Der Redakteur | 04.10.2021 Profitiert der Gebrauchtwagenmarkt von der Krise der Automobilbranche?

"Werden jetzt nicht endlich mal die ganzen Gebrauchtwagenhalden abgebaut?", fragt MDR THÜRINGEN-Hörer Jürgen Lorenz aus Erfurt angesichts des fehlenden Neuwagen-Nachschubs; Stichwort Chipmangel. Redakteur Thomas Becker hat Antworten gefunden.

Gebraucht- statt Neuwagen? Vor dieser Frage stehen in diesen Tagen besonders viele potenzielle Autokäufer. (Archivbild)
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Die Automobilwirtschaft gehört zu den komplexeren Systemen der Weltwirtschaft und auch zu den ganz großen. Wenn es an irgendeiner Stelle Verschiebungen gibt, hat das Auswirkungen an anderen Stellen. Und mitunter auch überraschende.

Nicht so überraschend ist, dass angesichts fehlender Chips weniger Autos gebaut werden und die fehlenden Autos demzufolge auch nicht verkauft werden können. Die gestiegene Nachfrage nach Gebrauchtwagen als Folge davon, einschließlich steigender Preise, ist nun auch nicht so überraschend. Eher die gezogene Parallele zu einer Zeit von vor 30 Jahren.

Es erinnert mich tatsächlich an die Wendezeit. Da wurde wirklich alles ausgraben aus den Ecken, was eigentlich schon keine Perspektive mehr hatte. (…) Die Stimmung im Gebrauchtwagenhandel ist durchweg gut.

Ansgar Klein, Vorstand Bundesverband freier Kfz-Händler

Ansprüche der Autokäufer gestiegen

Anfang der Neunzigerjahre gab es Sprüche, die auf "Rost" und "Ost" endeten und entsprechend sahen die Autos auch aus, die wir uns einst haben andrehen lassen. Dieser Zustand ist allerdings nicht vergleichbar mit heute, auch weil die Ansprüche der Kunden gestiegen sind und die Rechte der Verbraucher gestärkt wurden, Stichwort: gesetzliche Gewährleistungsansprüche.

Trotzdem sollte uns der Hinweis von Ansgar Klein zu denken geben, dass in seinem Verband nur seriöse Händler Mitglied werden dürfen und schwarze Schafe auch wieder rausgeworfen werden. Das bedeutet, man sollte schon bei der Auswahl des Händlers genauer hinschauen, um nicht am Ende ein böse Überraschung zu erleben nach dem Kauf eines vielleicht dann doch nicht so "guten alten" Stücks.

Gebrauchte Autos stehen bei einem Autohandel zum Verkauf. 17 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 04.10.2021 10:17Uhr 16:50 min

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Aktuell gibt es aber noch genügend Fahrzeuge am Markt, so Klein, wenngleich die Preise weiter steigen werden. Derzeit kommen zum Beispiel auch die Leasingrückläufer noch ganz normal zurück und wenn die Prognosen stimmen, ist die Liefer- und Produktionskrise ja nächstes Jahr auch schon wieder vorbei.

Nach aktuellen Prognosen wird der Mangel an Halbleitern bis weit ins nächste Jahr hinein andauern.

Schriftliche Stellungnahme vom Verband der Automobilindustrie

Nun spüren die Werkstätten derzeit den verstärkten Drang der Autobesitzer, ihr Auto reparieren zu lassen. Das führt dazu, dass die Erneuerung der weltweiten Fahrzeugflotten ins Stocken gerät. Daran ist ja nicht nur Deutschland beteiligt, man denke nur an die riesigen Märkte in den USA oder in China. Auch dort gibt es Abnehmer für betagte Autos, so wie wir die Osteuropäer haben.

Denn ein Auto, das Deutschland in Richtung Osten verlässt, verdrängt dort natürlich auch wieder ein noch älteres Auto, das bestenfalls irgendwann mal wieder als Rohstofflieferant im Hochofen landet. Ob die derzeitige Kreislaufstörung auch bis zum Rohstoffmarkt durchschlägt, das ist nicht zu erwarten.

Wir können keine Rohstoffknappheit erkennen, denn durch den hohen Importanteil an Waren haben wir wohl eher noch länger einen Überschuss.

Birgit Guschall-Jaik, Referentin Fachverband Schrott, E-Schrott und Kfz-Recycling im Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung

Manche verschieben den Kauf eines E-Autos

Der Entsorger-Verband deutete noch auf einen weiteren Nebenaspekt, der die Nachfrage nach Gebrauchtwagen zusätzlich ankurbelt. Und zwar die Tatsache, dass die Autokäufer noch etwas abwartend sind bezüglich des Kaufs eines E-Autos und diese Wartezeit überbrücken durch den Kauf eines Gebrauchtwagens.

Diese stehen nun auch etwas kürzer beim Händler, was aber keinen großen Unterschied ausmacht. Die Händler haben ihre Kosten für Abstellflächen und Kreditfinanzierung kalkuliert, letztere ist im Moment ohnehin kein sonderlich großer Posten.

Nur etwa 10 bis 20 Prozent der freien Kfz-Händler kommen übrigens ohne Dauerkredite für die angekauften Autos aus, so Ansgar Klein vom Bundesverband Freier Kfz-Händler. Die gesamte Situation sei im Moment das Gegenteil von Abwrackprämie, was man in der Branche aber unter "Dynamik" verbucht, die es immer wieder gibt und die auch positive Wirkungen hat auf die Unternehmen, die sich darauf einstellen können.

Autos aus Deutschland nach Spanien

Beispielsweise habe ein Händler 20 Jahre lang junge gebrauchte Mietwagen aus Spanien nach Deutschland verkauft, aktuell hat sich das halt umgekehrt, weil den Vermietern in Spanien die Autos fehlen. Also verkauft er die Autos nun in die andere Richtung.

In Deutschland fehlen die Mietwagen übrigens auch. Die Mietwagenunternehmen sind gewöhnlich Großkunden bei den Herstellern und bekommen beim Neuwagenkauf entsprechende Rabatte. Verständlich, dass die Autohersteller durch die Verknappung und die entstandene höhere Nachfrage auch höhere Preise erzielen können und den Absatz jetzt nicht mit Rabatten ankurbeln müssen.

Die Mietwagenfirmen können also nun entweder mehr Geld zahlen oder sie bekommen keine Autos, beides merken die Kunden schon jetzt an den zuletzt deutlich gestiegenen Mietpreisen.

Die Autovermieter stehen bei den Herstellern nicht an erster Stelle.

Jens Hilgerloh, Präsident des Bundesverbands der Autovermieter

Werden wir aus Schaden klug?

Durch die Corona-Pandemie haben wir schon in anderen Industriebereichen die Komplexität der Abhängigkeiten kennengelernt, einschließlich des Einflusses der Käufermassen (zum Beispiel beim Toilettenpapier). Erst dämmerte es der Wirtschaft, dass die komplette Verlagerung der Produktion von medizinischem Gerät oder Schutzkleidung nach Asien vielleicht kostengünstig, aber eben nicht krisenfest ist, jetzt fehlen also die Halbleiter.

Deren Massenproduktion in China sichert zwar die günstigen Preise, aber nun werden die paar pro Fahrzeug gesparten Euro richtig teuer. Leider auch für uns Steuer- beziehungsweise Abgabenzahler, denn die Verlagerung der Probleme auf die Bundesagentur für Arbeit - Stichwort Kurzarbeit - kann nun auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein. Schließlich waren es die Autohersteller selbst, die sich mit ihrer Einkaufspolitik einschließlich Outsourcing erst in diese Lage gebracht haben.

Die Produktionskapazitäten liegen aktuell vornehmlich in Asien. Künftig müssen wir in Deutschland und Europa Versorgungssicherheit im Bereich Halbleiter anders denken. Wir brauchen einen raschen Ausbau der Produktion in Deutschland und Europa. Ebenso wichtig sind neue Handelsabkommen und eine aktivere Außenpolitik für Rohstoffsicherheit als bisher.

Schriftliche Stellungnahme vom Verband der Automobilindustrie

Bosch hat erst im Juni in Dresden ein neues Halbleiterwerk eröffnet. Kostenpunkt: eine Milliarde Euro. Hier werden auch Chips für die Automobilindustrie hergestellt, übrigens ein viertel Jahr früher, als ursprünglich geplant. Es geht also sogar "Made in Germany".

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 04. Oktober 2021 | 16:40 Uhr

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