Virtual Reality "Himmelsburg" Weimar: Mit Bachs Augen sehen

Johann Sebastian Bach wirkte von 1708 bis 1717 am fürstlichen Hof in Weimar. Sein zentraler Arbeitsplatz war die Weimarer Schlosskapelle, auch "Himmelsburg" genannt. Leider gibt es diese heute nicht mehr. Virtuell kann sie nun dennoch "besichtigt" werden – ein ambitioniertes Projekt, für das sich die Thüringer Bachwochen mit der Thüringer Tourismus GmbH zusammengetan haben. MDR KLASSIK hat sich das Virtual-Reality-Experiment angesehen.

Eine Werbetafel auf einem Übersee-Container.
In Weimar wurde in einem Übersee-Container die ehemalige Schlosskapelle "Himmelsburg" virtuell rekonstruiert. Bildrechte: Dominik Saure

Ein Übersee-Container beherbergt die "Himmelsburg". Durch eine Schiebetür gelangen die Besucherinnen und Besucher ins Innere, das an einen Kirchenraum erinnert: Drei kleine Kirchenbänke bieten Sitzmöglichkeiten. Und dann kommt die Technik ins Spiel. Eine Virtual-Reality-Brille weitet den Raum ins Gigantische. Vor den Augen der Betrachtenden entsteht die Kapelle. Drei Emporen hat sie und auf der obersten Galerie – in etwa zwanzig Metern Höhe – bricht sich das Licht an den Orgelpfeifen.

Wo Bach seine bedeutensten Kantaten schrieb

Blick in den virtuellen Innenraum der Weimarer Schlosskapelle
Die Technik macht es möglich: Die 1774 bei einem Brand zerstörte Weimarer Schlosskapelle kann virtuell besichtigt werden. Der Architekt Florian Scharfe hat bereits 2005 eine Diplomarbeit über die "Himmelsburg" geschrieben und damit die Vorlage für die virtuelle Rekonstruktion geliefert. Bildrechte: MDR/Rolf Kruse

Aus den Kopfhörern dringt Musik: "Himmelskönig, sei willkommen". Diese Kantate hatte Bach einst speziell für die Schlosskapelle komponiert, an der eigens für ihn umgebaute Orgel. Und: Hier schrieb er als Konzertmeister einige seiner bedeutendsten Kantaten. Die Ausführenden standen seinerzeit auf der obersten Galerie. Von dort drang die Musik nach unten wie sphärische Klänge aus dem Jenseits. Auch deshalb wurde der aufstrebende Raum "Himmelsburg" genannt. 1774 fiel die Kapelle einem Brand zum Opfer.

"Die Grundidee der Himmelsburg war, etwas wiederauferstehen zu lassen", sagt Rolf Kruse, Professor für Informatik an der Fachhochschule Erfurt. "Das Erleben vor Ort wird man nie hundertprozentig simulieren können. Aber man kann ja versuchen, sich dem anzunähern."

Der Bau des virtuellen Raums war nicht einfach

In Weimar wurde die ehemalige Schlosskapelle "Himmelsburg" virtuell rekonstruiert. Eine Besichtigung ist möglich.
Die Vorlage der virtuellen Rekonstruktion: das Gemälde des Malers Christian Richter (1587-1667) Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wir haben Baupläne und Zeichnungen von damals bekommen", fährt Kruse fort, "aber diese widersprechen sich teilweise. Die Hauptquelle ist ein Bild des Malers Christian Richter aus dem Jahr 1660. Daran haben wir uns orientiert."

Mit Hilfe einer Fernbedienung ist es möglich, sich im Raum zu bewegen. Sogar auf die Empore können die Besucher steigen und aus lichter Höhe in den Kirchenraum schauen – ein elektrisierender Effekt, während die Musik die Akustik des Raumes simuliert: Der Klang verändert sich je nach Position. Verantwortlich für dieses kleine technische Wunder ist Stefan Weinzierl, Professor an der TU Berlin.

Sieben Minuten Hörerlebnis

"Bei einem normalen Hörerlebnis", erklärt er, "erlebt man immer eine Mischung dessen, was die Schallquelle erzeugt, also den Klang der Musikinstrumente und dessen, was der Raum dazu beiträgt. In einer solchen Simulation werden die beiden Dinge getrennt." Das bedeutet, dass die Musik ohne jeglichen Raumanteil aufgenommen und die Signatur des Raums separat simuliert werde, um sie am Schluss miteinander zu verrechnen.

In Weimar wurde die ehemalige Schlosskapelle "Himmelsburg" virtuell rekonstruiert. Eine Besichtigung isrt möglich.
Mit so einer "Virtual Reality"-Brille wird die Himmelsburg zu neuem Leben vor den Augen und Ohren der Besuchenden erweckt. Bildrechte: Dominik Saure

Aufgenommen wurde die Musik übrigens vom Ensemble "Cantus Thuringia & Capella" unter der Leitung von Bernard Klapprott – im reflexionsarmen Raum der TU Berlin. Die Einspielung wurde dann mit den akustischen Eigenschaften der Himmelsburg kombiniert. So entstand ein akustisches Erlebnis, das rund sieben Minuten dauert. In dieser Zeit kann man den Raum spielerisch entdecken und staunen, was technisch möglich ist. Und nicht zuletzt: dem historischen Bach ein bisschen näherkommen.

Informationen zum Virtual Reality-Projekt "Himmelsburg" Am 10. April wird die "Himmelsburg" auf dem Goetheplatz in Weimar eröffnet.
Vom 16. April bis 1. Mai wird der Container dann auf dem Platz der Demokratie stehen. Dort kann die "Himmelsburg" täglich von 12 Uhr bis 18 Uhr kostenfrei besucht werden. Danach geht der Container auf Reisen nach Leipzig und Stuttgart.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 12. April 2022 | 08:40 Uhr

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