Der Redakteur | 10.12.2020 Warum die Situation der Thüringer Studierenden so angespannt ist

In einem offenen Brief haben Thüringer Studierende auf ihre prekäre Situation aufmerksam gemacht. Wo die Probleme genau liegen, hat unser Redakteur Thomas Becker zusammengetragen.

Corona wirkt in vielen Bereichen wie ein Vergrößerungsglas. Das ist bekannt und das trifft ganz sicher auch auf unsere Hochschullandschaft zu. Einschließlich der Probleme der Studenten, ihr Studium auch finanzieren zu müssen. BAFÖG bekommen heute die wenigsten, die Eltern sind in der Pflicht, Nebenjobs sind ganz normal. Studenten sind schließlich billig und willig und auch schnell vor die Tür gesetzt. Oft stört es beide Seiten gar nicht so sehr: „Der Nächste bitte“ - der nächste Job oder Student, je nach Blickrichtung.

Mal abgesehen davon, dass ein wenig Berufspraxis nicht schadet, kostet auch das Studentenleben heute richtig Geld. Das Statistische Bundesamt hat 1.629 Euro monatlich ausgerechnet für einen Einpersonenhaushalt, darin sind gut 600 Euro enthalten für alles rund ums Wohnen. Es hat seinen Grund, dass viele Studenten in WGs wohnen, auch, um so wenigstens diese Kosten zu minimieren. Und die bisherige Corona-Hilfe sieht so aus:

Bei der Überbrückungshilfe des Bundes bekommt man nur einen Zuschuss, wenn man unter 500 Euro auf dem Konto hat, dann wird auch nur auf 500 Euro wieder aufgefüllt, damit ist die Miete bezahlt an manchen Standorten und dann hat man wieder 0 Euro auf dem Konto.

Hannah Schneider, Sprecherin der Konferenz Thüringer Studierendenschaften

In seiner Reaktion auf den Brief der Studenten verweist das Thüringer Wissenschaftsministerium auch auf genau diese Überbrückungshilfe des Bundes und rechnet bei der Corona-Finanzhilfe des Landes (800 Euro, hälftig als Zuschuss und als zinsloses Darlehen) nur mit einer mäßigen Inanspruchnahme. Hier handelt es sich hier übrigens um Einmalzahlungen.

So wurden im Sommer mehr als 10.000 Anträge auf Überbrückungshilfe des Bundes, aber lediglich 720 Anträge auf Corona-Finanzhilfe des Landes gestellt.

Antwort des Thüringer Wissenschaftsministeriums auf den Brief der Studenten

Auch seien die Rückzahlungsmodalitäten für den Darlehensteil der Corona-Finanzhilfe verbessert worden, beispielsweise durch die Senkung der monatlichen Mindestraten auf 40 Euro und die Verlängerung der Rückzahlungsfrist. Die Rückzahlung beginnt frühestens sechs Monate nach der Auszahlung des Betrags. Ob die Studenten bis dahin wieder einen Job haben, das darf angesichts der derzeitigen Lage durchaus bezweifelt werden.

Aber in dem Brief der Studentenschaft geht es nicht etwa nur ums private Geld. Ein Stichwort ist das Thema Digitalisierung. Aus dem Ministerium werden reflexartig die Millionensummen aufgezählt, die seit Jahren für die Digitalisierung an den Thüringer Hochschulen zur Verfügung stehen. Mal abgesehen davon, dass auch die vorbildlichste Ausstattung einer nahezu geschlossene Uni aktuell relativ wenig hilft, geht es den Studierenden an diesem Punkt auch um etwas anderes. Nämlich um die Qualität der Online-Veranstaltungen.

Es ist konfus. Die einen benutzen Webex, die anderen benutzen BigBlueButton, andere immer noch Zoom, obwohl man das datenschutzrechtlich nicht verwenden soll, andere stellen nur ihre Folien online und sagen:  ,Viel Spaß mit den 140 Seiten, wir sehen uns zur Klausur‘. Die technische Seite ist nicht so das Problem, aber die didaktische.

Hannah Schneider, Sprecherin der Konferenz Thüringer Studierendenschaften

Deshalb ist in dem Brief auch die Forderung niedergeschrieben, doch bitte die "Kontinuität in der Didaktik-Ausbildung" der Hochschullehrer zu verbessern. Im Gespräch mit Studenten wird es dann nicht mehr ganz wissenschaftlich formuliert. Und es sei auch angemerkt, dass  natürlich die Lage an den Universitäten ganz unterschiedlich ist und nicht jeder Kritikpunkt auf alle Hochschulen zutrifft.

Auf der Wunschlist der Studenten

Los geht’s mit dem Satz: Es wäre schön, wenn die immer noch vorherrschende Zettelwirtschaft bei den sprichwörtlichen "Scheinen" ein Ende hätte. Leistungsnachweise von A nach B zu tragen, ist irgendwie nicht mehr zeitgemäß und aktuell auch schwierig. Schön wäre es, wenn man in der Folge seinen Noten nicht mehr hinterher laufen müsste, sondern wenn gleich alles zentral zusammenliefe.

Und damit sind wir noch nicht am Ende der Themen, dringend angegangen werden sollten: Dass man nicht monatelang nach Betreuern für die Abschlussarbeit suchen muss, weil die Angeschriebenen es nicht für nötig halten, sich zurückzumelden. Dass die Büros erreichbar sind und dass die Lehrenden im Alltag einfach mal in ihr Postfach gucken. Bestenfalls ist dieser Blick verbunden mit einer Antwortmail. In Zeiten von Präsenzveranstaltungen wäre das zwar auch schon ganz schön gewesen, heute ist es essentiell.

Junge Studentin sitzt an einem Baum im Freien und lernt. 13 min
Bildrechte: imago images/photothek

Hannah Schneider kenn die Problem der Thüringer Studierenden. Wir haben uns mit der Sprecherin der Konferenz der Thüringer Studierendenschaften unterhalten.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 10.12.2020 17:30Uhr 13:06 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-1613390.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Aber vielleicht sind ja alle Beschäftigten in irgendwelchen bürokratischen Workflows gefangen. Zum Beispiel in dem mit dem Titel "Antrag auf die Verlängerung der Regelstudienzeit". Auch das ist ein Thema in dem Schreiben der Studenten.

Wir fordern (…) eine pauschale Verlängerung der individuellen Regelstudienzeit um mindestens zwei Semester an allen Thüringer Hochschulen.

Brief der Konferenz Thüringer Studierendenschaften

Damit würde man Studenten und Prüfungsämter entlasten, argumentieren die Studenten. Einzelne Anträge, Formulare, Häkchen und Begründungen (Wie wäre es mit Corona?!?) wirken in Pandemiezeiten auch wirklich ziemlich deutsch. Oder sagen wir mal - thüringisch. Denn in anderen Bundesländer geht das auch ohne Antrag, dort wurden die Regelstudienzeiten pauschal verlängert.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 10. Dezember 2020 | 15:00 Uhr

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