Der Redakteur | 15.04.2021 Open Air statt Ausgangssperre - Wie uns die Aerosolforscher die Freiheit zurückbringen wollen

Open Air statt Ausgangssperre! Bitte geht raus vor die Tür. Dann haben wir gewonnen. Jede Stunde, die wir uns draußen aufhalten, können wir uns drinnen nicht anstecken - sagt die Gesellschaft für Aerosolforschung. Also raus mit uns!

Passanten in einer Fußgängerzone
Bildrechte: imago images/Chris Emil Janßen

Der Montag dieser Woche war ein denkwürdiger Tag. Nach einem Jahr Pandemie hat es die geballte Fachkompetenz der deutschen Aerosolforscher erstmals geschafft, sich bei den Entscheidungsträgern in der Politik spürbar Gehör zu verschaffen. Immerhin wissen wir schon lange, dass Aerosole, also feinste Wölkchen, zu den Hauptübertragungswegen des Virus zählen. Der Offene Brief an die Bundesregierung vom Montag war nämlich nicht das erste Schreiben der Experten und die Antwort darauf kam wohl auch nur deshalb zustande, weil die Presse einen Zusammenhang mit der geplanten Ausgangssperre vermutete und quasi im Minutentakt nachfragte. Doch der Brief wurde schon vorher verfasst. Und dieses Schweigen der Politik, dieses Ignorieren aller bisheriger Schreiben, das ist das, was die Aerosolexperten so maßlos ärgert.

Im Herbst haben wir ein Positionspapier von der Gesellschaft der Aerosolforscher veröffentlicht, keine Reaktion! Null. Und dann ist uns Ostern der Kragen geplatzt, als immer mehr Leute gefragt haben, Herr Scheuch, wann darf ich denn mal wieder raus? Ist das gefährlich?

Dr. Gerhard Scheuch, Gesellschaft für Aerosolforschung

Das so entstandene verzerrte Bild über die Ansteckungsgefahren sieht Scheuch als großes Problem an. Mittlerweile gibt es sogar internationale Studien, die zeigen, wie gering der Anteil derer ist, die sich im Freien angesteckt haben. Er liegt im Null-Komma-Bereich. Die Erlaubnis, sich draußen treffen zu dürfen, an Inzidenz- oder andere Zahlen zu koppeln, hält Scheuch für absolut kontraproduktiv.

junge Leute spazieren am Aasee unter Einhaltung des Kontaktverbotes
Draußen treffen geht! Bildrechte: imago images/Rupert Oberhäuser

Wenn sich die Menschen - statt heimlich in der Wohnung - ganz offiziell im eigenen Garten treffen oder im Biergarten, in den Parks oder als Mannschaft auf dem Sportplatz, dann wird das die Zahlen automatisch nach unten bringen. Jede im Freien verbrachte Stunde ist ein Gewinn. Davon ist der Aerosolforscher zu 100 Prozent überzeugt und er führt auch gewichtige Argumente an. Er geht sogar so weit, zu sagen: Hier so schnell wie möglich zu öffnen, ist Teil der Lösung, nicht des Problems.

Frau spielt in einem schwarzen Raum Querflöte in einem Versuchsaufbau. Aerosole wurden wie Nebeldampf sichtbar gemacht
In einem Studio des Bayerischen Rundfunks werden die Aerosol-Ausstöße einer Querflöstistin gemessen. Bildrechte: BR

Eine große irische Studie hat 232.000 Menschen untersucht, nur 260 sind im Außenbereich infiziert worden, die anderen im Innenraum. Die Iren schreiben: jede tausendste Infektion findet draußen statt. Wir müssen uns also um den Außenbereich gar nicht kümmern.

Dr. Gerhard Scheuch, Gesellschaft für Aerosolforschung
Jugendlicher in einem See spuckt Wasser in die Luft 21 min
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Dr. Gerhard Scheuch

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 15.04.2021 15:20Uhr 21:25 min

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Ganz soweit will Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner aber noch nicht gehen. Sie verweist darauf, dass die Begegnungen sich ja nicht auf den Ort im Freien beschränken - Stichwort Anfahrt, Rückfahrt, Toiletten, Umkleidekabinen, der Absacker zu Hause - und sie sagt, dass die Disziplin mit steigendem Alkoholpegel abnimmt. Auch habe Thüringen schon von Beginn an vermieden, die Leute einzusperren. Der Kleingarten habe da eine große Rolle gespielt, die Einschränkung auf einen 15-km-Umkreis habe es nie gegeben und auch die demnächst kommende neue Verordnung lässt uns weiter an die frische Luft.

Für die neue Verordnung haben wir trotz hoher Inzidenz, die Öffnung der Zoos, Tierparks und Botanischen Gärten mit aufgenommen. Im Freien und wenn klar ist, dass sich nicht zu viele Menschen in einem Bereich befinden, halten wir es für legitim zu öffnen.

Heike Werner, Thüringer Gesundheitsministerin

Corona Virus Aerosole
Corona Virus Aerosole Bildrechte: imago images / Alexander Limbach

Biergärten, Straßencafés oder Sportstätten für den Mannschaftssport sind aber aktuell noch kein Thema. Und genau das ist aus der Sicht der Aerosolforscher der Fehler. Nicht nur, weil die Menschen diese Ventile brauchen. Am 16. April sind die Aerosolforscher erstmals im Gesundheitsausschuss des Bundestages eingeladen, um Ihre Sicht der Dinge darzulegen. Das könnte einer der spannendsten Termine in der Pandemie werden. Auch wenn natürlich die Meinungen einzelner Wissenschaftszweige nie alleine betrachtet werden dürfen, da sind sich Gerhard Scheuch und Heike Werner einig.

Moderator Matthias Haase stellt Publikumsfragen an Thüringens Gesundheitsministerin Heike Werner 23 min
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Gesundheitsministerin Heike Werner

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 15.04.2021 15:20Uhr 23:25 min

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Virologen, Epidemiologen, Intensivärzte, Netzwerkforscher, Statistiker, Wirtschaftsexperten, Branchenvertreter - sie alle haben in den vergangenen Monaten ihre Standpunkte dargelegt, aus denen die Politik am Ende unsere Verordnungen gestrickt hat. Ob die Abwägungsentscheidungen am Ende immer die richtigen waren, daran wird immer mehr gezweifelt.

Gaststätten vorbildlich: Null Ansteckungen seit November

Dirk Ellinger vom Hotel- und Gaststättenverband sieht seine Branche nach wie vor zu Unrecht benachteiligt. In seinen Gaststätten hat sich niemand angesteckt, die sind seit November zu, sagt er nicht ohne Sarkasmus. Damit ließen sich die hohen Zahlen also nicht begründen. Ein Antrag auf eine einstweilige Anordnung beim Thüringer Oberverwaltungsgericht hatte trotzdem keinen Erfolg.

Hinweisschilder zu Coronaregeln in einem Laden in Erfurt
Hinweisschilder zu Coronaregeln in einem Laden in Erfurt Bildrechte: MDR/Karina Heßland-Wissel

Die Zielrichtung des Vorstoßes eines Hotels im Nationalpark Hainich war unter anderem die Unterscheidung zwischen beruflicher oder touristischer Übernachtung. Diese führt zu der grotesken Situation, dass ein Geschäftsreisender seinen Thüringenaufenthalt nicht bis übers Wochenende verlängern darf, um auszuspannen, nachdem er die ganze Woche schon im gleichen Hotel übernachtet hat. Fast schon gebetsmühlenartig verweist Ellinger darauf, dass es überall Hygienekonzepte gibt, die mit Sicherheit besser wirken als alles, was im häuslichen Umfeld derzeit praktiziert wird, wenn sich die Menschen dort treffen.

Jeder Gastronom würde sein Hygienekonzept umsetzen, weil er nämlich Angst hat, wenn bei ihm etwas passiert. Also insofern kann Außengastronomie geöffnet werden. Natürlich brauchen wir auch das Wetter dazu, es muss auch betriebswirtschaftlich darstellbar sein und das gleiche gilt für die Übernachtung.

Dirk Ellinger, DEHOGA Thüringen
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Dirk Ellinger

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 15.04.2021 15:20Uhr 10:09 min

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Er kritisiert auch den Versuch der Bundesregierung, das Infektionsschutzgesetz sozusagen an den Bund zu binden, in der Folge seien nämlich am Ende nicht mehr die Verwaltungsgerichte in den Bundesländern zuständig, sondern es ist letztlich das Bundesverfassungsgericht. Damit sind die Hürden für Klagen deutlich höher gelegt. Gerhard Scheuch hingegen ist optimistisch, dass es soweit gar nicht kommt. In ihm haben die Gastronomen einen großen Fürsprecher.

Wir werden versuchen, Einfluss zu nehmen auf die Landespolitiker, um zu sagen: Leute macht die Außengastronomie auf. Wir müssen alles, was außen stattfindet, wieder in Gang bringen. Wir werden lernen müssen, mit diesem Virus zu leben. Es wird nicht einfach verschwinden. Und wir können auch mit ihm leben.

Dr. Gerhard Scheuch, Gesellschaft für Aerosolforschung

Das haben wir auch bei anderen Viren schon geschafft, Stichwort AIDS. Allerdings unterscheiden sich die Schutzmaßnahmen natürlich. Und die sollten wir auch nicht vergessen, denn die Mahnung der Intensivmediziner ist eindeutig: Die Intensivpatienten werden jünger und liegen nicht Tage - wie die über 80-Jährigen - sondern Wochen auf der ITS. Bei ähnlich schlechter Überlebensrate.

Das führte zu der Aussage, es sei bereits "5 nach 12." Selbst Kinder stecken sich wegen der Mutationen häufiger an, welchen Schaden sie nehmen, das wissen wir noch nicht. Denn auch das Wissen über Long-Covid, der Krankheit nach der Krankheit, ist noch sehr dünn. Umso wichtiger können die Forderungen der Aerosolforscher werden, die uns nach draußen schicken und in den Innenräumen den Zeigefinger erheben.

Die Kontaktbeschränkungen dort sind zu 100 Prozent sinnvoll, die Masken sind es auch, so Scheuch und er nennt sechs Punkte, die aus seiner Sicht auch innen das Infektionsrisiko deutlich senken können. Alles haben wir schon gehört, aber es macht mal wieder die Summe.

Die sechs Goldenen Regeln für Innenräume:

  1. Sich mit möglichst wenig Leuten im Innenraum treffen
  2. Die Zeit im Innenraum verkürzen, Schulstunden verkürzen, 3x30 Minuten statt einer Doppelstunde von 90 Minuten
  3. Große Räume, das verringert die Konzentration
  4. Lüften, lüften, lüften!
  5. Masken tragen, aber nur in Innenräumen, der Jogger mit Maske übertreibt es
  6. Raumluftfilter - jedes Virus, das man ausfiltert, kann man nicht einatmen

Ein Klassenzimmer mit Tafel und Bänken und einer Art Nebenmaschine, die Nebel versprüht. Dahinter ein Ventilator, im Vordergrund Messegeräte.
Bei einem Experiment wurden die Versuchs-Aerosole mithilfe von Ventilatoren im Klassenzimmer verteilt. Bildrechte: THM/Hans-Martin Seipp

Wenn wir diese Maßnahmen kombinieren, dann lassen sich auch in Innenräumen die Ansteckungsgefahren fast auf Null bringen, also dorthin, wo sie draußen schon sind, sagt Scheuch. Nur sind wir zu wenig dort. 100 Kubikmeter Luft pro Stunde lassen wir alleine durch unsere Körpertemperatur an uns aufsteigen. Ein äußerer Schornsteineffekt quasi, der aber nur wirkt, wenn nicht drei Meter über uns die Zimmerdecke liegt.

Diese Luftzirkulation treibt im Freien die Aerosolwolke weg, sagt Scheuch, es braucht dazu noch nicht einmal Wind. Nun muss er nur noch die Politik davon überzeugen. Wenn ihm das gelingt, können wir am 1. Mai im Biergarten anstoßen und tun so etwas gegen die Ausbreitung der Pandemie und damit sogar für unsere Gesundheit. Wer hätte das gedacht? Und der Vatertag ist da noch gar nicht eingerechnet.

Open Air statt Ausgangssperre! Bitte geht raus vor die Tür. Dann haben wir gewonnen. Jede Stunde, die wir uns draußen aufhalten, können wir uns drinnen nicht anstecken.

Dr. Gerhard Scheuch, Gesellschaft für Aerosolforschung

Quelle: MDR THÜRINGEN/ilf

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. April 2021 | 15:20 Uhr