Der Redakteur | 14.09.2020 Warum heißt Weißrussland plötzlich Belarus?

Warum wird in den Medien immer von Belarus gesprochen und nicht von Weißrussland? Es heißt doch auch nicht "France", sondern "Frankreich". Diese Frage hat uns Volker Hühnlein aus Leutenburg geschickt.

Die weißrussische Fahne vor einem Lenin-Denkmal
Die weißrussiche Fahne flattert vor einem Lenin-Denkmal. Bildrechte: imago/Xinhua

Ist das wieder so ein ungelenker Versuch unsererseits, bloß niemandem auf die Füße zu treten? Weißrussland im Genderwahn? Oder woher kommt das Durcheinander? Zunächst ist es natürlich richtig, dass es für die meisten Länder eingedeutschte Bezeichnungen gibt, Frankreich statt "France", wobei die Franzosen umgekehrt nicht Deutschland, sondern Allemagne sagen und die Niederländer Duitsland. Was ist bei Weißrussland anders?

Die Belarusen wollen keine Russen sein

Sagen wir mal so: Niemand sagt zum Beispiel "Nordschweizer" zu uns. Weil wir den Schweizern ähnlich sind, eine ähnliche Kultur haben, nördlich davon liegen wir auch, aber Unsinn ist es trotzdem. Das liegt sicher auch daran, dass der Begriff so gar keine Tradition hat. Das ist bei "Weißrussland" eben ein wenig anders. Und sogar das Auswärtige Amt lässt in seiner amtlichen Übersicht der Länderbezeichnungen "Weißrussland" neben Belarus zu, wenn auch leicht eingeschränkt. 

Solche und andere Halbherzigkeiten hat die Belarusisch-Deutsche Geschichtskommission veranlasst, im Juli 2020 eine Pressemitteilung herauszugegeben, nebst Empfehlungen zur Schreibweise. Und diese lauten eben:

Momentan sollten wir dem Staat eine eigene Qualität anerkennen und Belarus sagen. Damit akzeptieren wir die Eigenständigkeit  und erkennen in dieser revolutionären Situation an, dass Staat und Gesellschaft auseinanderdriften und dass möglicherweise jetzt eine moderne Nation entsteht. (…) Wo es keine Zuordnung zu Russland oder zur Europäischen Union gibt.

Prof. Thomas Bohn, Historiker Uni Gießen, Belarusisch-Deutsche Geschichtskommission

Denn es ist durchaus so, dass die Belarusen eben keine Belarussen sein wollen. Wer Weißrussland sagt, unterstellt aus alter Gewohnheit, dass das Land eng an Russland angeschlossen ist. Aber es gibt eben auch andere Traditionen in Belarus, die durchaus gleichwertig sind. 

Die Wurzeln von Belarus liegen im Kiewer Reich, aus dem sich die heutigen Staaten Russland, Ukraine und Belarus ableiten, so Prof. Bohn. Dass der Name "Rus" von skandinavischen Ruderern stammt, die auch als "Wikinger" bezeichnet werden, sei der Vollständigkeit halber auch erwähnt.

Die Wikinger haben entlang der Flüsse von der Ostsee bis ans Schwarze Meer ihre Handelsniederlassungen gegründet. Da ist es nicht verwunderlich, dass das große Russland nie aufgehört hat, die Hände nach dem kleineren Nachbarn auszustrecken.

Weißrussland (=Белоруссия) ist auch eine Begriffsfassung, die im 19. Jahrhundert von russischer Seite in den Wissenschaften und in der Bürokratie angewandt worden ist, um die Zugehörigkeit zum Russischen Zarenreich anzudeuten.

Prof. Thomas Bohn, Historiker Uni Gießen, Belarusisch-Deutsche Geschichtskommission

Lieber "Weißrus" statt Weißrussland

Flagge von Weißrussland.
Die Fahne von Belarus. Bildrechte: Colourbox.de

Wenn sich also bei uns jemand an "Bela" stört, dann wäre "Weißrus" richtiger, aber eben nicht "Weißrussland". Der einst im Deutschen gebräuchliche Begriff "Weißruthenien" ist hingegen nach zwei Weltkriegen mit deutschem Kolonie-Gebaren keine gute Idee und quasi verbrannt.

Man muss dazu wissen, dass Belarus - da sind wir wieder in der Schweiz - eine durchaus multikulturelle Gesellschaftstradition besitzt, die dann Stalin in den 1930er-Jahren ohne Frieden aber mit Sozialismus beendete.

In den 1920er-Jahren gab es vier Amtssprachen in der Belarusischen Sowjetrepublik. Nämlich belarusisch, russisch, polnisch und jiddisch.

Prof. Thomas Bohn, Historiker Uni Gießen, Belarusisch-Deutsche Geschichtskommission

Hier – so die Hoffnung von Prof. Bohn – müsste eine neue belarusische Nation ansetzen. Die dann eine Brücke sein könnte zwischen den verschiedenen Ländern in der Region, zu der wir letztlich auch gehören.

Für unsere Sprache bedeutet das also: Ein "Weißrussland" für die Landschaft oder als erklärende Ergänzung für den Übergang geht gerade noch, wir sollten uns aber zeitnah umstellen und von Belarus und belarusisch sprechen, so Prof. Bohn. Und zwar mit einem s, das ein bisschen wie „ß“ klingt und mit der Betonung auf der letzten Silbe: Be-la-rús.

Vielleicht ist irgendwann dann doch "Weißrus" ein alternativer Ansatz zu Belarus, über den die Gelehrten noch streiten wollen. Aber ein bisschen komisch klänge das irgendwie schon.

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. September 2020 | 16:20 Uhr

3 Kommentare

Emes vor 38 Wochen

Hi!
Ich findes es kein gutes Zeichen, wenn man sich in Zeiten innerer Unruhen in Weissrussland/Belarus, durch eine, erst seit Februar existierenden Kommission genötigt fühlt, den Kind einen anderen Namen zu geben.
Ein sehr unglücklicher Zeitpunkt

Max Mueller zwei vor 38 Wochen

Jo, darum sagen wir jetzt auch Nord-Mazedonien, weil es keine Griechen sind🤷🏿

Harka2 vor 38 Wochen

Sorry, wer Weißrussland mit Russland gleichsetzt, der denkt vermutlich auch, dass in Russland nur Russen leben.