Der Redakteur | 18.05.2022 Mehl-Knappheit: Können wir uns selbst versorgen?

Weizen wird knapper und die Sorgen der Menschen werden größer: Werden wir in Zukunft genug Mehl für Brot und Brötchen haben? MDR THÜRINGEN Redakteur Thomas Becker hat nachgefragt.

Wir sehen tatsächlich unser Brot auf den Feldern wachsen. Abgesehen von der Frage, ob sich Thüringen und Deutschland selbst versorgen könnten mit dem Korn für Brot und Brötchen, ist es bei einem Massenprodukt schon aus Transportkostengründen klug, zu schauen, was die Umgebung hergibt.

Rund 250 Mühlen gibt es noch in Deutschland, schätzt Timm Scharf, Geschäftsführer der Otto Crienitz KG in Wünschendorf. Das sind die, die unsere Versorgung sicherstellen. Hinzu kommen noch einige kleine, zum Teil historische Mühlen, die aber eher der Traditionspflege dienen.

Ein Bild von Säcken mit Körnern und Mehl 24 min
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Timm Scharf, Geschäftsführer Otto Crienitz KG in Wünschendorf, verarbeitet mit seiner Firma 60.000 Tonnen Weizen im Jahr zu Mehl. Er erklärt, wie das Geschäft mit Mehl funktioniert.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 18.05.2022 15:40Uhr 23:58 min

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Die Otto Crienitz KG ist ein klassischer Familienbetrieb. 60.000 Tonnen Weizen werden jährlich im Werk in Wünschendorf zu Mehl verarbeitet, in Weida kommen noch einmal 15.000 Tonnen Roggen dazu. Mit solchen Mengen liegt der Betrieb so ziemlich genau im Durchschnitt deutscher Mühlen, also zwischen den kleinen und den ganz großen. Abnehmer des Mehls sind größere Verarbeiter wie Brandt Zwieback in Ohrdruf oder Bäckereien im Umland.

Wieso fehlt zeitweise das Mehl im Supermarktregal?

Das Mehl fehlte, weil es schon in unseren Kellern ist. Es ist wie einst beim Klopapier: Produktion und Verteilung liefen wie immer, nur König Kunde nahm drei statt eins, fertig war die Lücke im Regal. Die völlig unbegründeten Angstkäufe sind unser Hauptproblem neben den hohen Preisen, wobei die vielleicht sogar dazu führen, dass wir unsere Nahrungsmittel wieder mehr schätzen lernen. Deshalb der Appell von einem Mann, der das Korn liebt und das Mehl sowieso: Lasst es bitte nicht im Keller vergammeln!

In einem Regal im Supermarkt sind einige Lücken.
Mehl gibt es genügend. Nur nicht immer im Supermarkt. Das liegt vor allem an Hamsterkäufen. Bildrechte: dpa

Wer jetzt schon mal das Mehl gekauft hat, sollte wenigstens etwas Ordentliches daraus machen. Wie es in Thüringen Tradition ist: Tolle Kuchen backen!

Timm Scharf, Geschäftsführer Otto Crienitz KG in Wünschendorf

Auch wenn wir uns in Thüringen und Deutschland selbst mit Korn versorgen können, ist es nicht ausgeschlossen, dass wir bestimmte Sorten importieren. Vor allem aus Tschechien, Polen oder Frankreich. Das hat allerdings auch wieder mit regionalem Handel zu tun. Mit Wasserwegen zum Beispiel oder Binnenhäfen, in denen viel Korn umgeschlagen wird. Salopp gesagt macht es für eine Mühle in der Sächsischen Schweiz Sinn, sich das Korn eher in Polen zu holen als aus der Leipziger Tieflandsbucht.

Timm Scharf zum Beispiel bezieht sein Korn aus einem Umkreis von 60 bis 100 Kilometern - aus Thüringen und Sachsen. Auch die Qualitäten spielen eine Rolle, bestimmte Spezialsorten wachsen vielleicht besonders gut in anderen Ländern und kommen auch mal von weiter her. 128.000 Tonnen Weizen hat Deutschland zum Beispiel 2021 aus Kanada importiert, einem der größten Exporteure von Weizen, Weizenmehl und Weizenprodukten. Unterm Strich geht aber aus Deutschland mehr Weizen raus, als reinkommt.

Wer exportiert den meisten Weizen?

Laut der Statistik des US-Landwirtschaftsministeriums beziehungsweise seiner untergeordneten Behörde des "Foreign Agricultural Service" war im Wirtschaftsjahr 2020/2021 Russland mit 19,67 Prozent der weltgrößte Weizenexporteur, dann kam schon die EU (14,96 Prozent), dann folgten Kanada und die USA in ähnlichen Größenordnungen, Australien mit knapp 10 Prozent und die Ukraine mit 8,48 Prozent. Indien, das ja seine Exporte gestoppt hat, hatte ohnehin nur einen Anteil von 1,81 Prozent. Wegen der oft langfristigen Lieferverträge und auch der durchorganisierten Transportwege sind vom Teilausfall der Ukraine und dem Komplettausfall von Indien logischerweise die Länder betroffen, die deren Korn bisher bekommen haben.

Es ist nun Aufgabe der Weltgemeinschaft, die entstandenen Lücken zu füllen, ohne der Ukraine künftig die Absatzmärkte streitig zu machen. Viele Marktmechanismen sind für Laien auch nicht sofort durchschaubar. Wenn die Preise für Korn nur eine Richtung kennen, ist es zum Beispiel durchaus nachvollziehbar, wenn Händler mit dem Verkauf noch ein paar Wochen warten. Diese "Verknappung" von Verfügbarkeiten dürfte die Preise weiter steigen lassen, bis dann der Punkt gekommen ist, an dem das Zeug raus muss aus den Silos und Lagerhallen. Und das wird auf die Preise drücken.

Denn es gibt schließlich auch langfristige Verträge zwischen Landwirten und Händlern sowie Mühlen und wenn die neue Ernte angeliefert wird, muss die irgendwo hin. Getreidelagerung ist Hightech, das wird nicht einfach auf einen Haufen geschüttet. Da geht es unter anderem um die richtige Feuchte, Temperatur und um Schädlinge. 

Logistikproblem im weltweiten Getreidehandel

Abgesehen von den hohen Getreidepreisen sind die geschlossenen und verminten Häfen der Ukraine das Problem. Auch China, die Türkei und Indonesien bekommen normalerweise per Schiff ukrainisches Getreide. Deshalb versucht die EU, der Ukraine zu helfen, über den westlichen Schienenweg Alternativrouten aufzubauen. Dabei fehlt es nicht nur an Waggons, sondern auch an Kapazitäten in den Zielhäfen wie Danzig. Hinderlich sind auch die unterschiedlichen Spurweiten.

Akut haben wir demzufolge kein Anbau-, sondern ein Logistikproblem. Und letztlich leiden die ärmsten Länder wie Somalia, Ägypten und Sudan, wo die Ukraine und Russland mehr als 70 Prozent der Weizenimporte abdecken oder auch der Jemen, Tunesien, Libanon, Libyen, Äthiopien, Afghanistan, Bangladesch und Pakistan.

Was lernen wir aus der Krise?

Unsere derzeitige Diskussion um stillzulegende Flächen für den Artenschutz bietet nur Scheinlösungen. Die EU will künftig aus Artenschutzgründen vier Prozent der Agrarflächen leer stehen lassen, um langfristig die Arten zu erhalten, die wir brauchen, damit auch für spätere Generationen noch etwas wächst. Das mag in der aktuellen Situation blöd aussehen, aber wir retten mit den vier Prozent die Welt nicht. Da sind ganz andere Ansätze nötig.

Wir gehören zu den reichen Ländern, in denen viel zu viel Fleisch gegessen wird. Die Tiere müssen demzufolge mit Futter gefüttert werden, das auch irgendwo wachsen muss. Das ist der eine große Hebel.

Der zweite: Nach Angaben der FAO, der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, werden jedes Jahr 1,3 Milliarden Tonnen genießbare Lebensmittel entweder gar nicht erst geerntet oder später in den Müll geworfen. Das ist ein Drittel der weltweiten Gesamtproduktion.

Mühlen-Geschäftsführer Timm Scharf hofft darauf, dass ein grundsätzlich etwas höheres Preisniveau als vor der Krise dazu führt, dass sich der Getreideanbau auch in Ländern und Regionen lohnt, die aktuell importieren müssen, weil das billiger ist. Stichwort Selbstversorgung.

Und ein angemessener Preis statt einer Billig-Mentalität bei Lebensmitteln führt hoffentlich auch zu mehr Wertschätzung bei uns Verbrauchern. Welche Macht wir haben, sehen wir ja bei den Hamsterkäufen. Also Augen auf beim Einkauf (Brauche ich das jetzt wirklich?). Und auch bei der Berufswahl. Es ist nämlich nicht so, dass die Lehrlinge den Müllern die Bude einrennen.

Es ist ein sehr konstantes Handwerk und von den Krisen dieser Welt relativ unabhängig.

Timm Scharf, Geschäftsführer Otto Crienitz KG in Wünschendorf

Abgesehen davon haben wir in Deutschland so ziemlich die beste und umfassendste Ausbildung. "Moderne Betriebe und sämtliche Maschinenhersteller der Branche haben ihre Wurzeln in Deutschland", sagt Timm Scharf. Auch Arbeitsbedingungen und -zeiten sind schon lange nicht mehr so wie früher. Und nachts mahlen die Mühlen sogar alleine.

Serie: Ein ganzes Jahr beim Landwirt

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 18. Mai 2022 | 15:40 Uhr

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