Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN - Das Radio das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Ulrike Greim von der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands.

Donnerstag, 24. Mai 2018: Wölfe bei den Lämmern

Ein Militärkonvoi auf der Autobahn. Schweres Gerät der US-Army. Viele Fahrzeuge hintereinander, eskortiert. In den Nachrichten höre ich die Begründung: Die NATO verlegt Truppenteile nach Polen und ins Baltikum. Etliche Tausend  Fahrzeuge und noch mehr Tausend Soldaten Richtung Estland und Litauen, dann noch einmal eine stattliche Anzahl nach Polen.

Zum Teil kommen sie aus Kansas über den See- und Landweg durch ganz Europa. Es nennt sich „Übung von Verlegung größerer Truppenverbände“. Übung natürlich, kein Ernstfall. Die Bataillone müssen öfter ausgetauscht werden, da die NATO laut 2+4-Vertrag keine dauerhafte Truppenpräsenz in den Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes haben darf. Machtspiele. Finanziert übrigens auch von unserem Steuergeld und mit deutscher Beteiligung. Präsenz signalisieren Richtung Russland. "Ist doch ok," sagt die Frau an der Tankstelle. "Putin die Muskeln zeigen." Ob Putin das beeindruckt?

Einmal wird eine Zeit kommen, in der niemand seine mehr Muskeln zeigen muss. So sagt es der Prophet Jesaja. Da können sogar Wölfe auf der gleichen Wiese wie die junger Lämmer weiden, und sie werden nicht beißen, nicht töten. Einmal wird Frieden sein. Dann sitzen Soldaten mit den verschiedensten Uniformen fröhlich beim Bier in vielen Bars dieser Welt. Dann brauchen wir keine Truppenteile an Außengrenzen. Dann können wir investieren in Sprachreisen quer über die Kontinente – von Kansas bis Moskau, können in Estland den Mittsommer bewundern und gut essen in Warschau.

Ich glaube an den Gott des Friedens. Und – klar: Er braucht uns. Und unsere Phantasie.

Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche

Mittwoch, 23. Mai 2018: Schubladen helfen nicht

Am 23. Mai 1618, also genau heute vor 400 Jahren, fliegen drei kaisertreue Katholiken aus dem Fenster einer Burg in Böhmen. Hinausgeworfen von aufgebrachten Protestanten. Der "Prager Fenstersturz". Er ist der Auslöser für eine europäische Kettenreaktion: für den Dreißigjährigen Krieg. 30 Jahre Protestanten gegen Katholiken. Krieg im Namen Gottes.

Aber es kämpfen auch Deutsche gegen Schweden und Franzosen, Protestanten gegen Protestanten, Katholiken gegen Katholiken. Es geht also mehr noch um Macht und Einfluss. Etiketten helfen nur, Truppenteile zu mobilisieren. Mindestens fünf Millionen Menschen werden sterben. Durch Waffen, durch Hunger und Seuchen. Warum waren so viele Menschen bereit, in Schubladen zu denken?

Es brauchte 30 Jahre, bis die Europäer so kriegsmüde waren, so ausgezehrt, so desillusioniert, bis ihnen die Schubladen weniger wichtig erschienen, später dann egal wurden. Es erschien erst einfach in "Freund" und "Feind" zu unterscheiden. Um am Ende zu merken, dass es alles Menschen sind, hungrig nach Ruhe und Frieden.

Schubladen helfen nicht. Auch heute nicht. Sie führen in den Krieg. Welche Etiketten immer darauf kleben mögen. Schiiten und Sunniten, Russen, Amerikaner, Christen und Moslems, rechts, links. Wir sind alles Menschen, hungrig nach Ruhe und Frieden.

Ulrike Greim, Weimar, egal welche Kirche.

Dienstag, 22. Mai 2018: Artenvielfalt - siehe: sehr gut

Und siehe: Es war sehr gut. So sagte es Gott, immer nachdem er etwas geschaffen hatte - den Tag und die Nacht, das Wasser und das Land, die Pflanzen, die Tiere, den Menschen. Bei letzterem stutze ich. Wäre es nicht besser für die Welt, es gäbe den Menschen nicht?

Heute ist der internationale Tag der Artenvielfalt. Die UNO hat ihn eingeführt. Wir dürfen staunen darüber, wie viele Pflanzen- und Tier und Menschenarten es gibt. Wissenschaftler sind sich nicht einig: Gibt es zwei Millionen beschriebener Arten? Oder sogar fünf? Einige sprechen sogar von 15. 15 Millionen Arten!
Ein Viertel der Arten haben wir bereits in den letzten 30 Jahren verloren, warnen die Wissenschaftler. Durch unseren Lebensstil. Durch Abgase zum Beispiel, durch Plastik im Meer. Und siehe: Das ist ganz schlecht. Ein Drama! Was ist also zu tun?

Nun, als Gott sagte, dass es gut ist - auch mit uns, da meinte er den Menschen, der mit allem verbunden ist, was lebt. Der Mensch als wunderbarer Teil des Kosmos. Nicht als Herr der Schöpfung, sondern als Teil, als getreuer Verwalter. Sind wir verbunden? Was wissen wir überhaupt vom Kosmos? Kleine Jungs kennen alle Automarken, aber können nicht an den Blättern die fünf häufigsten Baumarten erkennen. Kleine Mädchen wissen genau, welches Model bei Heidi Klum im Rennen ist, aber wissen nicht, aus welchen Kräutern man Salat machen kann. Siehe, das ist nicht gut.

Die Natur will entdeckt werden. Respektiert. Und behütet. Wie wir ja auch. Siehe - das ist gut.

Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche

Montag, 21. Mai 2018: Und wenn er kommt

Was für ein schweigsamer Club. Sie sitzen zusammen und jeder guckt auf seinen Platz, zwei blättern vorsichtig im Gesangbuch, eine schaut in die Luft. Es sind die Minuten, bis der Chef das Wort ergreift. Reichlich förmlich. Es ist immer so. Er wird ganz richtige Dinge sagen, die anderen werden bemüht sein, es zu verstehen. Am Ende wird man mutlos ein Lied singen, einstimmig, sich höflich verabschieden und gehen.

Das nennt sich Gemeindenachmittag. Jeden ersten Montag im Monat. Immer die gleichen Gesichter. Aber aufhören will man auch nicht. Weil: Vielleicht ist da ja doch mehr. Jedes Mal betet der Pfarrer ganz arglos, Gottes guter Geist möge kommen. Und eines Tages ist tatsächlich irgendetwas anders. Es liegt so ein Flirren in der Luft. Wie kurz vor einem Gewitter. So eine Stimmung eben. Und die kleine Runde sitzt hellwach auf ihren Stühlen und guckt sich schüchtern um.

Das erste Mal schaut der schüchterne Herr der Dame, die immer neben ihm sitzt, in die Augen. Sie sind wunderbar grün. Und die Dame findet, man solle doch diesmal gleich zu Anfang singen. "Geh aus mein Herz und suche Freud". Dann singen sie und plötzlich redet eine los. Darüber, dass sie Gott am besten draußen findet, in ihrem Garten. Dann redet die andere mit und dann die dritte, dann sogar der schweigsame Mann, der vermutlich noch nie vorher etwas gesagt hat. Der Herr Pfarrer staunt. Und ist begeistert.

Und sie singen gleich noch eins - das Lieblingslied der Ältesten in der Runde. Ihr klopft das Herz dabei. Es fühlt sich nach Glück an. Pfingsten ist das Fest vom Geist Gottes. Der macht, dass sich alles ändern kann.

Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.

Sonntag, 20. Mai 2018: Pfingsten - eine offene Welt ist möglich

Es gibt da so eine merkwürdige Geschichte. Sie spielt bei den ersten Christen. Wenige Tage nachdem man gesehen hatte, wie Jesus in den Himmel aufgenommen wurde. Da sitzen seine Leute verängstigt zusammen, haben die Türen verriegelt und verrammelt, weil niemand merken soll, dass sie zu Jesus gehören.

Da kommt ein Wind. Ein Brausen. Und es erscheinen ihnen Feuerzungen, die tanzen über ihren Köpfen. Und sie werden bewegt und gehen raus auf die Straßen und Plätze und reden mit allen, die sie treffen, dass die sich nur so wundern. Sind die betrunken? Nein, sie sind begeistert. Das macht der heilige Geist. So lesen wir es in der Bibel.

Das Wort für Geist kann man auch mit Kraft übersetzen. Mit Inspiration. In jedem Gottesdienst bekennen wir: Ich glaube an diese Kraft. Ich glaube, dass uns Gott so inspiriert, dass ich meine Vorsicht aufgeben kann. Dann hat mich auch die Angst nicht mehr im Griff. Dann kann ich meine Tür öffnen, dann kann ich Kontakt aufnehmen mit allen, die um mich herum sind. Ich kann sehen, wie es denen geht, ich kann begeistert erzählen von dem, was mich umtreibt.

Gott schafft Kontakt. Er öffnet verrammelte Türen - leidenschaftlich gern. Er macht, dass Menschen aufeinander zugehen. Das ist Pfingsten. Das Fest der wunderbaren Inspiration. Der Fülle, der Kraft. Die Natur macht es vor. Unsere Seele darf daran wachsen. Das ist möglich. Eine offene Welt ist möglich.

Fröhliche Pfingsten wünscht Ulrike Greim, Weimar, Evangelische Kirche.

Kurz-Biografie Ulrike Greim - geboren 1971, aufgewachsen in Winterstein und Eisenach
- kirchliche Oberschule in Naumburg
- Ausbildung zur Katechetin in Eisenach,
- Katechetin in Saalfeld
- journalistische Ausbildung an der Evangelischen Medienakademie Frankfurt
- Volontariat bei der "Thüringer Allgemeinen"
- ab 1996 Reporterin bei MDR 1 Radio Thüringen
- und Autorin für MDR Figaro
- seit 2002 Korrespondentin für Deutschlandradio Kultur und Deutschlandfunk
- seit 2011 Rundfunkbeauftragte der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland

- eine Tochter
- lebt gern in Weimar
- singt eine ganze Menge von Gregorianik bis Nina Hagen
- mag Sushi oder selbstgemachte Hühnersuppe
- erzählt gerne Gute-Nacht-Geschichten

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Augenblick mal | 29. April 2018 | 06:20 Uhr