Kein Politiker-Blah-Blah MDR SACHSEN-ANHALT geht vor der Bundestagswahl auf Tour durchs Land

Am 26. September ist Bundestagswahl. Doch wie schauen eigentlich die Sachsen-Anhalter nach Berlin? "MDR SACHSEN-ANHALT Das Radio wie wir" möchte die Stimmung vor der Wahl erfahren und schickt darum Reporter in alle Landesteile. In vier Regionen werden unsere Reporter und Reporterinnen mit den Menschen ins Gespräch kommen. Wir wollen hören, was sie und nicht die Politiker mit Blick auf die Bundestagswahl bewegt.

Ein Übertragungswagen mit Satellitenschüssel steht auf einer Straße.
Wie ist die Stimmung so kurz vor der Bundestagswahl? Reporter von MDR SACHSEN-ANHALT reisen ab Anfang September durchs Land und wollen mit den Menschen vor Ort ins Gespräch kommen. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Schon wieder steht eine Wahl bevor. Nach der Landtagswahl im Juni soll nun ein neuer Bundestag, eine neue Kanzlerin oder ein neuer Kanzler gewählt werden.

Davor möchte "MDR SACHSEN-ANHALT das Radio wie wir" mit den Menschen im Land ins Gespräch kommen. Dabei stehen die Meinungen und Probleme der Wählerinnen und Wähler im Fokus. Es soll um Fragen gehen, die die Menschen bewegen: Nimmt die Bundespolitik die Sorgen ernst? Was hat sich verschlechtert oder verbessert seit der letzten Bundestagswahl? Was wünschen sie sich, was erhoffen sie von ihren Vertretern im Bundestag? Kennen sie die überhaupt? Was muss dringend angepackt werden in ihrem Ort oder ihrer Region?

Region Dessau: Rund um Gräfenhainichen

Den Anfang machte MDR Sachsen-Anhalt-Reporter André Damm aus dem Regionalstudio Dessau. Er war in und um Gräfenhainichen unterwegs.

Tag 1

Ein Braunkohlebagger in Ferropolis
Ehemalige Tagebauregion rund um Ferropolis Bildrechte: imago images/Steffen Schellhorn

• In Gräfenhainichen in der Förderschule "An der Lindenallee" traf André Damm auf Schulleiter Torsten Kunze. Der freut sich vor allem auf das neue Schuljahr und das neue Schulgebäude, das gerade für acht Millionen Euro errichtet wird. Pädagoge Torsten Kunze erwartet von der Bundespolitik, dass künftig mehr in Bildung investiert wird.
• Der Chef der Ferropolis GmbH Thies Schröder hofft dagegen, dass Konzert- und Festivalausrichter bei möglichen neuen Corona-Beschränkungen staatliche Hilfen erhalten. Ansonsten setzt er auf ökologische Signale. In Ferropolis sei der Kohleausstieg schon vor 30 Jahren vollzogen worden.

Ein weißer Kleinbus mit einem blauen MDR-Logo auf der Seite und einer Satelitenschüssel auf dem Dach, steht vor einem grauen Plattenbau.
Die alte Förderschule "An der Lindenallee". Ein neues Gebäude entsteht gerade. Bildrechte: MDR/Andrè Damm


• Die Digitalisierung müsse weiter voranschreiten, fordert Michael Spiegel in Gräfenhainichen. Das Tempo beim Breitbandausbau sei viel zu langsam, bei der Handy-Nutzung gebe es etliche weiße Flecken. Das sei ein Wettbewerbsnachteil, so der Chef von 50 Mitarbeitern.
• Bei einer Straßenumfrage zeigten sich viele Einwohner in Gräfenhainichen mit der jetzigen Bundespolitik unzufrieden. Eine Frau bemängelte, dass es keine klaren Positionen gebe – weder bei der Einwanderungs- noch bei der Landwirtschaftspolitik. Mit Larifari aber könne sie nichts anfangen. 

Tag 2

Ein weißer Transporter steht neben einem alten, rotverklinkertem Bahnhof
Das alte Bahnhofsgebäude in Gräfenhainichen ist der Sitz der Veranstaltungsagentur von Ulf Künemund. Er engagiert sich in der Flüchtlingshilfe. Bildrechte: MDR/ Andrè Damm

• Am Morgen sprachen wir mit Thomas Lange, dem Chef des Karnevalvereins GCC. Der drittgrößte Verein in Gräfenhainichen hat sich von der Corona-Pademie nicht unterkriegen lassen – und die 110 Mitglieder bauen gerade die Kulturscheune zum neuen Vereinsdomizil aus. Von der Bundespolitik erwartet Lange mehr finanzielle Unterstützung gerade für kleine Vereine.
• Veranstaltungsmanager Ulf Künemund fordert dagegen eine ehrliche Asylpolitik. Er spricht sich für den Zuzug von Flüchtlingen aus. Gerade in Zeiten, da hierzulande überall Arbeitskräfte gesucht werden.
• Metallbauer Uwe Stockmann beklagt die Bürokratie, die immer schlimmer wird. Aufträge für die öffentliche Hand seien kaum noch interessant.
• Auch die proklamierte Energiewende ist in Gräfenhainichen ein Thema. Im Ortsteil Zschornewitz wehren sich viele Einwohnern gegen die neuen riesigen Windräder, die errichtet werden sollen.  

Tag 3 - Das Fazit

• Dass die Bundestagswahl bevorsteht, ist in Gräfenhainichen überall zu spüren. Manche Menschen winkten ab, wenn die Frage danach kam. Aber viele andere wollten reden. Und dabei taten sich eine Menge Probleme auf. Unternehmer etwa beklagten die Bürokratie, die immer schlimmer wird. Sie forderten, dass Handwerker auch steuerlich besser gefördert werden müssten – sonst bekäme man die Personalprobleme nicht mehr in den Griff.
• Auch der Klimawandel war ein Thema. Nicht nachvollziehen können viele Einwohner, dass die Bundespolitik vor allem auf die E-Mobilität setzt – hier in Gräfenhainichen findet man, dass es in ländlichen Gebieten weiterhin Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren geben sollte.

Hier können Sie das Fazit der drei Tage anhören.


• Erneuerbaren Energien, wie etwa Photovoltaik oder Windparks, stehen die Menschen hier aufgeschlossen gegenüber. Sorgen bereitet dagegen, dass sich dadurch der Strompreis verteuern kann und dass es ungerecht sei, dass die Fläche die Energiewende allein stemmen müsse – Großstädte blieben außen vor.
• Und die Einwohner in Gräfenhainichen wollen weitere Fragen geklärt wissen: Wann bekommen ländliche Regionen ein schnelles Datennetz? Warum gibt es so viele Funklöcher? Warum wird zu wenig in Bildung investiert: Und warum äußern sich alle Parteien so vage, wenn es um das Afghanistan-Fiasko oder um die künftige Asylpolitik geht.   
• Eine Frau brachte es auf den Punkt. Sie sagte MDR SACHSEN-ANHALT-Reporter Andrè Damm, man könne sich über alles streiten, doch sie wolle wissen, wohin die Reise geht; ob Öko-Landwirtschaft oder Massentierhaltung,  Zuzug von Flüchtlingen oder Einwanderungsstopp – ihre Bitte: ehrliche Ansagen, kein Larifari mehr.

Region Stendal: Unterwegs zwischen Seehausen und Osterburg

Vom 9. bis zum 11. September übernahm Bernd-Volker Brahms aus dem Regionalstudio Stendal die Reportertour. Er hatte die Altmark rund um Seehausen und Osterburg im Blick.

Tag 1

Ein Mann steht mit verschränkten Armen am Feldrand, im Hintergrund Windräder
Das Windkraftanlagengeschäft läuft gut in der östlichen Altmark. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Die Wahltour startete in Hohenberg-Krusemark, südöstlich von Osterburg im Landkreis Stendal. Windkraftanlagen-Planer Fabian Schwarzlose von der Stendaler Firma FEFA berichtet, dass von Krise in der Branche für ihn derzeit keine Rede sei. Die bürokratischen Hürden sind aus seiner Sicht akzeptabel, da man sich im Regen Austausch befindet. Schwarzlose hat unlängst in Osterburg drei Windkraftanlagen mit indirekter Bürger Erteilung über Sparbriefe realisiert. "Das funktioniert noch besser als gedacht", sagt er. Schwarzlose wünscht sich von der Bundespolitik, dass sie für eine größere Rechtssicherheit sorgen. Gerade in Sachen Erneuerbare Energien Gesetz (EEG) geben es immer wieder Novellierungen, die eine langfristige Planung erschweren würden.   

Drei Personen stehen auf einem kräftig mit Gras bewachsenen Kleingartengelände
Im Kleingartenverein "Zur Erholung": Die Vorstandsmitglieder Bernd Schmidt (Vorsitzender, re.), Evelin Naumoff (Kassenwart) und Anlagenbeauftragter Paul Heim. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Zweite Station der Wahltour war der Osterburger Kleingartenverein "Zur Erholung". Der Vorsitzende Bernd Schmidt berichtete über eine rege Nachfrage in der Corona-Krise. 15 zusätzliche Parzellen konnten belegt werden. Auch soziales Engagement sei da. So würden fünf Parzellen bearbeitet und die Ernte für die Tafel zur Verfügung gestellt. Auf politische Mithilfe setzten sie, wenn es darum gehe, dass das Vereinsheim saniert werden soll. Ohne Fördermittel sei dies kaum zu stemmen. Trotz einiger Neubeitritte ist jedoch der Leerstand ein schwelendes Problem. Allerdings wird dieses auch kreativ genutzt: Parzellen werden zu Biotopen oder auch Blütenwiesen – und damit Naturschutz im Kleinen. 

In einem Metallbaubetrieb steht ein Mann mit Anzug
Geschäftsführer Andreas Klatschow von Graepel Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Dritte Station war die Firma Graepel in Seehausen. Geschäftsführer Andreas Klatschow ist großer Verfechter der A14. Der Metallbauer mit seinen 280 Beschäftigten wartet sehnsüchtig auf die Fertigstellung der Autobahn, deren Ausbau gerade bei Seehausen durch Baumbesetzer und Klimaaktivisten in Frage gestellt wird. Hunderte Tonnen Stahl werden jährlich per Lastwagen zur Weiterverarbeitung hertransportiert und die fertigen Teile wieder abtransportiert. Klatschow wünscht sich auch verbesserte Bedingungen bei der Breitbandversorgung aber auch Strombelieferung. "Es gibt immer wieder Schwankungen im Netz, dass kann bei uns bis zum Produktionsstopp führen", sagt der Geschäftsführer. Hier müsse die Politik Druck machen.

Tag 2

Eine Frau hält ein Kuchenblech hin den Händen, auf dem ein Kuchen in Form von Straße und Tunnel ist
Auch der Autobahn-Kuchen von Annelise Kersten ist im Einklang mit der Natur. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Landwirtin Constanze Thomsen hat nur eine Milchkuh – sie heißt "Galerie". Ansonsten sind auf dem Hof in Düsedau noch rund 40 Muttertiere mit Fersen und Kälbern. Die Milchwirtschaft wurde auf dem Familienhof bereits vor vier Jahren eingestellt. "Es war nicht mehr rentabel", sagt Constanze Thomsen. Sie findet, dass alle Parteien positive Ansätze für die Landwirtschaft in ihren Programmen haben. Die besten sollten kombiniert werden.
  • Annelise Kersten (85) aus Lohne ist große Verfechterin des A14-Baus. Seit 20 Jahren setzt sie sich mit der Initiativgruppe BASTA für den Ausbau ein. Bei Baustelleneröffnungen und Fertigstellungen von Autobahnabschnitten bringe sie regelmäßig einen "Autobahnkuchen" mit. Auch jetzt hat sie in der Küche gebacken und will diesen bei der Baustelleneröffnung am Donnerstag bei Rochau überbringen. Dass der Bau der Autobahn so lange dauert, könne man nicht der Politik alleine anhaften, sagt sie. Von den Politikern wünscht sie sich, dass sie sich von der Maxime Gerechtigkeit leiten lassen. 

Ein Baumhaus mit Protest-Transparenten in einem Wald
Wollen eine Autobahn verhindern – aber nicht Gesicht zeigen: die Aktivisten im Losser Forst. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Klimaaktivist Zoltan Schäfer (21) ist strikt gegen den Bau der A14. Gerade im Hinblick auf den CO2-Ausstoß und Klimaziele sei das Infrastrukturprojekt das falsche Signal. Mit einigen anderen reaktiviert Schäfer in Seehausen den alten Bahnhof. Diesen möchte er zu einem alternativen Kulturzentrum machen, wo die Menschen miteinander in Kontakt kommen. Neben dem Klima geht es den Aktivisten auch um einen Kampf gegen rechte Strömungen in der Gesellschaft.
  • Seit Ende April sitzen im Losser Forst bei Seehausen einige junge Leute in Baumhäusern und demonstrieren gegen den Autobahnbau. Auf der Wahltour sprachen zwei der Aktivisten, die anonym bleiben wollen, mit MDR-Reporter Bernd-Volker Brahms. Sie sehen sich durch die politischen Parteien nicht vertreten. Sie wollen die Sache selbst in die Hand nehmen und für ihre Ideale kämpfen. Immerhin wollen sie zur Wahl gehen, wollen aber eine ungültige Stimme abgeben.

Tag 3

Ein Mann auf dem Dach eines Pavillons. Der steht am Rande einer Baustelle, die eröffnet wird.
Zwei Dauerbaustellen in einem Bild: Die A14-Nordverlängerung und der Protest dagegen. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Großer Tag für Rochau – zwischen Osterburg und Stendal. Am Morgen sollte der offizielle Spatenstich für zwei weitere Abschnitte der A14-Nordverlängerung stattfinden. Doch erst sorgte ein Demonstrant für Verzögerung, als er auf dem Dach der Festbühne Platz nahm und daraufhin von Feuerwehr und Polizei runtergeholt werden musste. Er gehört zu den Losser Baumbesetzern. Und dann kam auch noch der Bundesverkehrsminister zu spät zum Termin – und hat die unterdurchschnittliche Auto-Anbindung der Altmark unfreiwillig am eigenen Leib erfahren.

  • Bei der Baustelleneröffnung traf Reporter Bernd-Volker Brahms erneut Annelise Kersten (85) aus Lohne (Altmarkkreis Salzwedel) wieder, die es schaffte, ein Stück ihres A14-Kuchens an den Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) weiterzureichen. Zusammen mit Burkhard Krüger von der Bürgerinitiative BASTA setzt sie sich für den Weiterbau der A14 ein. Für Krüger ist es "unerträglich", dass am Rande der Veranstaltung ein Protestierer auf dem Dach der Veranstaltungstribüne verharren kann und seine Ablehnung der A14 und dem Einsatz für den Klimaschutz kundtun kann, ohne vom Dach geholt zu werden. "Autobahnen bedeuten Mobilität für alle", sagt Krüger. Er lasse sich vom Protest nicht abbringen, sieht jedoch Versäumnisse, dass die Autobahn erst jetzt gebaut wird.     

Eine Dame überreicht einen Kuchen an einen Mann, es handelt sich dabei um Verkehrsminister Andreas Scheuer.
Anneliese Kersten überreicht ihren Kuchen, mit dem sie ein Zeichen "Pro Autobahn" setzen will. Bildrechte: MDR/Bernd-Volker Brahms

  • Die medizinische Versorgung im Landkreis Stendal ist nicht erst seit der Schließung des Krankenhauses in Havelberg ein großes Thema. Der Geschäftsführer Dirk Herrmann vom Agaplesion-Diakoniekrankenhaus in Seehausen betont, dass sich an der Finanzierung durch Fallpauschalen dringend etwas ändern müsse. Sein Haus mit 114 Betten, 24 Ärzten und rund 70 Pflegekräften stehe nur dadurch gut da, da es in einem größeren Krankenhausverbund eingebettet ist. Dirk Hermann plädiert auch dafür, den einzelnen Häusern mehr Autonomie einzuräumen. 

Eine Frau sitzt an einer gedeckten Kaffeetaffel im Gründen
Susanne Figueiredo Bildrechte: privat

  • Susanne Figueiredo von "Elements" betreibt in Vielbaum im nördlichen Zipfel des Landes nachhaltigen Tourismus. Bei ihr kann man Kanu-Fahren und in Tippis übernachten. Auf der Wahltour trafen wir sie in Wanzer mit einer Gruppe Radfahrer an, die Bildungsurlaub in der Altmark machen. Die Region biete viele Möglichkeiten, um Natur und Geschichte zu verbinden, sagt sie. Bei ihrer Radtour ging es um Erlebnisse entlang der ehemaligen DDR-Grenze. Susanne Figueiredo wünscht sich mehr Anerkennung und Unterstützung durch die Verwaltungen. Im Tourismus basiere Vieles ausschließlich auf privaten Netzwerken. Beispielsweise wünsche sie sich bessere Beschilderungen und Leitsysteme für Touristen.     

Region Magdeburg: Oebisfelde an der ehemaligen Grenze

Blick auf ein großes Haus aus grauen Feldsteinen. Es ist zur Hälfte von Efeu bewachsen und hat am hinteren Ende einen großen, viereckigen Turm.
Die Burg Oebisfelde – Wahrzeichen und eine der ältesten noch erhaltenen Sumpfburgen in Europa. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

Ab dem 15. September war Fabian Frenzel aus dem Regionalstudio Magdeburg in der Börde am ehemaligen Grenzstreifen in Oebisfelde unterwegs. Heute liegt der Ort in der Nähe der Landesgrenze zu Niedersachsen. Grenzgeschichten begleiten Oebisfelde also noch immer. Welche Bedeutung die Grenzen für die Menschen hier im ländlichen Raum haben und wie sie zur Politik nach Berlin blicken, fragte Fabian Frenzel nach.

Tag 1

Ein Mann mit altmodischer Kleidung mit schwarzem Hut. Er hält links eine hölzerne Laterne. Rechts hält er einen Speer aus Holz.
Ulrich Pettke im Nachtwächtergewand. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Zu Beginn seiner Tour durch und um Oebisfelde im Nordwesten von Sachsen-Anhalt, musste Fabian Frenzel erst einmal um Einlass in die Stadt bitten. Nachtwächter Ulrich Pettke öffnete ihm im Morgengrauen das Stadttor und gewährte Einlass. Pettke ist neben seiner symbolischen Nachwächtertätigkeit für Touristen auch der Vorsitzende des Heimatvereins in Oebisfelde. Und als solcher wünscht er sich, dass die Bundesregierung den Kommunen mehr Gelder zur Verfügung stellt. Die sollten dann auch explizit für kulturelle Zwecke zur Verfügung gestellt werden, um Vereinen eine Zukunft zu geben.

Porträtfoto einer älteren Frau mit blonden, kurzen Haaren. Sie trägt ein blaues T-Shirt.
Angelika Odenbach aus Oebisfelde. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Danach traf sich Fabian Frenzel mit der Seniorenbeauftragten Angelika Odenbach. Sie bemängelte den Pflegenotstand. "Die Bundesregierung muss hier ein Auge darauf haben, sie muss jetzt handeln", so Angelika Odenbach. Die Lage in einen Pflegeeinrichtungen sei katastrophal.

  • Musikalisch wurde es in Oebisfelde am Mittag. Der Kammerchor "All'Cantara" sang der Katharinen-Kirche ein Ständchen. Chorleiter Oliver Wolf macht sich Sorgen um den musikalischen Nachwuchs. Nicht nur für seinen Chor, sondern auch generell. "Im Musikunterricht wird eher vorgelebt, dass Singen peinlich ist. Und wenn einem etwas peinlich ist, dann geht man nicht zum Chor und singt dort mit", findet der Chorleiter. Die neue Bundesregierung solle im Musikunterricht weniger Korsette anlegen, fähige Musiklehrer ausbilden und diesen Freiheiten geben. Das würde mehr Begeisterung für die Musik schaffen.

Blick von oben in eine Kirche. Zwischen den Holzbänken und vor dem Altar stehen, mit Abstand voneinander, Menschen und singen.
Chorprobe mit Abstand in der Katharinen-Kirche. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Zum Abschluss des Tages schaute Fabian Frenzel noch bei den Handballern des SV Oebisfelde vorbei. Diese stehen kurz davor, ihren ersten Pflichtspiele nach einem Jahr Pause zu absolvieren. Der Vorsitzende Andreas Werner sprach sich für die 2G-Regelung aus: "Gut, dass wir diese Option jetzt haben. Wir wollen das bald bei unseren Spielen umsetzen, denn dann können wir alle weiteren Corona-Beschränkungen weglassen und hätten wieder ein normales Handballspiel."

Tag 2

Porträtfoto eines jungen Mannes mit dunkelblonden Haaren und Vollbart. Er lehnt am Außenspiegel eines Autos.
Ramon Wolter sorgt sich um die Zukunft des Handwerks. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Der Tag begann für Fabian Frenzel in luftiger Höhe. Im Dachgeschoss eines Wohnhauses konnte er bis nach Wolfsburg schauen. Das Dachgeschoss baut Ramon Wolter gerade zu einer Wohnung aus. Er besitzt zusammen mit zwei Freunden insgesamt fünf Häuser mit 25 Wohnungen in Oebisfelde. Die drei machen fast alle Sanierungs- und Bauarbeiten selber. Wolter sorgt sich um die Zukunft des Handwerks. Im weniger Menschen würden noch handwerkliche Berufe erlernen. Er sagt, die Bundesregierung müsse Anreize schaffen, damit wieder mehr junge Leute eine Ausbildung in Handwerksberufen anstreben.

Ein zweistöckiges, grau-verputztes Hause mit rotem Spitzdach und weißen Fenstern. Davor steht ein weißer Transporter mit einer Sateliten-Schüssel auf dem Dach.
Auf dem Gutshof Büstedt arbeitet und lebt Landwirt Tilmann Schwartzkopff. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Im Gutshof Büstedt berichtete Tilmann Schwartzkopff von den Problemen, die er als Landwirt hat. Er findet, dass die Düngemittelverordnung von der Politik mit "heißer Nadel zusammengestrickt wurde". Die Verordnung schränke die Düngung sogar so sehr ein, dass er kein vernünftiges Getreide mehr produzieren könne. Teilweise würden langjährige Traditionsbetriebe deswegen aufgeben und Landwirte zu ihren Kindern sagen: "Lasst es sein. Es lohnt sich nicht." Die Ernährungssicherheit bekäme man so aber nicht gewährleistet. Dann müsse sich Deutschland auf dem Weltmarkt bedienen.

Porträtfoto einer Frau mit blonden, nach hinten gebundenen Haaren. Sie trägt ein buntes Shirt.
Bogumila Jacksch ist ehrenamtliche Bürgermeisterin von Oebisfelde. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Zum Abschluss des Tages traf Fabian Frenzel noch die ehrenamtliche Bürgermeisterin von Oebisfelde an ihrem Lieblingsort. Im Innenhof der Burg Oebisfelde berichtete Bogumila Jaksch zunächst von ihrer Herkunft. Aufgewachsen in Polen, kam sie als 18-Jährige nach Westdeutschland, um nach der Wende nach Oebisfelde zu ziehen. Bürgermeisterin wurde sie, weil sie etwas anpacken und bewegen wollte. An sie wurde schon oft die Kritik herangetragen, dass vor allem in die Spielplätze zu wenig investiert werden würde. Das könne sie verstehen, aber für die komplette Verbandsgemeinde Weferlingen-Oebisfelde stünden lediglich 3.000 Euro für alle Spielplätze zur Verfügung. Sie wünscht sich deswegen, dass es auch für die Kommunen Hilfe von der Bundesregierung aus Berlin gebe. Es gebe einfach zu wenig Geld für kulturelle oder soziale Investitionen.

Tag 3

Steffen Wetterling
Steffen Wetterling war der letzte Bürgermeister von Oebisfelde vor der Wende. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Am Freitag hat sich Fabian Frenzel an der ehemaligen Grenze zwischen BRD und DDR mit Steffen Wetterling getroffen. Wetterling war der letzte Bürgermeister von Oebisfelde vor der Wende. Er hatte sich sehr dafür eingesetzt, dass im November 1989 auch in Oebisfelde schnell die Grenze geöffnet wurde. Heute ist Wetterling einfacher Bürger und schon lange nicht mehr in der Politik tätig. Er wünscht sich von der neuen Bundesregierung, dass die Wohnungsfrage geklärt wird. Würden die Wohnungen weiter immer teurer, müsse das Wohngeld steigen, was eine Subventionierung der Wohnungseigentümer wäre. Hier müsse die Regierung reagieren.

Andrea Hildebrandt
Andrea Hildebrandt leitet das Hotel Hildebrandt in Breitenrode. Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Am Nachmittag fuhr Fabian Frenzel dann weiter in den Ortsteil Breitenrode. Dort besuchte er das Hotel Hildebrandt. Das Hotel samt Gasthaus ist ein Familienbetrieb und besteht schon seit über 100 Jahren. Chefin Andrea Hildebrandt wünscht sich, bei den Gästen nicht mehr zwischen geimpft, genesen oder ungeimpft unterscheiden zu müssen. Sie wolle ihre Gäste irgendwann wieder normal willkommen heißen. Einen weiteren Lockdown könne sich das Familienunternehmen nicht mehr leisten.

Annalena, Emily und Lucas vom Jugendclub Breitenrode
Annalena, Emily und Lucas vom Jugendclub Breitenrode Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

  • Zum Abschluss seiner Tour besuchte Fabian Frenzel noch den Jugendclub in Breitenrode. Dort renovieren die Jugendlichen eigenhändig die Räumlichkeiten des Clubs. Dabei werden sie von lokalen Unternehmen unterstützt. Von der Politik wünschen sie sich mehr Unterstützung. Gerade in den kleineren Dörfern komme wenig davon an, so die Jugendlichen.

Hier können Sie das Fazit der drei Tage von Oebisfelde anhören.

Schild der ehemaligen DDR-Grenze am Straßenrand 1 min
Bildrechte: MDR/Fabian Frenzel

MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir Fr 17.09.2021 17:00Uhr 01:25 min

https://www.mdr.de/nachrichten/sachsen-anhalt/magdeburg/boerde/audio-wahltour-oebisfelde-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Region Halle: Weißenfels, Querfurt und Mücheln

Stefan Bringezu aus dem Regionalstudio Halle tourt seit dem 22. September durch das Mansfelder Land und den Burgenlandkreis. Seine Stationen sind Weißenfels, Querfurt und Mücheln am Geiseltalsee: eine Region zwischen Tradition und Neuanfang. Auf der einen Seite ist die Region seit Jahrzehnten vom stillgelegten Bergbau geprägt, auf der anderen Seite sieht der aktiver Braunkohleabbau seinem Ende entgegen. Stefan Bringezu wird herausbekommen, ob und wie die Bundespolitik in Sichtweite von Abraumhalden und Baggern, in wunderschönen, mittelalterlichen Orten und am größten künstlichen See Deutschlands überhaupt ein Thema ist. 

Burg Querfurt
Die mittelalterliche Burg ist das Wahrzeichen von Querfurt. Bildrechte: imago/Steffen Schellhorn

Tag 1

Ein junger Mann in grauer Strickjacke und brauner Hose steht vor einem Feld mit Spalieräpfeln.
Obstbauer Alexander Müller aus Querfurt wünscht sich eine bessere Düngemittelverordnung. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu

  • Die erste Station ist in Querfurt im Saalekreis. Obstbauer Alexander Müller ist Frühaufsteher. Kein Wunder die Apfelernte ist in vollem Gange und er und seine Erntehelfer haben jede Menge zu tun. Während er die Äpfel von den Bäumen pflückt erzählt er, was er von der neuen Bundesregierung erwartet. Für den Obstbauern steht die Frage nach der Verfügbarkeit von Pflanzenschutzmitteln im Focus. Viel zu wenige Pflanzenschutzmittel würden zugelassen. Doch sie würden  beim Obstanbau gebraucht. Wenn der Apfel-oder Kirschbaum  krank ist muss er auch behandelt werden. Mit Medikamenten wie beim Menschen meint Alexander Müller.

  • Zweite Station ist die Landfleischerei Eberhardt in Weißenschirmbach einem Ortsteil von Querfurt. Markus Eberhardt führt dort seit zwanzig Jahren das Familiengeschäft. Am Wochenende ist große 20jährige Geburtstagssause. Wir probieren von der leckeren Rotwurst, dem Bierschinken  und der neukreierten Preiselbeerleberwurst. Dabei erzählt Eberhardt von den Problemen in seinem mittelständischen Unternehmen. Es mangelt an Nachwuchs. Immer weniger junge Leute wollen das Fleischerhandwerk erlernen.  Im letzten Jahr hatte er gerade mal eine Lehrling, der aber nach wenigen Tagen die Lehre abgebrochen hat.  In diesem Jahr hat sich noch niemand beworben. Er fordert von der neuen Bundregierung, dass das Handwerk wieder mehr unterstützt wird.

  • Letzte Station ist das Freibad in Querfurt. Obwohl das Wetter super ist und die Sonne scheint, hat das Bad schon geschlossen. Doch Bademeister Olaf Tobisch macht eine Ausnahme und lässt uns trotzdem rein. Ins Wasser springen wir nicht, es ist dann doch zu kalt. Am Beckenrand kommen wie ins Gespräch. Immer weniger Kinder könnten Schwimmen, durch die Corona-Pandemie sei der Schwimmunterricht ausgefallen. Auch Rettungsschwimmer, gerade im ländlichen Raum, würden leider immer weniger. Olaf Tobsich wünschst sich von der neuen Bundesregierung vor allem eins: dass die Freibäder und die Kommunen größere finanzielle Unterstützung  bekommen. Denn ansonsten müssten Bäder schließen. Und das hieße im Umkehrschluss -  immer weniger Kinder würden schwimmen lernen.

Tag 2

  • Heute starten wir in der gröten Stadt des Burgenlandkreises los: In Weißenfels. Als erstes sind wir mit den Kameraden der freiwilligen Feuerwehr verabredet. Die Jungs sind Frühaufsteher. Sie zeigen mir wie man einen 20 Meter langen Löschschlau perfekt auswickelt.  Danach sprechen wir über ihre Arbeit. Sie ist anstrengend und gefährlich. Aller zwei Tage müssen die Jungs zum Einsatz ausrücken – bis auf einige Ausnahmen machen das alle Kameraden ehrenamtlich  Der stellvertretende Wehrleiter Christian Cordis wünschte sich deshalb  von der Politik und der neuen Bundesregierung, dass das Ehrenamt besser und stärker gewürdigt wird. Und sie haben auch gleich Vorschläge parat: Zum Beispiel könnten Kollegen die jahrelang bei der freiwilligen Feuerwehr im Einsatz waren,  abschlagsfrei in Rente gehen oder weniger Pflegebeiträge zahlen.

  • Zweite Station ist das Stadteilbüro in der Weißenfelser Neustadt.  Das Viertel gilt als sozialer Brennpunkt. Mehr als 40 Prozent der Menschen die dort leben haben einen Migrationshintergrund. Soziale Spannungen und Konflikte sind da vorprogrammiert. Katja Henze versucht mit dem Stadteilbüro, das vor 3 Jahren an den Start gegangen ist, den Menschen in der Neustadt eine Anlaufstelle zu geben -  für ihre Sorgen und Nöte. Von der neuen Bundesregierung erwartete sie, das die Menschen mit Migrationshintergrund  besser und schneller in den Arbeitsmarkt integriert werden.

Eine kleine dunkelhaarige Frau und ein großer Mann mit kurzen Haaren und Brille stehen hinter einem Kneipentresen.
Restaurant-Chef Ralf Müller wünscht sich mehr Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu

  • Letzte Station ist das Restaurant und Tagungshotel „Schumans Garten“ mitten in der Innenstadt von Weißenfels. Das besondere hier, die Köche, Kellner und das Servicepersonal sind Menschen mit Behinderung. Der Chef Ralf Müller gibt ihnen die Möglichkeit sich auszuprobieren. Er versucht sie in die moderne Arbeitswelt zu integrieren und das klappt. Über 30 Mitarbeiter mit Handicap kochen, kellnern und machen die Zimmer sauber. Schuhmans Garten in Weißenfels ist ein Vorreiterprojekt. Und Ralf Müller wünscht sich mehr davon und  von der neuen Bundesregierung, dass sie Menschen mit Behinderung noch mehr unterstützt.

Tag 3

  • Der letzte Tag unserer Vorwahltour startet im Saalekreis in Mücheln. Als erstes sind wir mit Manuela Kuhl verabredet. Sie ist die Schulleiterin des freien Gymnasium Geiseltal. Vor 12 Jahren wurde die private Schule gegründet. Über 200 Schüler aus dem ganzen Saalekreis lernen dort. Und natürlich hat die Corona-Pandemie auch den Schulbetrieb kräftig durcheinandergewürfelt. Doch trotzt aller Widrigkeiten läuft es erstaunlich gut. Was die Schulleiterin  einer freien Schule aber umtreibt sind natürlich die Finanzen. Die dortigen Schülerkosten liegen in Sachsen-Anhalt weit unter dem was staatliche Schulen bekommen. Es sind gerade mal 60 Prozent. Und davon muss das Personal  bezahlt und das Schulgebäude unterhalten werden – Die Schulleiterin wünscht von der neuen Bundesregierung deshalb eine deutlich bessere finanzielle Unterstützung.

Ein dunkelhaariger Mann mit Bart und Brille steht vor einem Hafen mit mehreren weißen Segelbooten.
Tourismuschef Andreas Förtsch wünscht sich weniger Bürokratie. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu

  • Zweite Station ist der Hafen und die malerische Marina in Mücheln. 2003 wurde der ehemalige Braunkohletagebau geflutet. Seit 2012 ist er für den Tourismus freigegeben. Andreas Förtsch, der Tourismus-Chef kann sich noch genau daran erinnern. Denn an diesem Tag hat er geheiratet.  Der Tourismus am Geiseltalsee ist durch die Corona-Pandemie natürlich auch zum Erliegen gekommen. Aber jetzt starten sie an der Marina wieder durch.  Die Boote tuckern über den See, die Ausflugsgastätten sind voll. Doch damit das so bleibt, wünscht sich Andreas Förtsch mehr Unterstützung. Von der neuen Bundesregierung erwartet er, dass die Bürokratie weniger wird, denn die ist für den Tourismus sehr hinderlich. 

Ein älterer Mann in Arbeitskleidung steht an einem Teich. In der Hand hält er einen Kescher. Darin liegt ein Fisch.
Dirk Schmidt ist als Fischer in Mücheln eigentlich zufrieden. Bildrechte: MDR/Stefan Bringezu

  • Letzte Station ist die Forellenzuchtanlage am Rande von Mücheln. Seit 35 Jahren züchtet und verkauft Dirk Schmidt die Fische. In drei großen Teichen wachsen sie heran und das Rausfangen der großen Fische ist gar nicht so einfach wie ein Selbstversuch zeigt. Am Wahlsonntag geht es aber nicht um Fisch sondern um Politik. Denn die Räumlichkeiten der Forellenzuchtanlage werden zum Wahllokal, da der Kindergarten coroanbedingt nicht zur Verfügung steht. Während Dirk Schmidt zufrieden mit der Politik der Bundesregierung ist und meint, das meckern nicht hilft, sieht sein Frau das anders. Yvonne Schmidt erzählt, dass sie kaum Personal findet. Hier müsste die neue Bundesregierung viel mehr Anreize schaffen, dass sich echte Arbeit wieder lohnt.

 

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 01. September 2021 | 06:10 Uhr