Der Redakteur | 08.07.2021 Politiker und ihre Ghostwriter

Jochen Mühlmann aus Erfurt würde gern wissen, wieviel an einem Buch man eigentlich selbst geschrieben haben muss, wenn da der eigene Name drüber steht. Es ist immer so viel von Ghostwritern die Rede.

Eine Frau schreibt auf einer Laptop-Tastatur.
Wenn Menschen in zeitlich anspruchsvollen Berufen auch noch ein Buch schreiben wollen - dann ist Ghostwriting gängige Praxis. Bildrechte: Colourbox.de

Vielleicht sind wir alle ein bisschen schuld daran. Wir lieben Illusionen, das harmonische Weihnachtsfest im Winterwonderland und den perfekten Star. Doch selbst Julia Roberts hatte bei "Pretty Woman" ein Körperdouble, die Superhelden haben Stuntmen, das Feuer hat mal wieder nur im Rechner gebrannt und überall wimmelt es eben auch von Leuten, die für andere Leute Texte schreiben.

Manche Sätze, die in die Geschichte eingegangen sind, stammen gar nicht von den Politikern selbst, sondern von brillanten Redenschreibern.

Hajo Schumacher, Journalist und Autor

Die Logographen als Verfasser von Gerichtsreden gab es schon im antiken Griechenland und bestenfalls werden bis heute Ghostwriter oder Redenschreiber beauftragt, weil sie es einfach können. Und der Unternehmer, Sportler oder Politiker kann es eben nicht. Und man kann getrost davon ausgehen, dass viele Ghostwriter zufrieden sind mit ihren Rollen im Hintergrund und sich weder im Politzirkus noch im Boxring in den Nahkampf begeben wollen. Das soll der Prominente mal schön selbst machen.

Ich bin sein Synchronsprecher. Man schafft letztendlich miteinander ein Werk. Ich sehe mich nicht als Urheber, denn die Gedanken sind ja seine, ich bin nur Formulierungshilfe.

Gerald Drews, Ghostwriter, Autor und Literaturagent
Ein Bücherstapel liegt im Gras. 16 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 08.07.2021 16:02Uhr 16:18 min

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Während es bei wissenschaftlichen Arbeiten oder Prüfungen strafbewehrt ist, sich helfen zu lassen, gibt es im literarischen Umfeld keine Quote, zu wieviel Prozent sich der Buchautor, dessen Name den Buchdeckel ziert, die Buchstaben aus der Feder gedrückt haben muss. Im besten Fall sind auf beiden Seiten Profis am Werk, die klar vertraglich regeln, welche Leistung mit welchem Preis verbunden ist und wer den Ruhm noch obendrauf bekommt. Wir stellen uns den Handwerker vor, dessen Firmengeschichte über sieben Generationen so spannend ist, dass man damit ein Buch füllen könnte, wenn man es denn könnte. Dieser Handwerker dürfte sehr froh sein, dass ihm der Verlag jemanden zur Seite stellt, der ebenfalls sein Handwerk versteht.

Was sind das für Leute, die den Ghostwriter komplett verschweigen?

Die Gründe sind vielfältig, sagt Gerald Drews. Durchaus spielt da auch Eitelkeit eine Rolle. Vielleicht steigt ja das Vertuschungsbedürfnis proportional zum Ego, das müsste einmal genauer untersucht werden. Gerald Drews, der sich durchaus auch selbst als Ghostwriter bezeichnen würde, betreibt eine Literaturagentur, die in den vergangenen Jahren 2.500 Buch und Kalenderprojekte realisiert hat. Er hat kein Problem damit, auch einmal im Hintergrund zu bleiben, in 50 Prozent der Fälle wünschen das die Kunden so.

Wenn ich jemandem dazu verhelfen kann, dass seine Lebensgeschichte erfolgreich wird und man sie so verfasst, dass sie sich spannend liest, dann ist mir das Erfolg genug.

Gerald Drews, Ghostwriter, Autor und Literaturagent

Dafür muss er nicht auf dem Buchdeckel stehen. Der Journalist Hajo Schumacher hingegen ist bei den Büchern, an denen er mitgearbeitet hat, mindestens als Co-Autor verzeichnet. Und er hält es auch für schwierig in heutigen Zeiten, eine Zusammenarbeit auf ewig geheim zu halten. Es sind oft einfach zu viele Leute involviert in den Verlagen.

Im Lektorat, im Marketing, die wissen das doch alle. Insofern halte ich das für ziemlich albern so zu tun, als sei man nicht nur brillanter Politiker oder Unternehmer, sondern auch noch ein toller Schriftsteller.

Hajo Schumacher, Journalist und Autor

Wie aufwändig ist es, ein Buch zu schreiben?

Ganz sicher kommt es auf das Thema an. Wenn aufwändig Fakten recherchiert werden müssen, dauert es noch länger. Aber auch "nur" das Aufschreiben von Erlebnissen ist eine Mammutaufgabe. Ein Vierteljahr kommt da schnell zusammen, sagt Gerald Drews, bis man aus einer unfertigen Lebenserinnerung ein lesbares Buch gemacht hat. Zum Beispiel ist da die Geschichte des deutschen Afghanistansoldaten der Bundeswehr, der jetzt den Weg ins Kloster gefunden hat. Die Story ist ungewöhnlich und das Ausgangsmaterial waren stundenlange Gespräche, verteilt über zwei Wochen, die natürlich mitgeschnitten noch nicht druckreif sind.

Ich saß alleine sechs Wochen am Manuskript, dann kommt das Manuskript immer noch ein paar Mal zurück mit Anmerkungen und Ergänzungen.

Gerald Drews, Ghostwriter, Autor und Literaturagent

Das Schreiben ist eben auch Handwerk, sagt Gerald Drews und Hajo Schumacher sieht es genauso. Er war Co-Autor der Biografien von Malu Dreyer und Klaus Wowereit. Roland Koch und Angela Merkel hingegen mussten die von Schumacher verfasste Biografie ungefragt über sich ergehen lassen. Hier gilt es, journalistisch besonders genau zu arbeiten und die Quellen genau zu belegen, um nicht am Ende verklagt zu werden. Die Entscheidung, ob der Beschriebene selbst mitwirkt an dem Buch, hat auch immer etwas damit zu tun, wer den Impuls gegeben hat: Ist es die Person selbst, ihr Umfeld oder irgendein Verlag, der das Gefühl hat, dass das jemand lesen will.

Klaus Wowereit hat mich Schreibhilfe genannt oder Schreibkraft, ich glaube, das trifft es ziemlich gut, so lange der Name der Schreibkraft irgendwo im Buch genannt wird, sehe ich da keine Probleme.

Hajo Schumacher, Journalist und Autor

Journalist als Ghostwriter - Problem mit der Distanz

Klaus Wowereit hisst vor dem Roten Rathaus in Berlin die Regenbogenfahne.
Klaus Wowereit - das erste Outing eines Politikers war für seinen Biografen Schumacher ein Punkt, der ihn interessant machte. Bildrechte: dpa

Wichtig ist Hajo Schumacher aber die Distanz, die ein Journalist haben sollte zu seinen Themen und den Menschen, über die er schreibt. Aber das ist natürlich schwierig, wenn man wochenlang das Leben eines Politikers auf dessen Couch bespricht. Bei Heribert Schwan und Helmut Kohl waren im Oggersheimer Keller zum Beispiel weit über 600 Stunden Tonbandmaterial zusammengekommen, über deren Verwendung es am Ende zum Bruch zwischen beiden kam. So sollte eine Zusammenarbeit natürlich nicht enden.

Doch trotzdem müssen die Beteiligten aufpassen, dass keine Interessenskonflikte entstehen. Bei einer jeweils übersichtlichen Zahl an aktiven wirklich prominenten Politikern und guten Buchautoren ist es nachvollziehbar, dass man sich im künftigen Politbetrieb wieder über den Weg läuft. Hajo Schumacher hält es deshalb so, dass er über die Politiker nicht mehr berichtet, mit denen er ein Buch geschrieben hat. Und die meisten Anfragen lehnt er ohnehin ab, vor allen Dingen, wenn er die Geschichte nicht wirklich erkennen kann, die er schreiben soll.

Nichts ist schlimmer, als eine Biografie eines Menschen schreiben zu müssen, der einen langweilt. (…) Da guckt man sich auf Wikipedia das Leben an und sagt sich: Soll ich da jetzt 20 Jahre Parteikarriere aufschreiben?

Hajo Schumacher, Journalist und Autor

Quelle: MDR THÜRINGEN/csr

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 08. Juli 2021 | 16:40 Uhr

1 Kommentar

MAENNLEiN-VON-DiESER-WELT vor 21 Wochen

Wenn es bei so unbedeutsamen Werken schon Ghostwriter gibt, wie mag das dann wohl bei der Bibelübersetzung und bei "olle Luther" tatsächlich
auf Wartburg zugegangen sein...?! Was ist Dichtung , was ist Wahrheit an
der Lutherbibel ?