Der Redakteur | 12.11.2019 Wann ist der beste Zeitpunkt, eine Fremdsprache zu lernen?

Ist für Erwachsene alles zu spät oder können auch ältere Menschen neue Sprachen erlernen? Wann ist der ideale Zeitpunkt? Diesen Fragen ist Thomas Becker - unser Redakteur für Hörerfragen - nachgegangen.

von Thomas Becker

Dass wir Dinge vergessen, ist völlig normal. Damit schützt sich das Gehirn vor zu vielen Reizen. Im Bild denkt ein Mann mit Brille nach mit dem Finger an den Mund gelegt. Über seinem Kopf sind Fragezeichen.
Als Erwachsener eine neue Sprache lernen? Kein Problem. Doch auf die Methode kommt es an. Bildrechte: MDR JUMP/Colourbox

Sechs Fälle hat die russische Sprache. Und dass es im Englischen unregelmäßige Verben gibt, haben wir auch leidvoll erfahren müssen. Das Vokabelnpauken ist aber nicht der richtige Weg, eine fremde Sprache zu erlernen, und so mancher Lehrer ist auch nicht unbedingt die Idealbesetzung. Das liegt einfach daran, dass er kein Muttersprachler ist beziehungsweise die Sprache nicht auf diesem Niveau beherrscht. Und schlimmer noch: Der Unterricht kommt eigentlich zu spät. Bis zum Alter von elf Jahren etwa ist das menschliche Hirn besonders offen für das Lernen einer Sprache. Je früher, desto besser.

Fremdsprache lernen: Früh übt sich - doch das ist nicht alles

Und wenn dann auch noch der Übergang in die Schule und später ins Erwachsenenalter nicht gelingt, geht noch einmal sehr viel verloren. Das müsste alles aufeinander aufbauen, gerade vom Kindergarten zur Schule, damit die Kinder nicht dadurch demotiviert werden, dass sie wieder bei Null anfangen. Schüleraustausch ist eine gute Möglichkeit, längere Auslandsaufenthalte sind es sowieso. Je mehr man sozusagen gezwungen ist, die fremde Sprache anzuwenden, umso besser lernt man sie. Trotzdem zeigen empirische Untersuchungen, dass Kinder Fremdsprachen nicht automatisch auf Muttersprach-Niveau lernen, nur weil sie sehr zeitig damit begonnen haben. Es muss also noch etwas anderes geben. Da sind wir bei der Methodik.

Großer Plüschteddy an Tisch; neben ihm ein Junge, der das Gesicht auf die Hand stützt 5 min
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Das Goethe-Institut hat in seinen "Nürnberger Empfehlungen" einiges zusammengefasst, was beim Sprachelernen wichtig ist. Zum Beispiel müssen sich Kinder in der Lernumgebung wohlfühlen und sich erlebnisorientiert mit der Sprache beschäftigen.

Wir empfehlen bei kleineren Kindern, dass sie mit Liedern lernen, dass sie Geschichten hören, einen emotionalen Zugang zur Sprache bekommen und auch sehr viel nachmachen können. Und das wird erklärt in dieser Methodik, wie man in Grundschulen und Kindergärten arbeiten kann.

Andrea Schäfer, Referentin des Goethe-Instituts für Sprache und Bildungspolitik

Kinder lernen schon im Mutterleib

Angst und Druck sind demnach die falschen Ansätze. Kinder sollen spielen, sich bewegen, herumtoben und Gefühle ausdrücken können. Dabei bevorzugen sie am Anfang Phrasen und Wörter, die sie aus ihrer eigenen Lebenswelt - sprich Muttersprache - kennen. Mittlerweile wissen wir dank verschiedener Forschungen, dass wir schon im Mutterleib beginnen, eine Sprache "zu lernen". Kanadische Wissenschaftler der University of British Columbia in Vancouver haben gemeinsam mit französischen Kollegen das Stillverhalten von Neugeborenen untersucht und dabei Babys miteinander verglichen, deren Mütter in der Schwangerschaft ein- beziehungsweise zweisprachig gesprochen hatten. Die Nuckelfrequenz erhöhte sich, wenn bekannte Töne zu hören waren und bei den zweisprachig herangewachsenen Kindern war es eben in beiden Sprachen der Fall.

Thüringen

Mann spricht und Buchstaben kommen aus seinem Mund. 6 min
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Dr. Tomás Goucha vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften spricht im Interview über Forschnungsergebnisse zum Sprachenlernen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 12.11.2019 16:50Uhr 05:50 min

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Ältere müssen an Fremdsprache dranbleiben

In den ersten Lebensmonaten nimmt das Gehirn eine Sprache auf, ohne dass ein bewusster Lernprozess stattfindet. "Doppelter Erstsprachenerwerb" heißt das in der Fachsprache. Allerdings - so die Erkenntnisse von Wissenschaftlern der University of Washington in Seattle (USA) - bereits im ersten Lebensjahr beginnt das Gehirn, seine Aufnahmefähigkeit für die fremden Laute allmählich zu verlieren. Aber trotzdem müssen wir als Ältere nicht resigniert das Handtuch werfen.

Wir finden auch, dass Ältere sehr gut lernen können. Sowohl Jugendliche als auch Erwachsene. Diese lernen nur anders.

Andrea Schäfer, Referentin des Goethe-Instituts für Sprache und Bildungspolitik

Sie brauchen ein Ziel und müssen wissen, wofür sie lernen. Junge Erwachsene, die in Deutschland arbeiten oder studieren wollen, sind solche Beispiele. Diese Menschen haben oft eigene Lernstrategien, das kann Schreiben sein, Videos ansehen oder das Anfertigen von Lernkarteien. Aber es gibt noch einen Ansatz, sagt Dr. Tomás Goucha, der unter anderem untersucht hat, was im Hirn passiert, wenn wir eine Zweitsprache lernen.

Wir müssen so hören, wie Kinder hören. Welche Laute die Fremdsprache hat, was für Melodien und Rhythmen. Das sind die ersten Schritte, die Kinder machen, wenn sie eine Fremdsprache lernen, aber das ist etwas, was noch nicht genug untersucht worden ist.

Dr. Tomás Goucha, Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Später noch auf bereits gelernte Sprachen zurückgreifen

Mittlerweile belegen auch neuere Untersuchungen diese durchaus vorhandene Fähigkeit älterer Menschen, doch noch eine weitere Fremdsprache zu lernen. Vielleicht nicht gerade so, dass man sich eine weitere Muttersprache aneignet, aber eine neue Sprache fließend zu sprechen, das ist möglich. Voraussetzung: Man findet für sich die richtige Methode und bleibt dran. Man kann nämlich Sprachen auch wieder verlernen. Andererseits ist das Wiedererlernen immer möglich und einfacher als das Neulernen. Das Hirn hat vieles noch abgelegt, auch unbewusst. Dr. Goucha kennt sogar Untersuchungen, nach denen adoptierte Babys, die ihre eigentliche Muttersprache nie gesprochen und nur als Säugling gehört haben, später diese viel einfacher lernten als andere Sprachen. Und Menschen, die eine dritte oder vierte Sprache erlernen, können schon auf mehrere "bekannte" Sprachen zurückgreifen und somit vergleichen. Zum Beispiel gibt es im Englischen und im Deutschen oft Parallelen bei den Strukturen. Das erleichtert das Lernen ungemein.

Mehrsprachigkeit ist ein unbestreitbarer Vorteil, um eine neue Sprache zu lernen.

Andrea Schäfer, Referentin des Goethe-Instituts für Sprache und Bildungspolitik

Das hat auch etwas damit zu tun, dass das Gehirn sozusagen sprachaffin ist. Hardware und Software sind bereits darauf eingestellt. Forscher aus Montreal haben festgestellt, dass mehrsprachige Kinder oft aufmerksamer sind als ihre "einsprachigen Kollegen." Das Hirn ist besser trainiert, so wie der Sportler eben auch besser trainiert ist als jemand, dessen einzige sportliche Betätigung die Sportschau ist. Und der Vergleich geht noch weiter. Der Untrainierte hat auch einen Bizeps und Bauchmuskeln unter dem Fässchen. So wie der Mehrsprachige die gleichen Gehirnareale nutzt wie einsprachige Menschen. Aber die Sprachnetzwerke bei multilingualen Menschen sind einfach besser ausgebildet. Sie können übrigens gern selbst nachschauen und zwar im anterioren cingulären Kortex, den finden Sie im Brocaschen Sprachzentrum direkt in der Großhirnrinde.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 12. November 2019 | 16:50 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 12. November 2019, 20:06 Uhr

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