Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
Täglich hören Sie das Wort zum Tag auf MDR Thüringen - Das Radio. Bildrechte: MDR/Cornelia Hartmann

Wort zum Tag Augenblick mal

Täglich um 6:20 und 9:20 Uhr hören Sie bei MDR THÜRINGEN - Das Radio "Augenblick mal", das Wort zum Tag. In dieser Woche spricht es Pastor Eric Söllner von der evangelisch-methodistischen Kirche in Jena.

Chorraum der Wallfahrtskapelle Etzelsbach
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Dienstag, 12. November: Wut

Es ist wie eine Szene am Familientisch. Alle haben sich zum Essen eingefunden - nein, eines der Kinder fehlt. Und das macht den Vater der Familie wütend. Darum fragt er in die Runde: "Wo ist der bloß schon wieder?". Jetzt steigt aller Ärger über das eigensinnige Kind in ihm auf. Vergangene Auseinandersetzungen, Streit und ungeklärte Dinge vermischen sich mit enttäuschter Erwartung des Familienidylls am Esstisch. Als eines der Geschwister kleinlaut eine Erklärung versucht, richtet sich der Zorn des Vaters plötzlich auf ihn. Der bekommt nun ordentlich was zu hören.

Nicht an einem gewöhnlichen Familientisch spielt diese Szene. Sondern an der Tafel eines Königs sind wir. König Saul von Israel. Die Bibel erzählt davon. Offenbar wird nicht einmal ein König davon verschont, dass seine Wut den Falschen trifft. Wut ist ein so starkes Gefühl, dass es uns beherrschen kann. Wut lässt ungerecht werden. Wer kennt nicht die Reue über harte Worte, die im Zorn gesagt worden sind?

Ich nehme daraus mit: Mit meiner Wut muss ich vorsichtig umgehen. Überhaupt: Ich gehe mit ihr um, nicht sie mit mir. König Saul hat das ersehnte Familienidyll durch seinen Wutausbruch ganz und gar zerstört. Das Kind, das ihn abbekam, entfremdet sich ein Stück mehr von ihm.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Pastor Eric Söllner aus Jena.

Montag, 11. November: Unrecht

Da gerät einer so richtig in Wut über die ungerechten Verhältnisse im Land. Besonders die Armut der kleinen Leute regt ihn auf. Sie sind so eingeklemmt zwischen ihren minimalen Einkommen, der schlechten Wirtschaftslage und den Steuern, dass sie sich verschulden müssen. Das führt sie nur immer tiefer in Armut und Abhängigkeit. Gleichzeitig werden einige wenige immer reicher. Das treibt ihm die Zornesröte ins Gesicht.

Nein, nicht in unseren Tagen spielt das. Obwohl es gut passen würde. Ich lese das in der Bibel, im Buch Nehemia. Die Gleichnamige Hauptfigur beschreibt aus ihrer Sicht die Verhältnisse im Land Israel vor ungefähr 2400 Jahren.

Nehemia ist nun allerdings einer, der Verantwortung trägt. Er macht darum etwas aus seiner Wut. Er ruft die Regierenden zusammen und redet den Reichen und Besitzenden ins Gewissen. Und tatsächlich, die Verhältnisse ändern sich.

Ich nehme daraus mit: Unrecht macht wütend. Diese Wut aber führt mich zu meiner Verantwortung, zu dem, was ich gegen das Unrecht tun kann. Die Wut hilft mir, nach meinen Möglichkeiten zu suchen. Nehemia hatte es damit, nur weil er Macht besaß, nicht einfacher. Er hatte auch mit anderen Mächtigen und Mächtigeren zu kämpfen. Er nahm diesen Kampf auf, weil er auf seine Wut über das Unrecht hörte, sie zum Antrieb für eigene Taten werden lies.

Einen guten Tag wünscht Ihnen Pastor Eric Söllner aus Jena.

Sonntag, 10. November: Friedfertig

"Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen." (Mt 5,9) Mit diesem Zitat aus der Bibel beginnen heute viele Gottesdienste. Jeder Sonntag hat sein eigenes Bibelwort. Der heutige Sonntag spricht also von denen, die Frieden stiften:  "Selig" sind sie.  Man könnte sagen "die machen es richtig", die sich friedlich verhalten und für einen friedvollen Umgang miteinander sorgen.

Da höre ich allerdings gleich die Worte einiger skeptischer Zeitgenossen. "Das passt ja zu den schönen Sonntagsreden der Kirche. Aber tatsächlich haben Christen doch oft für Unfrieden gesorgt und im Namen Gottes Gewalt geübt, Kriege geführt sogar." Wenn sich dann noch einer der Skeptiker etwas in der Bibel auskennt, spricht er die Stellen an, in denen von Gottes Zorn die Rede ist und davon, was Gott in seinem Zorn so androht. Davon bin ich dann mindestens peinlich berührt und in Erklärungsnot, aber es steht ja nun mal tatsächlich drin in der Bibel.

Und das hat vielleicht auch sein Gutes. Erst mal sind sie da, diese starken Gefühle von Wut und Zorn. Jeder kennt das. Sie entstehen, wo ich mich ungerecht behandelt fühle, wo ich mich zurückgesetzt, übergangen, überhört fühle. Auch Gottes Zorn entsteht so. Das kann man in der Bibel nachlesen.

Ich nehme daraus mit, das Wut und Zorn als starke Empfindungen durchaus ihr Recht haben. Es hilft nichts, sie zu verbieten oder zu verdrängen. Davon wird es nur schlimmer. Wut braucht ihren Raum. Womit noch nicht geklärt ist, wie Gutes daraus entsteht. Aber ich glaube, auch das ist möglich, gerade weil ich die Bibelstellen von der Wut Gottes kenne.

Einen gesegneten Sonntag wünscht Ihnen Pastor Eric Söllner aus Jena

Kurzbiografie Eric Söllner * geboren am 28. August 1975 in Greiz
* aufgewachsen in Berga /Elster
* 1992: Taufe und Aufnahme in die Evangelisch-methodistische Gemeinde Berga/Elster
* 1995: Abitur in Greiz
* 1995/96: Zivildienst in Weida
* 1996/97: Gemeindepraktikum in Reichenbach/Vogtland
* 1997-2002: Studium der Theologie in Reutlingen
* 2002-2005: Pastor auf Probe in Dessau
* 2005: Ordination
* 2005-2008: Pastor in Dessau
* seit 2008: Pastor in Jena und in der Fachklinik Klosterwald in Bad Klosterlausnitz
* verheiratet, zwei Kinder

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 12. November 2019 | 06:20 Uhr