Der Redakteur | 05.06.2020 Corona: Warum sind die Tagespflegeeinrichtungen noch geschlossen?

Fast alles darf wieder öffnen, die Tagespflegeeinrichtungen jedoch nicht. Einfache Lösungen sind zwar erwünscht, aber nicht möglich. Grund sind verschiedene Bedingungen in den Einrichtungen.

Eine Pflegerin und die Bewohnerin eines Pflegeheims schauen zusammen aus dem Fenster
Schwierige Situation für Pflegende und Pflegebedürftige Bildrechte: dpa

Pflegeeinrichtungen schnell wieder öffnen? Selbst in der betroffenen Branche gehen die Meinungen weit auseinander. Auch die Mitglieder des VdK Hessen-Thüringen sprechen nicht mit einer Stimme, viel zu verschieden sind die Bedingungen in den Einrichtungen.

Gerade in Tagespflegeeinrichtungen kommen Hochrisikogruppen zusammen. Und da eine Entscheidung zu treffen, wir machen alles auf oder lassen alles zu, das ist aus unserer Sicht nicht einfach.

Philipp Stielow Pressesprecher Sozialverband VdK Hessen-Thüringen

Denn wie so oft steckt der Teufel im Detail. Die Einrichtungen der Tagespflege betreuen Menschen oft punktuell, das heißt, tage- und stundenweise, je nachdem, wie die pflegenden Angehörigen Unterstützung brauchen. Im Alltag ergeben sich also keine homogenen Gruppen wie im Kindergarten, sondern es passiert genau das, was wir nach wie vor vermeiden sollen: Uns nämlich täglich mit anderen Leuten zu treffen und das auch noch in nicht allzu großen Räumen.

Auch sind gemeinschaftliche Aktivitäten und Kontakte eigentlich gewollt und die Einrichtungen demzufolge auch darauf ausgelegt. Hinzu kommt: Die Tagesgäste werden gewöhnlich von Fahrdiensten morgens abgeholt und am Nachmittag wieder nach Hause gefahren. Hier einfach "Solofahrten" zu organisieren, ist bei den wenigen Euro pro Person und Tag, die die Pflegekassen zahlen, einfach nicht möglich. Und viele ältere Menschen haben das Problem, dass z.B. ein Partner die Einrichtung besucht und der andere in der Zeit entlastet wird. Diese Menschen sind aber nicht in der Lage, selbst zu fahren.

Pflegeheim Besuchszelt in Altenhilfezentrums Isny im Allgäu
Besuchszelt in einem Altenhilfezentrums Bildrechte: dpa

Derzeit versuchen die Einrichtungen mit ihren Mitarbeitern oder der Unterstützung mobiler Pflegedienste, die Betreuung zumindest stundenweise abzudecken, aber das geht nur im näheren Umfeld. Und ob das so viel bringt, für zwei Stunden jemanden zu haben, wenn sich bisher acht Stunden gekümmert wurde, das ist fraglich.

Stichwort: pflegende Angehörige, die noch berufstätig sind. Die Lage der Betroffenen ist durchaus vergleichbar mit den Eltern, die ihre Kinder nicht in den Kindergarten bringen können. Mit dem großen Unterschied, dass Demenzpatienten beispielsweise noch schwerer zu betreuen sind und die geistige und körperliche Entwicklung leider in die falsche Richtung geht. Die Patienten  sind auch nachts oft mobil und schlafen deutlich weniger als ein Kleinkind.

Wir haben auch viele Anrufe von Angehörigen, die sagen: Wir können nicht mehr. Gerade bei Demenzerkrankten ist das wirklich ein Fulltime-Job. Und selbst die, die selbst nicht mehr arbeiten, sind am Rande der Erschöpfung. Die aggressive Grundstimmung in den Familien wächst. Einem Demenzerkrankten kann man auch nicht erklären, warum das jetzt alles so ist, wie es ist. Das ist eine extreme Belastung für die Familien.

Nadine Lopuszanski Pro Seniore Residenz "Dornheimer Berg" Arnstadt

Die Tagespflege ermöglicht es den pflegenden Angehörigen nicht nur arbeiten zu gehen. Es ist dann für sie wie Sonntag, sagt Nadine Lopuszanski. Mal ein paar Stunden am Stück ungestört zu schlafen, das ist etwas, was für viele in den vergangenen Monaten nur selten möglich war.

Nun sind die Infektionszahlen in den meisten Thüringer Landkreisen so, dass man ins kalkulierte Risiko gehen könnte. Bis 12. Juni gilt die aktuelle Allgemeinverfügung noch, auf deren Basis die Einrichtungen geschlossen sind. Danach soll ja ohnehin die Verantwortung in Richtung Landkreise, Kommunen und Gesundheitsämter durchgereicht werden. So können diese vor Ort entscheiden, wie in ihren Einrichtungen zu verfahren ist. Und wenn dann beispielsweise ein stufenweises Hochfahren mit weniger Tagesgästen vorgesehen wird, stehen Nadine Lopuszanski und ihre Kollegen vor dem nächsten Problem: Wer darf und wer noch nicht und wie lange? Da sind Konflikte vorprogrammiert.

Eine Pflegekraft kümmert sich in einem Pflegeheim um eine ältere Dame und kontrolliert den Blutdruck.
Eine Pflegekraft kümmert sich in einem Pflegeheim um eine ältere Dame Bildrechte: MDR/dpa

Als Vorstandsmitglied im bpa-Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e. V. hat sie viel Kontakt mit den Kollegen und auch einen ganz guten Überblick über deren Probleme. Dazu gehört, dass das gesamte bisherige System mit den Wahlrechten, wann, wer kommen darf usw. nicht mehr funktionieren wird. Einschließlich Raumbelegungen und Dienstpläne. Hinzu kommt: Man hat zwar eine grobe Vorstellung davon, was an Hygienemaßnahmen vorgeschrieben werden könnte, aber die genaue Vorschrift gibt es noch nicht. Es ist auch noch nicht klar, ob diese nun zentral vom Land kommt für alle Einrichtungen oder beispielsweise von den Gesundheitsämtern und ob dann die eigenen Pläne noch genehmigt werden müssen oder nicht. Das alles kostet Zeit, auf jeden Fall ein paar Tage. Deswegen wünscht sich Nadine Lopuszanski auch etwas Vorlauf und nicht nur das.

Es wäre schön, wenn das Ministerium etwas Einheitliches herausgeben würde, damit wir nicht auch noch Ergänzungen von den Gesundheitsämtern bekommen. Wenn es dann einmal angelaufen ist, dann ist alles kein Problem. Aber die Auswahl des Startzeitpunkts und dessen Bekanntgabe durch die Medien an die Angehörigen, das liegt manchmal zu eng beieinander. Das heißt: Wir dürfen dann vielleicht starten, können aber nicht, weil die die dafür nötigen Dinge noch gar nicht erledigen konnten.

Nadine Lopuszanski Pro Seniore Residenz "Dornheimer Berg" Arnstadt

Ihr Appell deshalb: Wenn der Termin steht, bitte nicht alle nachfragen, wann es denn nun losgeht. Das kostet viel zu viel Zeit. Die Kollegen melden sich, wenn sie so weit sind. Letztlich hat Corona nicht nur in diesem Bereich der Pflege Schwachstellen offengelegt und die Priorisierung in der Gesellschaft aufgezeigt. Der VdK sieht da Lufthansa & Co. im Vorteil, was Unterstützungen angeht, denn die Forderungen in Richtung Politik sind nicht neu. Seit Jahren schon möchte man mehr Unterstützung für pflegende Angehörige, auch finanziell.

Wir haben im Zusammenhang mit der Corona-Krise auch gleich gesagt, wenn Menschen nicht arbeiten können, weil sie Angehörige zu Hause betreuen müssen, dann braucht es auch für diese Kurzarbeitergeld also eine Lohnersatz-Leistung. Es geht grundsätzlich darum, diese Gruppe, die eine hochbelastete Gruppe in unserer Gesellschaft ist, viel stärker zu unterstützen.

Philipp Stielow Pressesprecher Sozialverband VdK Hessen-Thüringen

Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor.
Eine Pflegekraft geht in einem Pflegeheim mit einer älteren Dame über einen Korridor. Bildrechte: dpa

Quelle: MDR THÜRINGEN

§ 3 Abs. 15 Satz 1 UStG

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 04. Juni 2020 | 15:20 Uhr

1 Kommentar

Critica vor 4 Wochen

Es gibt für alles eine Lösung, auch dafür, das Tagespflegeeinrichtungen wieder öffnen können.
Warum strengt man sich an, damit Menschen wieder in Urlaub fliegen können?
Warum strengt man sich an, damit Menschen wieder in Restaurants gehen können?
Warum strengt man sich an, damit Menschen wie in Einkaufstempel gehen dürfen?
Warum strengt man sich an, damit Menschen wieder in Fitnessstudios, zum Friseur, ins Nagelstudio, zur Kosmetik gehen können?
Richtig, weil andere Menschen daran Unmengen Geld verdienen.
Letzte Frage: Warum strengt man sich n i c h t an, damit alte Menschen wieder in die Tagespflege gehen können???