Der Redakteur | 13.11.2019 Wie viele Menschen verträgt die Erde?

Vielleicht ist es am Ende gar nicht mal die absolute Zahl, unter der die Erde ächzen wird. Wenn die gesamte Menschheit so viele Ressourcen verbrauchen würde, wie die entwickelten Länder in Europa, die USA, China oder Russland, dann wäre vielleicht schon heute Schicht im Schacht.

Aber während genau dort die einen schuften und das zum kargen Lohn, ohne Zugang zu sauberem Wasser, zu gesunder Ernährung und zu vernünftigem Wohnraum, genießen wir zusätzlich zu diesen Grundbedürfnissen Bildung für alle, den Jahresurlaub auf Malle und das schicke Auto in unserer heilen Welt. Das lässt sich auch in Zahlen ausdrücken. So berechnet die Non-Profit-Organisation Global Footprint Network die Nachfrage nach natürlichen Ressourcen und hat festgestellt, dass die Menschheit insgesamt schon seit 1971 über ihre Verhältnisse lebt. Genauer gesagt über die Verhältnisse unserer Erde.

Das Kraftwerk Niederaußem von der RWE Power.
Für den "ökologischen Fußabdruck" nicht besonders gut... Bildrechte: imago/Future Image

Um eine Vergleichbarkeit herzustellen, wird der ökologische Fußabdruck berechnet, den ein Mensch oder eine Bevölkerungsgruppe hat. Dabei fließen Größen wie die Nutzung von Ackerland, Weideland, Waldflächen, Fischgründen und bebauten Flächen, aber auch der CO2-Ausstoß mit ein und am Ende wird alles im sogenannten ökologischen Fußabdruck zusammengefasst.

So war in den 27 EU-Staaten schon im Jahr 2012 die Differenz zwischen Ressourcen und Verbrauch gewaltig in Schieflage. Unser Faktor: 2,1. Sprich: Wir besitzen zwar nur einen globalen Hektar auf dem unser Häuschen steht, haben aber mehr als zwei bewirtschaftet. Das muss zwangsläufig auf Kosten unserer Nachbarn gehen. Und diese wohnen global gesehen unter anderem in Afrika. Dabei sind wir noch nicht einmal die Schlimmsten. In der Region Asien-Pazifik lag der Faktor 2012 bei 2,6. In Lateinamerika hingegen nur bei 0,5. Und noch zwei Zahlen: Während Singapur die eigene "Biokapazität" stolze 160 Mal überschreitet, ist es in Guyana genau anders herum. Hier hätte man 22 Mal so viel zur Verfügung wie man eigentlich bräuchte. Die Frage ist nur, wer diese Vorkommen letztlich einmal nutzen wird. 

Wenn man nur die Ernährung betrachtet, ergibt sich ein ebenso schiefes Bild. Dort wo Reichtum ist, dort sind auch die Übergewichtigen zu Hause, mit allen Folgen für die Gesundheit. Diabetes und Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind Wohlstandsprobleme, während der überwiegend körperlich arbeitende ärmere Teil der Weltbevölkerung zu wenig Kohlehydrate zur Verfügung hat.

Dieses Ungleichgewicht mit dem Körpergewicht ist aber nicht nur ein Problem zwischen erster und dritter Welt, sondern auch eines innerhalb der einzelnen Welten selbst. Auch in den armen Ländern Afrikas gibt es wohlhabende Kreise mit einer deutlichen Überernährung.

Treiben also die künftigen acht bis zwölf Milliarden Menschen die Erde direkt in den Kollaps? Nicht zwangsläufig, da sind sich viele Wissenschaftler und Beobachter einig, auch wenn es bei den Berechnungen, wie viele Menschen es künftig auf der Erde geben wird, unterschiedliche Ansichten gibt. Sicher ist man nur, vor allen Dingen Afrika wird zulegen. Dazu muss man zunächst wissen: Vor 30 Jahren noch hat sich der afrikanische Kontinent noch selbst ernährt.

Das hat sich geändert, weil Landwirtschaftspolitik nicht mehr als wesentliche Politik galt, sondern Industriepolitik sollte alles hergeben. Man hat aber übersehen, dass dort 80 Prozent der Leute auf dem Land und von der Landwirtschaft leben.

Wilfried Bommert Institut für Welternährung
Ungarn, Blick auf eine Gänzefarm 12 min
Bildrechte: IMAGO

In die entstehende Versorgungslücke sprangen wir mit billigem Hühnerfleisch, billigem Milchpulver und billigem Getreide aus unserer Überproduktion. Damit haben wir entscheidend dazu beigetragen, die einheimische Landwirtschaft in Afrika unrentabel zu machen. Das dortige Bevölkerungswachstum hat das Problem noch zusätzlich verschärft. Hier muss dringend ein Umsteuern her und das passiert auch schon in Ansätzen. 

In den globalen Entwicklungszielen, die alle Länder unterzeichnet haben, steht, dass bis 2030 die Einkommen von Kleinbauern verdoppelt werden sollen.

Tobias Reichert Teamleiter Welternährung germanwatch
Tuareg auf einem Viehmarkt 14 min
Bildrechte: Jerome Delay/AP/dapd

Das kann zum Beispiel dadurch erreicht werden, dass die Kleinbauern das richtige Saatgut bekommen. Und das ist eben kein Hochleistungssaatgut wie es unsere Sorten sind, sondern es müssen robuste regionale Sorten sein und ausreichend Wasser braucht es auch. Und alles hat auch etwas mit der Rolle der Frau zu tun, über die derzeit in Nairobi auf der Weltbevölkerungskonferenz so intensiv gesprochen wird. Eine Ursache für den Hunger in Afrika ist nämlich auch, dass die Frauen dort keine vernünftige Ausbildung haben, kein Recht auf Land und kein Recht auf Geld und Kredit, sagt Wilfried Bommert. Trotzdem sollen sie auf unrentablen Feldern arbeiten, natürlich mit Unterstützung der Kinder. Also sollen die erstmal ihre Hausaufgaben machen? Nicht ganz. Denn da ist noch die Sache mit dem Klima und den Wetterextremen. Stichwort Trockenheit in Afrika. Und dabei dürfen wir nicht nur an Energie und Autos denken.

Unsere Ernährung trägt zu fast einem Drittel zur Klimaerwärmung bei und am stärksten unser Fleischkonsum. Die großen Desaster finden nicht nur im Süden des Planeten stattfinden, sie werden auch zu uns im Norden kommen. Wir sehen es ja schon an den Menschen, die zu uns kommen und des werden nicht die letzten sein.

Wilfried Bommert Institut für Welternährung

Trotzdem gibt es keinen Grund zur Panik. Es wäre nämlich genug für alle da, auch für die, die noch kommen. Und zwar dann, wenn jeder nur das verbraucht, was ihm Mutter Erde zur Verfügung stellt. Das bedeutet: Wir bekämen etwas weniger, die Menschen in den Entwicklungsländern etwas mehr, einschließlich einer Perspektive in der Heimat. Für uns Europäer, viele Chinesen und die meisten US-Amerikaner usw. bedeutet das: Weniger Fleisch und weniger für die Tonne.

Wenn wir auf einem gesunden Niveau Fleisch- und Milchprodukte konsumiert, dann gibt es einen großen Spielraum, mehr Menschen zu ernähren, als wir das im Moment tun.

Tobias Reichert Teamleiter Welternährung germanwatch

Denn wenn bei uns - laut Bundeslandwirtschaftsministerium - jährlich elf Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen werden, läuft gewaltig etwas schief. Das sind rund 130 Kilogramm pro Person, die natürlich nicht von Endverbraucher entsorgt werden, sondern zu einem großen Teil schon von Produktion, Handel und in Gaststätten. Auch in den Kleiderschränken sieht es nicht besser aus. Was dort hängt wird in der dritten Welt nicht gerade umweltfreundlich produziert und geht dann besten- oder schlimmstenfalls als Kleiderspende dorthin zurück.  

Auch was wir mittlerweile an anderen ungenutzten Dingen in Schränken, Kellern und auf Dachböden horten, könnte ganze Haushalte ausstatten. Und dass wir "im Westen" weniger Energie verbrauchen müssen, weniger Rohstoffe und weniger Müll verursachen sollten, das dürfte bekannt sein. Und das Argument, wir Deutschen alleine sind zu unbedeutend und zu wenige, um wirklich etwas bewirken zu können, das lässt Wilfried Bommert nicht gelten:

Wenn Sie auf internationale Konferenzen gehen, heißt es immer: ‚Was machen die Deutschen, was machen die Europäer?‘ Deswegen haben wir - auch wenn wir nicht so viele sind - immer eine Vorbildfunktion und dafür reichen auch wenige.

Wilfried Bommert Institut für Welternährung

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 13. November 2019 | 16:50 Uhr

1 Kommentar

Jedimeister Joda vor 44 Wochen

Alles bekannt seit 1972, Club of Rome. 47 Jahre und keine Erfolge, die Poitik ist machtlos. Kein Wunder sie sind eh nur Erfüllungsgehilfen für Banken u. Großindustrie. Wenn sich daran nix ändert, dann gute Nacht. Gruß Joda aus Starwars