Der Redakteur | 28.05.2020 Corona: Müssen wir Angst vor der offiziellen Tracing-App haben?

Im Auftrag des Bundes wird derzeit eine Corona-Tracing-App entwickelt. Mitte Juni soll sie die Kontaktverfolgung im Falle einer Infektion vereinfachen. Die App schürt aber auch Ängste. Sind die berechtigt? Unser Redakteur klärt auf.

Mobiltelefone, margentafarbene Zahlen, Viren
Um die neue Corona-Tracing-App ranken sich viele Ängste. (Symbolbild) Bildrechte: Telekom

Da ist sie, die nächste Verschwörung! Die Corona-App, die uns alle ausspioniert und zu gläsernen Patienten macht. Google (Android) und Apple (iOS) haben sich zusammengetan und ihre Betriebssysteme auf das Ungetüm vorbereitet und das wird auch noch von der Telekom (ganz schlimmer Staatskonzern) und SAP/ Dietmar Hopp (Hassfigur der wahren deutschen Fußballfans) entwickelt. Irgendwelche Fragen noch? Ja! Wo ist das Problem?

Lange Diskussion über Datenschutz der App

Wir haben lange – einige sagen viel zu lange – darüber diskutiert, wie wir unsere deutsche App so datensicher hinbekommen, dass wir sie auch bedenkenlos nutzen können. Und das ist nun erreicht. Datenschützer (z.B. Datenschutzbeauftragte), Verbraucherschützer (z.B. Verbraucherzentrale) und IT-Experten haben das Grundprinzip im Wesentlichen abgenickt. Wenngleich ein winziges Restrisiko bleibt, das wird aktuell auch in Entwicklerkreisen diskutiert.

Die meisten Entwickler haben übrigens schlimme Windows-, Apple- und Google-Allergien und nutzen häufig Alternativen. Teilweise aus weltanschaulichen Gründen, teilweise auch weil sie wissen und ahnen, was alles möglich ist. Andererseits dürfen wir nicht vergessen, dass es viel gefährlichere Anwendungen gibt, wo wir theoretisch viel angreifbarer sind, als bei einer kleinen Corona-App. Stichwort Internetbanking oder Bordcomputer in Flugzeugen.

Von dem, was wir sehen, ist das alles recht sauber geregelt. Es gibt aber offene Punkte, Beispiel spielt es Google über die Play-Services aus und installiert es so auf den Handys der Nutzer. Und bei den Playdiensten ist es nicht möglich, den Code einzusehen. Ich gehe davon aus, dass alles OK ist, ich sag nur, dass es nicht bis in alle Ebenen kontrollierbar ist.

Florian Glatzner Referent "Digitales und Medien" | Verbraucherzentrale Bundesverband

App-Code soll für jeden im Internet einsehbar sein

Was kontrollierbar ist, das ist die App selbst. Das kann jeder tun, der sich im Bereich Softwareentwicklung auskennt und den Code der App lesen kann. Der ist nämlich "Open Source", also quelloffen, der Entwicklungsfortschritt wird im Internet veröffentlicht. Wer dort verdächtige Codezeilen entdeckt, bitte melden.

Installation der Tracing-App freiwillig

Grundsätzlich wird die App unser Tun als Zeichenfolge vom Typ "dzT&sZ11U/HG&r$R" speichern, dazu später mehr. Was die Schnittstellen betrifft in unseren Handys, die nun mit den aktuellen Versionen der Betriebssysteme auf den Geräten gelandet sind: Das ist - vereinfacht gesagt - das Loch für die Schraube, mit der dann die App im Handy festgemacht wird, nebst Stecker. Auch den haben Google und Apple mit dem Update schon angeschweißt. Es kann also losgehen, muss aber nicht. Es ist schließlich freiwillig.

Warum man die App trotzdem unbedingt haben sollte

Wir kennen die Geschichten, wie langsam die Mühlen mahlen, bis ein Verdachtsfall zur Gewissheit wird. Davor war noch die Zeitspanne von der Ansteckung bis zu den ersten Symptomen. Und dazwischen lagen viele Treffen mit verschiedensten Menschen. Daraus folgt die Vorstellung, wie mühsam es für die Betroffenen und die Gesundheitsämter ist, nun jede Kontaktperson einzeln zu ermitteln. Das ist Hängeregistertempo, obwohl es die Googlesuche längst gibt.

Denn gerade das schnelle Nachvollziehen der Infektionskette ist entscheidend dafür, dass wir nicht wieder in die Situation kommen wie Mitte März, als das Steckerziehen die einzige Möglichkeit war. Und es ist auch nicht so, dass uns die App nun auf Schritt und Tritt verfolgt, jede Bewegung registriert und die Kontaktpersonen alle in die WhatsApp-Gruppen stellt. Der Plan ist ein anderer und wir müssen auch den Unterschied beachten zwischen einer Tracking-App (Tracking = Verfolgen), die mit Hilfe von GPS-Daten ganze Bewegungsprofile erstellt und unserer Tracing-App (Tracing = Ermitteln)

Der Unterschied zwischen Tracing und Tracking

Die Tracing-App speichert für einen "Verdachtskontakt" nur unsere wilde Zeichenkette "dzT&sZ11U/HG&r$R" oder auch mehrere und das war’s. Dahinter verbirgt sich ein Mensch, genauer gesagt dessen Handy, sowie Datum, Uhrzeit, Nähe und Dauer des Kontakts, aber zum Beispiel keinen Ort. Und zwar nur dann, wenn die letzten beiden Indikatoren "verdächtigen" Algorithmen entsprechen. Ganz wichtig dabei: Da die Zeichenfolge "dzT&sZ11U/HG&r$R" ohne Schlüssel nicht zu entziffern ist und auch keine persönlichen Daten enthält, ist diese außerhalb des Systems völlig nutzlos.

ein Handy auf einem Tisch 2 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR THÜRINGEN JOURNAL So 03.05.2020 19:00Uhr 01:55 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Für die Datenübertragung zwischen den einzelnen Handys wird ein energie- und datensparender Bluetooth-Standard verwendet, der auch nur wenige Meter Reichweite hat, macht auch Sinn – Stichwort 1,50 Meter Sicherheitsabstand. Es wird also nicht der halbe Landkreis gescannt. Nach einigen Wochen werden die Hieroglyphen automatisch gelöscht, also über den Speicherplatzverbrauch müssen Sie sich auch keine Gedanken machen.

Woher weiß aber nun das System, wer infiziert ist?

Da die App weder Fieber misst, noch mit der großen Kanüle Blut abnimmt (zumindest in Version 1.0 noch nicht), ist sie darauf angewiesen, dass wir ihr mitteilen, wenn wir positiv getestet worden sind. Das ist nämlich der Moment, wo das System eins und eins zusammenzählt und "dzT&sZ11U/HG&r$R"  herausbekommt und dann das Handy der Kontaktperson informiert. Das geht dann quasi in Echtzeit. Auf einen Schlag sind dann vielleicht dutzende Kontaktpersonen informiert, die sich ihrerseits sofort testen lassen können. Angesichts der nun ausgebauten Testkapazitäten sollte das auch kein Problem mehr sein.

Start der Tracing-App voraussichtlich Mitte Juni

Nun muss die App nur noch fertig werden. Gearbeitet wird – passend zum Problem – fieberhaft. Die Veranstaltung Mitte Juni, auf der sich Angela Merkel und Jens Spahn die App öffentlichkeitswirksam auf ihre Handys ziehen, die wird bereits geplant. Und diese Präsentation läuft hoffentlich besser ab als Willy Brandts Farbfernsehstart. Ob sie am Ende der Stein der Weisen ist und ein wirklich wichtiger Bestandteil des Gesundheitsschutzes, das wissen wir erst hinterher. Es ist aber eine von verschiedenen Maßnahmen, die uns helfen sollen, die nächste Welle ohne große Einschränkungen des täglichen Lebens zu überstehen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 28. Mai 2020 | 16:40 Uhr

6 Kommentare

Saksa vor 6 Wochen

Es ist nicht nachvollziehbar, welchen Beitrag die Verkehrs- und Standortdaten, die die Gesundheitsbehörden bei den Anbietern von Telekommunikationsdiensten erheben können sollten, zur Kontaktnachverfolgung erbringen. Die Telekommunikationsunternehmen verfügen im Wesentlichen über zwei Kategorien von Daten: Funkzellendaten sowie Verkehrsdaten einzelner Telekommunikationsverbindungen. Mit Hilfe der Funkzellendaten lassen sich Mobiltelefone grob lokalisieren – allerdings viel zu ungenau, um tatsächlich Kontaktpersonen zu identifizieren, die sich mit einiger Wahrscheinlichkeit infiziert haben können: Funkzellen umfassen eine Fläche von mindestens mehreren tausend Quadratmetern, in ländlichen Gegenden sogar von mehreren Quadratkilometern.

Gebrauchtmodell vor 6 Wochen

Ängste schüren Demokratiefeinde, Rechtsextreme und Fremdenfeindliche die vor allem bei kleingeistig Bildungsschwachen und Politik Desinteressierten mit platten Parolen willfähige Lemminge finden. Thüringen hebt Kontaktverbote auf und schafft Vertrauen.

Lyn vor 6 Wochen

Nachtrag.

Die andere Seite meines Unbehagens ist die Tatsache, dass ganz offensichtlich über eine Hintertür Software auf das Smartphone geladen werden kann, ohne dass man es mitbekommt - oder etwas dagegen unternehmen kann - wie Google dieser Tage eindrucksvoll bewiesen hat.

Es betrifft ausschließlich Android, das iPhone ist nicht betroffen.

Angeblich wird diese Software dazu gebraucht, um die Corona App nutzen zu können.

Bisher glaubte ich, dass in einer App alles Nötige an Software enthalten ist. Das war vielleicht ein Irrtum.