Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN - Das Radio "Augenblick mal", das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Christof Lenzen von der Freien evangelischen Gemeinde in Gera.

Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Mittwoch, 19. September: Berührung

Luisa kann nicht sprechen. Obwohl sie schon einige Jahre alt ist. Luisa schweigt. Ab und an gibt sie einen Laut von sich, ihre Betreuer wissen diese Äußerungen zu deuten, aber sie schweigt. Organisch ist alles ok. Die Stimmbänder, die sonstige Entwicklung - alles in Ordnung. Luisa ist verstummt. Sie hat in ihren ersten Lebensjahren Gewalt erlebt. Verwahrlosung. Panische Angst. Trauma. Eine Folge dieses Traumas war erst ihre Erstarrung, dann ihr Verstummen. Die Entwicklung ihrer Sprache blieb einfach stehen.

Nun ist sie in traumatherapeutischer Behandlung. Die Begleiter spielen mit ihr. Versuchen die Geschichte mit Püppchen aufzuarbeiten. Sie darf malen, sich ausdrücken, Schutzraum finden, aber: sie schweigt. Plötzlich die Idee beim Leiter der Einrichtung: Luisa darf ins Bällebad. Darf von allen Seiten die vielen kleinen weichen Bälle spüren und herumtollen. Dabei wird sie von den Therapeuten auch noch in den Bällen sanft hin und herbewegt und sie darf die Augen schließen. Viele Stunden jeden Tag. Berührung am ganzen Körper. Nach zwei Wochen spricht Luisa die ersten Worte…

Unser Körper ist wichtig. Die Bibel nennt ihn einen Tempel des Heiligen Geistes. Während die griechische Tradition den Körper eher gering schätzt, ist im biblischen Denken der Körper auf Augenhöhe mit Seele und Verstand. Alles gehört zusammen und beeinflusst sich gegenseitig. Dabei geht es nicht um Körperkult - sondern um eine Annahme des Körpers, eine Wertschätzung und um Berührung. Das tut auch der Seele gut. So hat das Gott gemacht. Ihr Christof Lenzen aus Gera.

Dienstag, 18. September: Unterirdische Feuer

Es war eine "Hammer-Nachricht" am 3. Juli diesen Jahres, die mir meinen Mund beim Frühstück einige Zeit offen stehen ließ: Waldbrand in Altenburger Land. Was in diesem trockenen und heißen Sommer daran Hammer sein soll? Nun: Ausgelöst wurden die Brände wohl durch Feuer, die bereits seit 1945 in einem Kohleflöz unterirdisch schwelten.

Damals gab es noch Köhler, die dort im Forst in Kohlenmeilern Holzkohle herstellten. Die Kohlenmeiler wurden 1945 stillgelegt. Also vor über 70 Jahren. Seitdem hatten sich Glutnester unter den Meilern konstant gehalten und waren wegen der extremen Trockenheit in den Sommerwochen an die Oberfläche gelangt und hatten dort zu Feuern geführt. 70 Jahre. Unterirdisch. Keine ahnte etwas und plötzlich waren sie da. Die Feuerwehr konnte die Brände schnell unter Kontrolle bringen - aber was für eine Geschichte!

Ähnlich funktionieren wir Menschen auch. Wir legen so manche Geschichte unseres Lebens zu den Akten. Durch Trennung, Umzug, nicht mehr dran denken, verdrängen. Aber gut getarnt unter der Oberfläche, schwelt das Feuer der Verletzung weiter. Zeit heilt keine Wunden. Dass sie das angeblich tun soll - ist eines der falschesten Sprichwörter der deutschen Sprache. Zeit lässt Wunden eitern, vernarben und macht bitter. Irgendwann bricht die Wunde auf. Ein Auslöser und alles kommt wieder hoch. Und wer löscht dann? Hoffentlich haben wir gute Freunde zum reden und: Es lohnt sich, mit Gott darüber ins Gespräch zu kommen. Er kennt unsere geheimen Glutnester schon längst und kann uns helfen, sie zur Ruhe zu bringen. Ihr Christof Lenzen aus Gera.

Montag, 17. September: Fallende Klodeckel

Mich fasziniert gerade, wie schnell der Mensch uralte Kulturtechniken verlernt und sich selbst damit schön regelmäßig blamiert. Ich zum Beispiel. Und die Klodeckel.

Wir sind gerade umgezogen und haben auf beiden Toiletten selbst absenkende Klodeckel. Die haben Dämpfer eingebaut und man muss sie nur anstupsen und dann senken sie sich sanft herunter. Praktische Sache, gerade wenn man Kinder hat. Seit wir aber nun zuhause diese selbstabsenkenden Klodeckel haben, passiert es mir auf fremden Toiletten in schöner Regelmäßigkeit, dass ich die vorgefundenen Kunststoffovale wie gewohnt lässig fallenlasse, diese aber aufgrund fehlender Dämpfertechnik mit der Eleganz einer Planierraupe auf den Rand der Toilette donnern. Entgeisterte Blicke des Gastgebers oder der Gastgeberin bei Verlassen der Lokalität unter entschuldigendem Schulterzucken sind dann meist die kostenlose Dreingabe.

Merke: Komfort entmündigt den Menschen und lässt ihn verlernen, was für Generationen Gewohnheit war. Früher ist mir das nie passiert - nun hat sich mein Gehirn dran gewöhnt, den Deckel einfach fallen zu lassen und zack - scheitere ich an älteren Exemplaren ohne Dämpfung und nerve Gastgeber.

Kurz: Wir lernen Neues, aber verlernen mit dem Komfort eben auch Gewohntes. Und manchmal Gutes. Und vielleicht hängt es auch damit zusammen, dass wir Komfort und Absicherung jeder Art so gewohnt sind, dass wir verlernt haben, danke zu sagen. Danke an den, der letztlich alles schenkt und ohne den nichts existiert. Gott. Ihr Christof Lenzen aus Gera.

Sonntag, 16. September: Moneten vor Moral

Immer mehr Deutsche machen Urlaub in der Türkei - dieses Jahr ein neuer Rekord. Gleichzeitig regen sich immer mehr Deutsche über die Türkei auf: Erdogan, Unterdrückung der Presse, permanente Unfreundlichkeiten gegenüber Deutschland. Und dennoch noch mehr Touristen in 2018? Wie passt das zusammen? Die FAZ hat das in einem Artikel knapp auf den Punkt gebracht: Die Türkei ist billiger denn je. Flapsig gesagt: Bei den Deutschen, einem der reichsten Länder der Welt, gehen Moneten vor Moral.

Nun soll jeder aus Überzeugung in die Türkei fahren dürfen, wenn er dieses Land und seine gastfreundlichen Menschen liebt. Darum geht es hier nicht. Aber es erstaunt mich doch: Es gibt immer mehr Touristen bei immer mehr Protest gegen die Türkei und gegen Menschen mit türkischem Migrationshintergrund. Moneten vor Moral. Das gibt es auch in anderen Bereichen. Nehmen wir Lebensmittel. Geiz ist geil. Hauptsache billig. Kaum irgendwo in Europa sind Lebensmittel so billig gemacht – leiden dann die Bauern, weil sie keine Rücklagen bilden können, wird nach dem Staat gerufen. Eine seltsame Diskrepanz, die sich dann bildet, wenn man Geld zum Gott macht. Die Bibel sagt es deutlich: Geld ist ein guter Diener, aber ein schlechter Herr, der nur versklavt. Gott dienen und dem Geld dienen? Geht nicht. Die Folgen des gesellschaftlich erwünschten Gelddienstes sehen wir täglich. Im Tourismus, bei den Lebensmitteln, den Waffenlieferungen und dem panischen Absichern des eigenen Wohlstands gegen Eindringlinge. Zeit, dass Gott wieder Gott ist und nicht die Kohle.

Ihr Christof Lenzen aus Gera.

Biografie: Christof Lenzen + 1967 in Mönchengladbach geboren
+ verheiratet
+ zwei Kinder, ein Stiefsohn
+ Studium der Informatik und drei Jahre Berufspraxis
+ Studium der Theologie
+ 13 Jahre Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Eschweiler
+ seit 2016 Pastor der Freien evangelischen Gemeinde Gera

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Augenblick mal | 19. September 2018 | 06:20 Uhr