Krieg in der Ukraine "Ich kann mir gar nicht vorstellen, was passieren kann, wenn der Krieg nicht gestoppt wird."

Vladimir Jurowski ist ein weltweit gefragter und gefeierter Dirigent. Zur Zeit ist er Chefdirigent des Rundfunk-Sinfonieorchesters Berlin und des Bayerischen Staatsorchesters. Am 26. und 27. Februar 2022 änderte er aufgrund der weltpolitischen Geschehnisse sein aktuelles Konzertprogramm. Eigentlich waren an diesen Tagen ausschließlich russische Werke geplant. Jurowski aber begann die Konzerte mit der Nationalhymne der Ukraine.

Dirigent Vladimir Jurowski 5 min
Dirigent Vladimir Jurowski ist bestürzt über den Kriegsausbruch in der Ukraine. Bildrechte: dpa
5 min

"Wir können nicht sagen, wir sind einfach nur Musiker und spielen Musik." Der Dirigent Vladimir Jurowski zeigt sich bestürzt über den Kriegsausbruch in der Ukraine.

MDR KLASSIK Mo 28.02.2022 10:01Uhr 04:37 min

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Vladimir Jurowski, geboren in Moskau, wird als russischer Dirigent wahrgenommen. Doch seine familiären Wurzeln liegen weit davon entfernt: Seine ganze Familie stamme aus der Ukraine, sagt er. Nicht nur seine Mutter, sondern auch deren Vater.

Mein Urgroßvater liegt in Babyn Jar. Er ist von Deutschen gleich am ersten Tag als Jude exekutiert worden.

Vladimir Jurowski, Dirigent

Viele Urlaube hat Jurowski in der Ukraine verbracht, viele Erinnerungen mitgebracht. Dabei habe er stets das Gefühl gehabt, ein Sowjetbürger mit jüdischen Wurzeln zu sein: "Ob Georgier, Armenier, Kasachen, Russen, Juden, Ukrainer – das waren alles Brüder und Schwestern. Ich verstand es nie anders."

Schon vor Jahren sei es für ihn schlimm gewesen, als die Konflikte zwischen Russland und der Ukraine aufbrachen. Dass es zur Maidan-Revolution kam, da sei sich Jurowski sicher, habe an der korrupten Regierung gelegen. Niemals aber hätte daraus ein Krieg entstehen dürfen.

"Wir müssen uns positionieren"

Eine gute Freundin Jurowskis, schon über 90 Jahre alt, weigere sich zurzeit, Kiew zu verlassen. Diese Nachrichten gehen dem Dirigenten sehr nah. Er sei kein Freund politischer Manifestationen, ein Konzertpodium sei keine Rednertribüne, aber vor einem so schrecklichen Verstoß gegen die Menschenrechte, wie er jetzt in der Ukraine stattfinde, könnte und dürfte man sich nicht wegducken.

Wir können nicht sagen: Wir sind einfach nur Musiker und spielen Musik. Wir müssen uns nicht gegen ein bestimmtes Land oder eine Regierung, sondern gegen einen Krieg positionieren, und das so lautstark, wie möglich.

Vladimir Jurowski, Dirigent

Ukrainische Nationalhymne statt russischer Werke

Sich positionieren, das ginge zum Beispiel auf der Demonstration am Brandenburger Tor in Berlin – trotz der Kälte, aber mit gemeinsamem Singen. Zudem entschied Jurowski, seine Programmauswahl für die Konzerte am Wochenende zu überdenken. Geplant war der Slawische Marsch von Peter Tschaikowsky – ein Werk, das in Erinnerung daran entstand, dass der Zar einem befreundeten Staat zur Seite eilte, um die Osmanen im Krieg zu bezwingen.

Nach den Nachrichten am Donnerstagmorgen war ihm klar: Diese Musik ist augenblicklich untragbar: "Die russische Armee, die einem slawischen Brudervolk zur Hilfe eilt, das wäre jetzt bitterer Spott. Das kann man nicht machen."

der Dirigent Vladimir Jurowski
Dirigent Vladimir Jurowski spielte zu Beginn seines Konzertes am Wochenende die ukrainische Nationalhymne. Bildrechte: imago/Michel Neumeister

Im Internet konnte er die ukrainische Nationalhymne und noch ein weiteres Werk des Komponisten Mychajlo Werbyzkyj ausfindig machen. Damit habe er zwar den Beginn des Konzertes verändert, aber nicht Tschaikowsky gecancelt, wie es ihm von russischen Medien vorgeworfen wurde. Tschaikowskys 5. Sinfonie blieb – für Jurowski selbstverständlich – im Programm. Die Komponisten und ihre Musik haben für ihn mit diesen Auseinandersetzungen nichts zu tun.

Ich möchte nicht, dass es von einem russischen zu einem pro-ukrainischem Programm wird. Es ist ein Konzert Pro Frieden! Und gegen den Krieg.

Vladimir Jurowski, Dirigent

Und was passiert mit den nächsten Konzerten in Russland? Im kommenden Juli? Es sei möglich, so Jurowski, dass er nun, da er sich klar positioniert habe, nicht mehr einreisen dürfe. Er könne sich gar nicht vorstellen, was passieren könnte, wenn der Krieg nicht gestoppt wird. Noch sei es dafür, so Jurowksi, nicht zu spät.

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 28. Februar 2022 | 07:40 Uhr

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