Der Redakteur | 19.11.2020 Wie sieht die Arbeitswelt der Zukunft aus?

Zur ARD-Themenwoche "Wie wollen wir leben" stellt sich der "Redakteur" die Frage, wie die Arbeitswelt der Zukunft aussieht. Ein Thema wird sicher die künstliche Intelligenz sein, ein anderes das kreative und mobile Arbeiten.

Junge Frau, die ihren Laptop auf Schaukel im Garten verwendet
Mobil, aber allein. Ist das ein Arbeitsmodell der Zukunft? Bildrechte: imago images / Westend61

Bei dem Thema müssen wir einen ziemlichen Spagat hinlegen. Wenn wir persönlich an die Zukunft der Arbeit denken, dann meinen wir unseren Arbeitsplatz und wo der sich befindet, die Werkzeuge, die wir benutzen, rückenschonende Sitze in Auto und Büro, die Digitalisierung vielleicht und mobiles Arbeiten, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Diskussion um die Vier-Tage-Woche vielleicht noch und dann wird es auch schon dünn.

Doch die Aufgabe von Politik, Wissenschaft, Unternehmen und Gewerkschaften ist es auch, größer zu denken, also für unsere Gesellschaft und sogar darüber hinaus.

Deutschland ist eine der führenden Wirtschafts- und Exportnationen und zählt zu den innovativsten Ländern weltweit. Wir wollen, dass dies so bleibt.

Strategiepapier "Zukunft der Arbeit" Bundesministerium für Bildung und Forschung

Damit ist der Rahmen gesetzt. Wir haben es also als Land ein Stück weit selbst in der Hand, Maßstäbe zu setzen. Ein Beispiel ist der Umbau der gesamten Automobilbranche bezüglich der Antriebtechnologie. Da fallen ganze Entwicklungs-, Produktions- und  Wartungsbereiche weg, dafür kommen neue dazu.

Wissenschaft unterstützt Findungsprozess

Vor 20 Jahren hat ein Auto nur wenige IT-Entwickler gebraucht, dafür viele Leute, die den Motor konstruiert haben. Damit sind wir beim Elektromotor heute relativ schnell durch, mit der IT eher nicht, wie das Beispiel VW zeigt, die kurz vor dem Produktionsstart ihres neuen Flaggschiffs noch 30.000 Fehler zu beheben hatten und ihren Kunden derzeit in Form von Updates das Auto unterm Hintern noch fertig bauen. Das wäre beim Motor schwierig gewesen.

Eine Frau am Schreibtisch. 12 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 19.11.2020 16:40Uhr 12:16 min

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Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Daraus ergeben sich auch sofort neue Möglichkeiten bei der Arbeitsorganisation - also: Was muss fertig sein, wenn das Auto rollt, was kann nachrangig erledigt/freigeschaltet werden und wo? Der Motorenbauer musste schon immer direkt im Werk in Zuffenhausen arbeiten, der IT-Ingenieur oder Entwickler kann auch in Jena sitzen oder in Mumbai. Daraus ergeben sich zum Beispiel organisatorische und arbeitsrechtliche Fragen, die die Unternehmen zum Beispiel mit dem Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation besprechen.

In der Regel kommen die Betriebe auf uns zu mit einer konkreten Fragestellung. Dann probieren wir gemeinsam vor Ort verschiedene Themen aus, evaluieren wissenschaftlich und bringen das dann auch in die Umsetzung. Wir arbeiten schon sehr anwendungsnah bei der praktischen Umsetzung innovativer Ideen.

Dr. Josephine Hofmann Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation

Das können sich natürlich nur große Firmen leisten, kleinere Unternehmen kommen aber mit Fördermitteln oder Ministerien im Gepäck ebenfalls in den Genuss wissenschaftlicher Unterstützung. Zum Beispiel: Wie muss ein Büro gestaltet sein, damit es Innovation und Kreativität fördert? Ergonomischer Stuhl, Schreibtisch, Bildschirm, handfreundliche Maus? Das kann es nun wirklich nicht gewesen sein und dafür brauche ich auch kein Fraunhofer-Institut.

Kletterwand statt Schreibtisch

Die AOK Baden-Württemberg hat zum Beispiel zusammen mit Psychologen, Raumplanern, Soziologen und Architekten eine Arbeitswelt entworfen, die schon sehr viel von Zukunft hat. Die besten Ideen kommen einem nämlich nicht unbedingt am Schreibtisch, deshalb wurden neue Räume geschaffen. Entstanden ist das "Projekthaus 13" mit einem Mix aus geschlossenen Räumen und offenen Flächen.

Mitarbeiter eines Callcenters arbeiten an ihren PC's in einem Großraumbüro
Bald veraltet? Beengtes Großraum-Büro Bildrechte: imago/Jens Koehler

Es gibt einen "Entdeckerwald", wo Mitarbeiter zwischen Pflanzen und auf Sitzflächen aus Holz Ideen austauschen können. Es gibt ein "Sportfeld", das zu Kletterübungen einlädt, nicht nur, weil das mal gut ist für den Rücken, sich aus dem Drehstuhl zu drehen, sondern auch, weil man heute weiß, dass Bewegung den Gedankenfluss fördert. Das Gesamtkonzept geht dann bis zu den Teamstrukturen und Hierarchien.

Wer es als Führungskraft gewohnt war, Anweisungen zu geben, der findet sich nun in der Rolle eines Coachs wieder.

Dr. Josephine Hofmann Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation

Die Fabrik als Wohlfühl-Ort

Und mal ganz ehrlich, es gibt immer noch gruselige Beispiele von Büros, in denen man nicht einmal schlafen möchte, geschweige denn arbeiten. Mit einer Palme und neuen Möbeln kann man sicher schon etwas erreichen, aber es geht eben noch mehr. Und wer einen Blick in eine Fabrik im Stile früherer Jahre richtet, der sieht Menschen, die schwere Teile wuchten und in ölverschmierten Umgebungen arbeiten. Kein Vergleich zu modernen Autowerken, wo das Armaturenbrett förmlich hereinschwebt und mit weißen Handschuhen platziert wird.

Dass alle Prozesse von der Anlieferung bis zur Endmontage einschließlich aller Pausenzeiten und Schichtwechsel ineinandergreifen, dafür braucht es schon eine vernünftige Planung, die über Möbelrücken hinausgeht. So hat das Fraunhofer-Institut IAO gemeinsam mit Volkswagen Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine entwickelt, um Nutzeroberflächen - sprich Bedienelemente - so zu gestalten, dass die Nutzer davon begeistert sind.

"Spaß bei der Arbeit" sozusagen, statt sich an tief liegenden Knöpfen die Finger zu verbiegen. So wie Autohersteller bestenfalls das Cockpit so gestalten, dass man sich ins Auto setzt und nie wieder aussteigen möchte.

Wenn das bei den Arbeitsgeräten- und plätzen auch gelänge - das wäre doch großartig. Allerdings aktiviert das auch die Antennen der Gewerkschaften - Stichwort Arbeitszeiten - die sich übrigens auch schon länger mit dem Thema Arbeit und Zukunft beschäftigen.

Es geht um das Zusammenspiel von Mensch und Maschine und das ist eine Riesenaufgabe, wo wir Konzeptpapiere schreiben und zusammen mit Arbeitgebern Leitfäden publiziert haben und am Ende ist es auch eine Frage der politischen Regulierung, was lassen wir eigentlich zu.

Oliver Suchy, Abteilungsleiter Digitale Arbeitswelten beim DGB

Künstliche Intelligenz überwacht Arbeitspensum

Da sind wir bei Künstlicher Intelligenz, die Fluch, aber auch Segen sein kann. Der Weg zur Totalüberwachung ist nicht weit. Schon heute lässt sich jeder Schritt nachverfolgen, auch bis zum Klo. Und davon wird auch Gebrauch gemacht. Und mancher Wunsch ist aus Arbeitgebersicht durchaus verständlich, wenn die Mitarbeiter alle sonst wo sitzen, an ihren mobilen Arbeitsplätzen. Aber Grenzen muss es auch geben, auch in der Callcenter-Branche zum Beispiel.

Wo die Beschäftigen während er Arbeit quasi analysiert werden und den freundlichen Hinweis bekommen, dass sie freundlicher oder langsamer sprechen sollen. Das sind Psychoprofile, die da erstellt werden. Das soll unterstützen, aber wir müssen darüber reden, ob das einen positiven Effekt hat oder ob sich die Leute nicht doch überwacht fühlen.

Oliver Suchy, Abteilungsleiter Digitale Arbeitswelten beim DGB

Das geht bis dahin, dass die intelligenten Systeme rein technisch in der Lage sein werden, den Abwärtstrend einer Leistungsentwicklung vorherzusehen, damit in der Konsequenz der betroffene Mitarbeiter am Ende rechtzeitig "entsorgt" werden kann.

Mit Headset (Köpfhörer und Mikrofon) sitzt eine Mitarbeiterin vor einem Computermonitor in einem Callcenter. 13 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 19.11.2020 16:40Uhr 12:59 min

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Vor solchen Entwicklungen warnt die Gewerkschaft mit Nachdruck. Doch ihr Arm reicht wohl eher nicht bis zum Ende vieler Taktstraßen auch deutscher Unternehmen, wenn diese zum Beispiel in Asien stehen. Da ist von "Spaß bei der Arbeit" keine Rede mehr. Die Künstliche Intelligenz wird ohnehin ein ganz großes Thema werden in den nächsten Jahren.

Mobiles Arbeiten als Modell der Zukunft

Schon heute quatscht einen das Auto von der Seite an, irgendwelche Geräte jammern, dass sie dies oder jenes brauchen. Wenn erst sämtliche Geräte in Heim und Job vernetzt werden, wird das nicht besser und damit sind wir fast schon wieder beim Großen und Ganzen, nämlich in neuen Lebenswelten und Städten der Zukunft, die auch geplant werden müssen. Stichwort: "mobiles Arbeiten".

Da haben wir tolle Effekte, wenn man zum Beispiel auf den Verkehr schaut, nachhaltigkeitsbezogene Effekte. Oder die ganz andere Perspektive, wie viel Büroraum brauchen wir in Zukunft noch, wo müssen wir den ansiedeln?

Dr. Josephine Hofmann Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation

Nur, nicht jeder kann in dieser Form arbeiten. Das bedeutet: Wir bekommen also in der Zukunft vielleicht eine Zwei-Klassen-Gesellschaft der besonderen Art, sogar innerhalb von Betrieben, wie sie sich ja jetzt schon ein bisschen abzeichnet. Was das auf Dauer mit uns macht, das muss beobachtet und erforscht werden.

Und: Beim mobilen Arbeiten gewinne ich einerseits Zeit, verliere aber soziale Kontakte, wir werden uns also irgendwie in der Mitte treffen müssen. Und das vielleicht sogar auch im wörtlichen Sinne. "Co-Working-Spaces" heißt der Ansatz, bei dem verschiedene Unternehmen ihren Mitarbeitern ermöglichen, wohnortnah, aber kinderzimmerfern zu arbeiten. Und auch diese Zukunft hat schon begonnen.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 19. November 2020 | 16:40 Uhr

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