Zum Tod von Christa Ludwig "Eine der Größten der Operngeschichte"

Die Mezzosopranistin Christa Ludwig ist am 24. April 2021 in der Nähe von Wien im Alter von 93 Jahren gestorben. Unser Musikkritiker Uwe Friedrich war und ist ein großer Fan der einzigartigen Sängerin. Er blickt zurück auf ihr Leben und ihre Karriere.

Christa Ludwig
Christa Ludwig hat bis ins hohe Alter unterrichtet. Bildrechte: IMAGO / Gustavo Alabiso

Für Leonard Bernstein war sie die beste. Ist dieses Urteil heute noch gültig?

Uwe Friedrich: Auf jeden Fall. Sie gehörte zu den herausragenden Stimmen des 20. Jahrhunderts, was wir aufgrund von Aufnahmen auch erkennen und bewerten können. Ich würde sogar soweit gehen in meiner Verehrung: Sie ist eine der Größten der Operngeschichte. Sie konnte scheinbar alles. Sie hat alle großen Rollen des Mezzorepertoires gesungen, angefangen beim Oktavian im Rosenkavalier in den Eröffnungsfeierlichkeiten der neuen Wiener Staatsoper. Das war ein Moment, den sie immer festhalten wollte - so sagte sie es. Sie hat aber auch die Carmen gesungen und die Dalila. Sie war großartig in Liedern. Egal, was sie aufgenommen hat. Sie gehört auch zu den ersten Frauen, die sich die Winterreise erobert haben - nach Lotte Lehman Anfang des 20. Jahrhunderts.

Sie hatte ungeheuren Witz auf der Bühne, auch in ihren Liederabenden. Sie hatte auch eine sehr erotische Ausstrahlung. Es gibt eine Aufnahme der Knusperhexe mit ihr, wo es vollkommen klar ist, dass es nicht um den Finger von Hänsel geht. An dem Finger ist sie gar nicht interessiert. Und ich erinnere mich an einen Liederabend, wo sie Im Schatten meiner Locken sang von Hugo Wolf und wo die Sängerin, das lyrische Ich, überlegt, ob sie den Mann aufweckt. Zum Schluss heißt es: "Ach nein!". Und das war so frivol im Sinne von: Den jetzt aufzuwecken, das lohnt sich nicht. Dann ist er eh nur müde. So etwas muss man erstmal rüberbringen können und Christa Ludwig konnte das bis zum Ende ihrer Karriere im Jahre 1994.

Christa Ludwig (l) und Elisabeth Schwarzkopf in einer Szene der Oper Cosi Fan Tutte von Wolfgang Amadeus Mozart.
Christa Ludwig (links) und Elisabeth Schwarzkopf in einer Szene der Oper "Cosi Fan Tutte" von Wolfgang Amadeus Mozart (undatiert). Bildrechte: dpa

Christa Ludwig kam aus einer musikalischen Familie. Der Vater war Opernintendant, die Mutter war Sängerin und Gesangslehrerin. So etwas kann eine Hypothek sein für eine junge Sängerin. Wie verlief ihre Karriere?

Uwe Friedrich: Sie hat selbst gesagt, sie habe offenbar schon im Mutterleib Musik gehört. Sie hat auch bereits sehr jung schon großartig gesungen. Was ihre Mutter dazu bewogen hat, sie auszubilden. Die Mutter blieb auch die einzige Gesangslehrerin. Es kam direkt nach dem Krieg erst einmal ihr Debüt: Stationen waren in Frankfurt, Darmstadt und Hannover, wo sie zunächst einfach nur das Handwerk gelernt hat. Dann ging es allerdings kometenhaft weiter. Karl Böhm hat sie nach Berlin geholt, an die Staatsoper. Wien hat sie auch als ihre künstlerische Heimat angesehen und hat dann aber in aller Welt gesungen. An der Met, viel in Berlin. Bei den Salzburger Festspielen war sie regelmäßiger Gast. Es war glanzvoll! Man kann es nicht anders sagen. Überall wurde sie verehrt. Ihr Name musste nur auf dem Programm erscheinen und schon waren die Aufführungen ausverkauft. Das waren noch die Zeiten, in denen man sich als Fan auch an einem großen Haus, wie der Deutschen Oper, Tage vorher anstellen musste, um überhaupt noch irgendeine Karte zu ergattern. Grandios!

Christa Ludwig und im Hintergrund der österreichische Bassbariton Walter Berry in die "Frau ohne Schatten" von Richard Strauss in der Wiener Staatsoper, 1964. Bildrechte: dpa

Solche glanzvollen Karrieren haben oft auch dunkle Seiten. Gab es diese bei Christa Ludwig?

Uwe Friedrich: Nach dem Ende ihrer Karriere - 1994 hat sie ihren Abschied genommen - hat sie gesagt, dass sie jetzt endlich leben könne. Jetzt muss sie nicht mehr stundenlang vor einer Aufführung schweigen. Jetzt kann sie essen und trinken, was sie will. Diese Schattenseiten der Sängerkarriere, die nicht so glamourös sind, kannte sie auch sehr gut. Außerdem hatte sie eine große Stimmkrise als Adern in ihren Stimmbändern geplatzt sind. Sie selbst hat gesagt, sie hätte nur zwei dünne Wollfäden gehabt als Stimmbänder, die sie allerdings erstklassig behandelt hat. Sie sagte auch: Das Geheimnis ist, mit der Stimme zu singen, die man hat und nicht mit einer, die man gern hätte. Aber das hat sie nicht davor beschützt große Pausen machen zu müssen aus medizinischen Gründen. Da war zu bestimmten Zeitpunkten sicherlich auch Verzweiflung im Spiel.

1994 hat Christa Ludwig ihre Karriere mit einer Abschiedstournee beendet. Dafür den richtigen Zeitpunkt zu finden, ist nicht leicht...

Christa Ludwig, 1995
Christa Ludwig, 1995 Bildrechte: dpa

Uwe Friedrich: Ich erinnere mich, dass wir alle - die Fans - das sehr bedauert haben, als das bekannt gegeben wurde. Man fragte sich, warum. Sie kann doch noch zehn Jahre ihre hinreißende Klytämnestra und die ganzen Altersrollen singen und Liederabende geben. Alles Dinge, die man als Sängerin machen kann, wenn man im Alter das Repertoire klug auswählt. Aber erstens, war diese Entscheidung für sie selbst richtig. Sie hat ja dann noch unterrichtet. Sie hat nie ein Blatt vor den Mund genommen, war in der Öffentlichkeit weiterhin präsent und hat dann eben die Früchte ihres Ruhms noch einmal genießen können. Und das andere: Die Meinung zu ihr ist eben nicht umgeschlagen in Entsetzen, dass man dachte: Singt die Alte immer noch? Es war eine Nostalgie, die das Sagen hatte, mit guten Erinnerungen.

Welche Aufnahmen von Christa Ludwig werden aus Ihrer Sicht besonders bleiben?

Uwe Friedrich: An erster Stelle auf jeden Fall das Lied von der Erde mit Otto Klemperer und Fritz Ludwig - eine absolut herausragende Aufnahme. Sie hat übrigens im Nachhinein gesagt, sie versteht gar nicht, warum. Sie sei ein junges Ding gewesen und hatte keine Ahnung, was sie da singt. Auch ein Beispiel von musikalischer Intelligenz und Intuition. Ich mag ihre Knusperhexe und Octavian. Die Liederaufnahmen von Johannes Brahms sind herausragend! Eigentlich alles, wo Christa Ludwig drauf steht, kann man bedenkenlos kaufen und mit Vergnügen anhören.

Zum Nachhören

Sondersendung zum Tod von Christa Ludwig: 26. April um 19:00 Uhr auf MDR KLASSIK

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | 26. April 2021 | 07:40 Uhr