanie Müther (Isolde) Bildrechte: Nasser Hashemi

Von den beiden Titelfiguren ist Tristan eine enorm schwierige, herausfordernde Partie. Daniel Kirch hat sie gemeistert, auch wenn er in manchen Spitzentönen hörbar angestrengt wirkte. Was er diesen langen Abend über geleistet hat, verdient unbedingt Anerkennung, denn vom schneidigen U-Boot-Kapitän über eine liebestrunkene Selbstgefälligkeit bis hin zum leidenden, wohl schon im Wahnsinn umnachteten Todeskandidaten hat er eine breite Phalanx aufgestellt. Zwar kein sympathisches Männerbild, darin aber unbedingt glaubhaft. Eine eher schwache Figur, die umso lieber mit Pistole aufritt.

Durchweg stark und überwältigend jedoch war die Isolde von Stéphanie Müther. Eine umwerfende Stimme, die mit Leichtigkeit stark geblieben ist bis in den ergreifenden Liebestod. Und endlich einmal eine Frau, die mit Lust in die Beziehung zu Tristan geht, sich selbst behauptet und die Liebe leben will.

Ein Fest der Musik

Die Robert-Schumann-Philharmonie wurde von ihrem Generalmusikdirektor Guillermo García Calvo geleitet und erstaunte im Vorspiel, weil gerade da alles hätte flirren und das Publikum überwältigen, ja einfangen müssen. Leider gab’s einige Patzer und Intonationsschwierigkeiten, die zum Glück gleich darauf wieder beinahe ungeschehen gemacht worden sind. Denn der Abend entwickelte sich zu einem Fest der Musik, da wurde ausgewogen sensibel bis kraftvoll aufbrausend musiziert, manchmal leider zuungunsten der Bühne, auf und hinter der zudem ein famoser Herrenchor mitgewirkt hat.

Unterm Strich also ein Erlebnis, dieser „Tristan“ in Chemnitz, ein empfehlenswertes, unbedingt hörens- und sehenswertes Erlebnis, von dem es leider nur relativ wenige Vorstellungen gibt.

Termine: 31. Oktober, 17. und 28. November 2021 sowie am 27. Februar und am 1. Mai 2022

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 25. Oktober 2021 | 09:10 Uhr

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