Passion :Spiel Studierende aus Leipzig und Weimar erproben Neues Musiktheater: Spielarten des Wahnsinns

Das Festival "Passion :Spiel" am Deutschen Nationaltheater Weimar will neue Formen des Musiktheaters erproben. In diesem Rahmen haben auch Studierende der Weimarer Musikhochschule und der Leipziger Hochschule für Musik und Theater zwei Werke des britischen Komponisten Peter Maxwell Davies einstudiert. Es ist der Versuch die Musikinstrumente zu Akteuren zu machen und den Wahnsinn der Welt zu betrachten.

Ein Mann mit breitem Kreuz und rosa Hemd steht auf einer Bühne, im Halbkreis spielen Musiker in Kostümen auf ihren Instrumenten.
Bei dem Doppelabend mit Stücken von Peter Maxwell Davies konnten Studierende aus Leipzig und Weimar ungewohntes Musiktheater gestalten. Bildrechte: Candy Welz

Im Maschinensaal des e-werks, der Nebenspielstätte des Deutschen Nationaltheaters Weimar, steht ein breiter Tisch in Form eines Ts. An der Stirnseite mit dem Rücken zum Publikum sitzt ein Hornist in militärischer Uniform. Auf dem Tisch stehen drei Sängerdarsteller, ebenfalls in Uniform. Es ist eine Verhörsituation: Der Hornist stellt mit seinen Phrasen Fragen und die Sänger erklären, was sie gesehen haben wollen. "Durch dieses Horn wird der Zuschauer damit reingezogen", begeistert sich Regisseur Michael Höppner.

"Weil die Fragen nicht formuliert sind, können wir nur aus den Antworten, zum Teil aus widersprüchlichen, schließen, was das Horn wohl gefragt haben mag." Dass der Hornist dafür nicht wie sonst oft im Orchester sitzt, sondern mitspielt, besitzt für Höppner schon einen Ansatz von instrumentalem Theater, das in diesem Abend noch weiter erkundet wird.

Blick auf den Rücken eines Mannes mit Barrett, neben ihm ein Horn. Drei Männer leuchten ihn an, dahinter ist ein Orchester zu sehen.
In Weimar spielt der Hornist auf der Bühne mit. Bildrechte: Candy Welz

Leipziger Gastspiel über toxische Männlichkeit

Für "The Lighthouse" greift Peter Maxwell Davies auf eine wahre Geschichte zurück: Unter mysteriösen Umständen sind im Jahr 1900 drei Leuchtturmwärter bei Schottland von ihren Posten verschwunden. Der britische Komponist zeigt dem Publikum im ersten Teil ein Verhör, der Männer, die den Leuchtturm verlassen vorgefunden haben. Im zweiten Teil lässt er die selben Sänger eine Version spielen, wie die sich die Zeit mit Spielen und Gesang vertreiben.

Auf einem Kreuz von Podesten stehen drei Männer und breiten ihre Arme aus, in denen sie Schusswaffen halten.
Die Produktion der Leipziger Hochscule für Musik und Theater handelt von Extremismus. Bildrechte: Candy Welz

Die drei Männer scheinen es auf Dauer nicht miteinander auszuhalten. Für den Regisseur geht es deswegen um toxische Männlichkeit. Er geht sogar noch etwas weiter: Die drei Militärs aus dem ersten Teil stellen sich nicht nur vor, was im Leuchtturm passiert ist, sondern verkleiden sich selbst als Leuchtturmwärter und denken über den Umsturz nach. Es geht um die Frage, was passiert, wenn Terrorabsichten bei Ordnungs- und Sicherheitskräften um sich greifen, erklärt Höppner und verweist auf Skandale wie Hannibal-Netzwerk und Nordkreuz.

Neue Musik entdecken

Im Zentrum der Komposition von Davies stehen drei Songs, in denen die Wärter Einblicke in ihr Leben geben. "Es ist ein genialer Schachzug", erklärt der musikalische Leiter Tobias Wögerer fasziniert. "Er baut immer wieder diese Spannungen auf – musikalisch und dramaturgisch. Und kurz bevor es explodiert, fügt er diese drei genialen Songs ein, die komplett unterschiedlich sind: Dieser Kneipensong mit Banjo, dieses parodisierte, eigentlich religiöse Kirchenlied und dann die romantische Arie von Sandy."

Tobias Wögerer hat sein Masterstudium bereits abgeschlossen, aber ist noch in einem Programm der Weimarer Musikhochschule, die ihm weitere Beratung und Hilfestellung bietet. Bei diesem Projekt war ihm vor allem wichtig, die konkreten Stimmungen aus dem Orchester herauszuholen, wie beispielsweise das Möwenkreischen bei der Flöte.

Veronika Pallach, Klarinettistin und Bachelor-Studentin, hat bei dieser Produktion ihr Instrument nochmal neu entdeckt: "Ich finde es auch toll und wichtig, dass ich mich mit bestimmten Spieleffekten beschäftigen musste, so etwas wie Flatterzunge, sehr hohe oder lang ausgehaltene Töne. Im ersten Moment erscheint es als unspielbar und dann muss ich trotzdem gucken, wie weit kann ich kommen." 

Was Wahnsinn bedeutet

Noch herausfordernder war die Produktion von "Eight Songs for a Mad King": Das Publikum wandert vom Maschinen- in den Kesselsaal. Auf einem Podest mit rosa Teppichboden sitzen die Musikerinnen und Musiker auf Felsen und zwischen Grasbüscheln. Ihnen wachsen Federn aus dem Kopf oder sie sind ganz in Schafspelz gekleidet. An der Seite sitzt ein massig wirkender Mann, der sein Buch vorstellen will.

Der Weimarer Theaterraum ist in grünes Licht getaucht. Ein kräftiger Mann in silbernem Anzug schaut auf das Treiben auf der Bühne.
Das Monodram von Peter Maxwell Davies ist inspiriert von Texten von George III. Bildrechte: Candy Welz

Flüsternd erzählt er, dass er früher ein Affe war und nun zum Menschen geworden ist. Das Verbindungsglied zwischen den zwei Abenden ist der Wahnsinn: "Das ist die Frage, die wir stellen: Wer ist eigentlich der Verrückte und wer ist der König?", erläutert Regisseur Dirk Girschik. "Der Versuch war, den Wahnsinn oder die Verrücktheit sprechen zu lassen. Alle diese Verrücktheiten, die im Stück sind, zu erklären als ein Gesprächsangebot. Wir wollten den König als jemanden zeigen, der versucht zu kommunizieren und daran wahrscheinlich scheitert." 

Musik spielen

Die Musik dafür ist assoziativ notiert. Eine Seite der Partitur sieht beispielsweise aus wie ein Vogelkäfig. Die jungen Studierende des Weimarer Musikhochschule mussten also die Klänge und Töne erstmal finden: "Als ich mir die Noten das erste Mal angeschaut habe, wusste ich gar nicht, wie ich das spielenn soll, das gibt es gar nicht auf der Klarinette", erinnert sich die Klarinettistin Tatjana Weller. "Im Prozess haben wir eigene Klänge gefunden. Das macht es auch so individuell: Es wird so einen "Mad King" nicht noch einmal geben.

Das Gebäude der Deutschen Oper Berlin, 1998
Die Deutsche Oper Berlin wurde 1961 eröffnet und ist das größte der drei Opernhäuser in Berlin. Das Gebäude war Ersatz für die an gleicher Stelle im Zweiten Weltkrieg zerstörten Deutsche Oper. Bildrechte: dpa

Doch das junge Ensemble musste nicht nur neue Klänge finden, sondern auch auf der Bühne agieren. Das ist die andere Verbindung zwischen den beiden Teilen des Doppelabends. Statt nur einen Instrumentalisten einzubinden, wird die Musik in dieser Inszenierung selbst zum Darsteller. Denn der affenartige Mad King wird von Tieren begleitet, die die Instrumentalisten verkörpern. Die Klarinettistin knabbert zwischendurch als Schaf an Kohlköpfen, der Flötist hüpft als Vogel über die Bühne.

"Es geht dann um erstmal die Analyse: Wie bewegt sich ein Tier", erzählt Girschik vom Probenprozess. Tatjana Weller hat sich dafür im Internet viele Videos von Schafen angeschaut und versucht einige Ticks zu finden, die ihrer Meinung nach besonders "schafisch" sind. Für sie war es eine Erfahrung, die sich von anderen Engagements unterscheidet. "Da sitzen wir im Orchester, haben unsere Noten und versuchen, nicht weiter aufzufallen. Und hier dürfen wir auffallen."

Mehrere Personen stehen mit Instrumenten und ausgefallenen Kostümen hintereinander.
In der Weimarer Version von "Eight Songs for a Mad King" spielen die Musikerinnen und Musiker Tiere auf der Bühne. Bildrechte: Candy Welz

Genau das war Michael Höppner wichtig, der nicht nur Regisseur sondern auch Künstlerischer Leiter des Festivals für neues Musiktheater ist. Zum einen sollten die Studierende erfahren, wie die Abläufe an einem professionellen Haus ist, zum anderen sollten sie erleben, wie vielfältig Musiktheater sein kann. "wenn wir ein experimentelles oder innovatives Musiktheater machen wollen und das an die Institutionen bringen wollen, dann müssen wir an den Hochschulen anfangen - vielleicht sogar noch früher. 

Weitere Informationen Doppelabend 2 mit Werken von Peter Maxwell Davies

"The Lighthouse"
Musikalische Leitung: Tobias Wögerer
Inszenierung, Bühne & Kostüme: Michael Höppner
Mit: Vahé Hakhverdian, Paul Kmetsch, Benjamin Mahns-Mardy aus der Hochschule für Musik und Theater Leipzig, Studierende der HfM Weimar

"Eight Songs for a Mad King"
Regie: Dirk Girschik
Raumbühne: Martin Miotk
Kostüme: Gabrielle-Marie Renard
Mit: Uwe Schenker-Primus vom DNT Weimar, Chia-Yu Hsu, Tatjana Weller, Barnabás Fekete, Roza Lusine Dzhavadian, Tobias Gassert und Megumi Hata von der HfM Weimar

Musikalische Projektleitung: Clemens Schuldt

Weitere Termine:
18. und 19. März, jeweils 21 Uhr

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 18. März 2022 | 07:10 Uhr

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