Künstler in der Krise Versagt die Künstler-Sozialkasse in der Corona-Pandemie?

Behördensprache wie etwa die der Künstlersozialkasse ist oft trocken und schwer verständlich. Als Künstlerin oder Künstler kommt man aber nicht an ihr vorbei. Gerade in der Corona-Pandemie. Hier müssen sich Künstler:innen mit dem Kleingedruckten ihrer Kasse auseinandersetzen. Die Künstlersozialkasse ist ein Instrument, das Künstler:innen einen mit Arbeitnehmern vergleichbaren Versicherungsschutz gewährleistet. Solch Kleingedrucktes kann dann etwa sein, wie viel man mit einer nicht-künstlerischen Tätigkeit dazu verdienen darf.

Die Autorin Franziska Hauser
Die Autorin Franziska Hauser Bildrechte: imago/Horst Galuschka

An der Frage, wie viel man dazu verdienen darf, biss sich zum Beispiel die  Berliner Autorin Franziska Hauser die Zähne aus. Wegen zu viel Verdienst an einer Sprachschule, strich ihr die Künstlersozialkasse die Kranken- und Sozialversicherung. Ein Einzelfall oder versagt die Kasse in der Corona-Pandemie?

Nicht-künstlerischer Nebenverdienst kann ein Problem werden

Franziska Hauser, gerade dabei ihren vierten Roman zu schreiben, hat ein massives Problem. Wenn sie mehr in einer Sprachschule arbeitet - ihrem nicht-künstlerischem Nebenverdienst - muss sie Kranken- und Sozialversicherung selbst tragen. Sie erklärt:

Ich habe ja da bisher immer so ungefähr 450 Euro im Monat verdient und habe eben darum gebeten, mehr zu arbeiten. Ich kann da nicht um mehr Arbeit bitten, also um mich selbst kranken zu versichern und dann einfach mehr zu bezahlen.

Mehr zu arbeiten, lohne sich zudem nicht, bedenke man das Verhältnis zwischen Einkommen und Ausgaben. Problemstellungen für die die KSK eigentlich Lösungen hat. Franziska Hauser ist kein Einzelfall. Monika Heinzelmann von der KSK kennt den Umstand:

Wenn ich mir eine andere Möglichkeit der Einkunftsgenerierung suche, dann kann es eben durchaus zu dieser Versicherungsfreiheit in der Krankenversicherung und Sozialversicherung kommen. Dass man dann selber für seine Krankenversicherung sorgen muss, was dann per se natürlich auch wieder finanziellen Einsatz bedeutet, den man unter Umständen nicht hat. Aber so ist insgesamt das ganze Sozialversicherungssystem aufgebaut.

KSK sieht Gesetzgeber in der Verantwortung

Monika Heinzelmann setzt sich mit Grundsatzfragen solchen auseinander und ist an der Schnittstelle zwischen Kasse und Künstlern. Sie weiß, dass das Problem nicht erst seit Corona existiert:

Münzen um den Schriftzug Künstlersozialkasse
Bildrechte: IMAGO/Jens Schicke

Das sind so ganz normale Prozesse, die wir auch lange vor 2020 kennen und kannten und die sich natürlich jetzt in diesen Corona-Zeiten auch verschärfen, aber durchaus eben als ein normales Instrument angesehen werden. [...] Nichtsdestotrotz ist es ja so, dass wir uns als Künstlersozialkasse auch an das Gesetz halten müssen. Und es sind halt bestimmte Regelungen enthalten, die eben diese Verfahrensweise erfordern. Das ist einfach der allgemeinen Sozialversicherung angeglichen und diese Verfahrensweisen können wir auch nicht verändern.

Das Künstlersozialversicherungsgesetz bestehe schließlich weiter – unabhängig davon, dass gerade eine Pandemie herrsche. Abhilfe müsse von anderer Seite kommen, findet Monika Heinzelmann:

Wenn Modifizierung in der Form am Künstlersozialversicherungsgesetz vorgenommen werden sollen, dann muss man sich eben tatsächlich an den Gesetzgeber wenden.

Denn der ist dafür zuständig – auch für Zwischenlösungen. Dabei geht es Künstler:innen wie Franziska Hauser nicht darum, zum Beispiel die 450 Euro Grenze abzuschaffen. Allerdings - das könne sich die Autorin vorstellen - in diesen Zeiten zumindest darüber nachzudenken sie anzuheben:

Ich verstehe auch immer nicht so richtig: Warum geht man davon aus, dass Künstler eben von Hartz IV leben sollen? Also wir haben ja auch ganz normale Lebensumstände wie normale andere Berufe, haben Kinder oder wollen irgendwie auf ein Haus sparen. Und es ist hart, am Existenzminimum zu leben.

Künstler:innen passen sich an die Pandemie an

Ist Franziska Hausers Situation repräsentativ und versagt die Künstlersozialkasse in Pandemiezeiten? Franziska Hauser sagt, dass Umfeld reagiere sehr unterschiedlich: 

Man erlebt eigentlich alles: Leute, die auch stolz sind, dass sie so über die Runden kommen, auch mit gesparten Geld und so. Aber die allermeisten Künstler, die ich kenne, haben sehr viel weniger und kommen auch nicht dazu in ihr Atelier zu gehen oder zu schreiben. Weil sie einfach so mit dem Alltag beschäftigt sind und damit irgendwie die Kinder zu ernähren und alles irgendwie zu managen.

Laut Monika Heinzelmann, lagen im Zeitraum von März 2020 bis 11. Januar 2021 der Künstlersozialkasse insgesamt 70.000 Fälle vor, in denen Künstlerinnen und Künstler ihr Einkommen angepasst haben. Die Anpassungen gingen in beide Richtungen. Die Einkünfte seien von Künstlern sowohl nach oben als auch nach unten angepasst worden. Künstler:innen passen sich also an die Pandemie an. Ihrem eigentlichen Beruf können sie in vielen Fällen trotzdem nicht nachgehen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 27. Januar 2021 | 07:10 Uhr