Jubiläum am 8. Oktober Vor vierzig Jahren: Leipzigs drittes Gewandhaus eröffnet

Wenn wir jetzt sagen: Vor vierzig Jahren wurde das Leipziger Gewandhaus eröffnet, dann stellt sich eine berechtigte Frage. Welches denn? Denn das älteste bürgerliche Orchester Deutschlands hatte so einige Stationen in der Stadt. Die Nummer drei wurde 1981 eröffnet – nachdem die Musikerinnen und Musiker lange Zeit im Interim in der Kongresshalle am Zoo spielen mussten.

Gewandhaus im Dunkeln, Frontalansicht: Beleuchtetes Konzertgebäude mit großer, frontaler Glasfäche, im inneren großes beleuchtetes Wandgemälde. Im Vordergrund: Mendebrunnen, auch beleuchtet, auf dem Augustusplatz.
Okay, Achtziger-Jahre-Ästhetik: Aber in der DDR keine Selbstverständlichkeit und an sich macht es auch heute noch was her, das Gewandhaus. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Sagen wir es so: Die Eröffnung eines Konzerthauses war in der DDR keine Selbstverständlichkeit. Oder wie es die Leipziger Kaufleute bereits im ersten Gewandhaus an die Wand schreiben ließen: Res severa verum gaudium – wahre Freude ist eine ernste Sache. In der DDR zeigte sich dieser Ernst an fehlenden Devisen. Dem gegenüber standen die Vorstellungen von Gewandhauskapellemeister Kurt Masur. Das Gebäude sollte aussehen "So wie in Rotterdam, De Doelen, das müssen Sie sich ansehen."

Schlussapplaus am Donnerstag, 6. Maerz 2008, eines Konzertes mit der Geigerin Anne-Sophie Mutter im Gewandhaus in Leipzig.
Bildrechte: imago images / Eckehard Schulz

Gesagt, getan. Der beauftrage Architekt Rudolf Skoda durfte mit dem Segen der politisch Verantwortlichen in die Niederlande reisen und bald war der neue große Saal geplant: eine Art Arena nach dem Vorbild römischer Amphitheater, ähnlich wie in der Berliner Philharmonie, ausgelegt für 1900 Besucher. Dass dieses ehrgeizige Projekt überhaupt durchgesetzt werden konnte, war der Hartnäckigkeit von Gewandhauskapellmeister Kurt Masur zu verdanken.

Der damalige Gewandhausdirektor Klaus Zumpe erinnert sich, wie Stadt und Bezirk das Bauvorhaben immer wieder abgesagt haben, weil anderes vorging.

Da war es doch Masur, der an die höchste Ebene, sprich an Honecker persönlich geschrieben hat und dieser Brief hat bewirkt, dass das Gewandhaus mit eingeplant wurde.

Klaus Zumpe ehem. Gewandhausdirektor

Nebenbei sei bemerkt, dass Masur auch gegen ein Konzept intervenierte, das schon vor der Umsetzung den Spitznamen "Gewandimax" trug: Der Neubau sollte sowohl als Konzertsaal als auch als Audimax, also größter Hörsaal der Universität Leipzig dienen. Die akustische Qualität hätte wahrscheinlich nicht den Stand erreicht, den das Gewandhaus bis heute auszeichnet.

Kein Gewandimax, kein Einheitsbau

Das neue Gewandhaus war kein DDR-Einheitsbau. Das bemerkte auch der damalige Bauminister und verkündete, dass das Projekt mit dem Prädikat "Ausgezeichnete Qualitätsarbeit" abgenommen wurde. Vielfach wurde im Zusammenhang mit der Eröffnung des Gewandhauses von einem Wunder gesprochen. Ein Wunder, das auch Verpflichtungen mit sich brachte, so sagt es Kurt Masur.

Dass diese Verpflichtung sich nicht nur auf das Angebot qualitativ hochwertiger Musikprogramme bezog, bewies Kurt Masur genau acht Jahre und einen Tag nach der Eröffnung seines Leipziger Gewandhauses. Am 9. Oktober 1989 verlas er den denkwürdigen Aufruf der Sechs, der zunächst über die hauseigene Lautsprecheranlage und dann über den DDR-Rundfunk verbreitet wurde: "Wir sind von der Entwicklung in unserer Stadt betroffen und suchen nach einer Lösung. Wir brauchen einen freien Meinungsaustausch über die Fortführung des Sozialismus in unserem Land. Wir bitten sie dringend um Besonnenheit, damit der friedliche Dialog möglich wird.“

Beleuchtete Innenstadt bei Nacht in Leipzig: Blick von Open auf Gewandhaus, auch Opernhaus und City-Hochhaus
'S glänzt auch in der Nacht so schön: Gewandhaus am Augustusplatz in der Leipziger Stadtmitte. Bildrechte: imago/STAR-MEDIA
Andreas Schulz
Andreas Schulz, Gewandhausdirektor Bildrechte: Gert Mothes

Auf Kurt Masur folgten weitere große Namen, in einer neuen Ära nach dem Fall des Eisernen Vorhangs: Herbert Blomstedt ab 1998, Riccardo Chailly ab 2005 und seit 2017 Andris Nelsons. Hinter den Kulissen steht seit 1998 Gewandhausdirektor Andreas Schulz. Der ist nicht nur aufs Musikprogramm stolz:

Dass es gelungen ist, dieses Haus durch vierzig Jahre durch Sanierungsmaßnahmen immer so fit zu halten, würde ich mal sagen, ist auch ein wichtiges Zeichen!

Andreas Schulz Gewandhausdirektor

Und auch hier keine Selbstverständlichkeit: Am Beispiel der Generalsanierung des Gasteig in München oder der Abrissdebatte um die Beethovenhalle in Bonn zeigt sich, dass der Weg in Leipzig der bessere und kostengünstigere war. Für ein Haus, das auch vierzig Jahre nach seiner Eröffnung immer noch optimale räumliche und akustische Bedingungen bietet.

cf, flo

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 08. Oktober 2021 | 00:00 Uhr

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