Der Redakteur | 04.11.2021 Sind die Corona-Impfstoffe ausreichend erforscht?

Wolfgang Schmidt aus Bienstädt fragt: Wie steht es um die Langzeitfolgen der Corona-Impfstoffe? Haben wir mit den bisherigen nicht viel längere Erfahrungen? Wir haben Stiko-Mitglied Prof. Christian Bogdan dazu befragt.

Originale Impfstoff-Phiolen.
Corona-Impfstoffe: Reaktionen oder Nebenwirkungen treten wenn dann zeitnah nach der Impfung auf. Bildrechte: imago images/Beautiful Sports

Es kursieren derzeit so viele Unwahrheiten und Fehlinterpretationen rund um Corona und die Impfungen, dass die Fachleute gar nicht hinterherkommen, diese einzufangen. Jedes Interview - das ja auch immer eine Vereinfachung hochkomplexer Zusammenhänge ist - wird von Millionen Laien im eigenen Sinne interpretiert und dann mit den vermeintlich gewonnenen Erkenntnissen das Internet bespielt.

So lange dieser Zustand anhält, wird es ganz schwer. Wir versuchen es auch heute also wieder mit der klassischen Variante, wir überlassen die fachliche Bewertung den Fachleuten und fungieren als Sammelstelle und Plattform für die Fragen einerseits und die Antworten auf der anderen Seite und natürlich als mediale "Übersetzer" zwischen Experten und interessierten Laien.

Als Experten konnten wir Prof. Dr. Christian Bogdan gewinnen, Institutsdirektor des Instituts für Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene am Universitätsklinikum Erlangen und der FAU Erlangen-Nürnberg. Er ist seit 2011 Mitglied der Ständigen Impfkommission (Stiko) und kennt sich aus mit Impfstoffen, deren Wirkung, Entwicklung und Zulassung.

Professor Christian Bogdan vom Universitätsklinikum Erlangen 20 min
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MDR THÜRINGEN - Das Radio Do 04.11.2021 15:40Uhr 20:21 min

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Unterschiede zwischen Impfreaktionen und Nebenwirkungen

Seine erste Empfehlung an die interessierte Öffentlichkeit ist, die verschiedenen Formen von unerwünschten Nebenwirkungen, die im Rahmen einer Impfung auftreten, nicht durcheinander zu bringen. Zunächst haben wir die normale Impfreaktion, die durch lokale Schmerzen und Schwellung, ein Gefühl wie bei einer beginnenden Grippe oder auch kurzzeitiges Fieber kennzeichnet sein kann. Das alles sollte nicht länger als drei bis fünf Tage andauern.

Darüber hinaus gibt es sogenannte Impfkomplikationen, die über die normale Impfreaktion hinausgehen. Das könnte zum Beispiel ein Abszess sein, wenn bei der Impfstoffinjektion nicht sauber gearbeitet wurde, das könnte eine aber auch eine Gesichtslähmung oder eine Herzmuskelentzündung (Myokarditis) sein. Die beiden letztgenannten Komplikation sind aber nicht automatisch impfbedingt, da sie auch bei Ungeimpften häufig vorkommen.

Die dritte Kategorie von Folgeerscheinungen sind dauerhafte Impfschäden, die ein Leben lang bleiben, die aber sehr selten sind. Impfnebenwirkungen treten im direkten zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung auf, wir reden hier von Tagen bis maximal einigen Monaten.

Wenn ich heute eine Impfung bekomme, bei der alles wunderbar ablief, und zwei Jahre später tritt irgendetwas auf, dann kann das nicht im Zusammenhang mit dieser Impfung stehen.

Prof. Dr. Christian Bogdan, Immunologe Uniklinikum Erlangen, Mitglied der Stiko

Schwierige Kausalzusammenhänge

Wobei man da ja auch direkt die Frage stellen könnte, mit welcher Impfung in einer solchen Situation ein Zusammenhang bestehen sollte. Schließlich bekommen wir in regelmäßigen Abständen verschiedene Impfungen verabreicht. Zudem wird unser Immunsystem permanent mit Viren, Bakterien, und Pilzen konfrontiert, von Umweltschadstoffen oder anderen Noxen ganz zu schweigen. Selbst wenn wir es wollten, ist es schlichtweg kaum möglich, in jedem Fall einen eindeutigen und kausalen Zusammenhang zu irgendeinem singulären Ereignis herzustellen, das Jahre zurückliegt.

Viele Impfstoffe werden bereits seit Jahrzehnten beim Menschen eingesetzt. Trotzdem kann man daraus nicht automatisch den Schluss ziehen, dass Impfungen, die weniger lang im Einsatz sind, automatisch ein höheres Gefährdungspotential mit sich bringen. So sind die Corona-Impfungen und ihre Wirkungen in den vergangenen 12 Monaten besser erforscht worden als andere seit langem verwendete Impfstoffe. Das liege auch daran, dass die anderen Impfstoffe nicht so viel Interesse ausgelöst haben.

Das, was wir heute alleine an immunologischen Untersuchungen zu den momentan benutzen Covid-19-Impfstoffen zur Verfügung haben, das habe ich bei anderen Impfungen in dieser Intensität und Tiefe und in diesem Umfang - auch bedingt durch die heute verfügbaren modernen Methoden - bei anderen Impfstoffen nie gesehen.

Prof. Dr. Christian Bogdan, Immunologe Uniklinikum Erlangen, Mitglied der Stiko

Die Frage nach den Langzeitstudien

Was "Langzeitstudien" zu den Covid-19-Impfstoffen anbelangt, so verlangen die Impfstoffzulassungsbehörden üblicherweise eine Nachverfolgung der Patienten aus den Kohorten der Zulassungsstudien. Bei wissenschaftlichen Studien dieser Art ist immer eine Vergleichsgruppe nötig, die nicht den zu testenden Impfstoff, sondern eine inaktive Kontrollsubstanz erhalten hat und deshalb als ungeimpft gilt. Durch den Vergleich dieser Gruppen kann man sehen, ob eine Häufung von unerwünschten Ereignissen impfstoffbedingt ist oder eben nicht.

Allerdings lassen die begrenzten Probandenzahlen in einer Zulassungsstudie keine verlässliche Aussage über seltene oder gar sehr seltene Nebenwirkungen zu. Hinzu kommt, dass man der Kontrollgruppe nicht auf Dauer die Impfung vorenthalten kann, so dass diese auf kurz oder lang verloren geht. Dementsprechend ist es wichtig, durch Bevölkerungsstudien nach der Vermarktung (sogenannte Post-Marketing-Studien) fortlaufend die Impfstoffe weiter zu analysieren, um gegebenenfalls auch seltene Nebenwirkungen zu entdecken.

Eine Krankenschwester von einem mobilen Impfteam impft einen älteren Mann in einer Sporthalle im sächsischen Pirna.
Weltweit wurden mittlerweile mehr als drei Milliarden Menschen vollständig gegen das Coronavirus geimpft. Bildrechte: dpa

Komplikation Herzmuskelentzündung

Durch die breite Anwendung der Covid-19 Impfstoffe in vielen Ländern wurde nach Covid-19-mRNA-Impfungen (Comirnaty, Spikevax) in der Gruppe der Geimpften eine erhöhte Rate an Herzmuskelentzündungen (Myokarditis) im Vergleich zu ungeimpften Personen beobachtet, und zwar insbesondere bei männlichen Jugendlichen und Männern im frühen Erwachsenenalter. Auch wenn das nur eine sehr seltene Komplikation ist, so war es doch ein Alarmzeichen, welches entsprechend in die Stiko-Impfempfehlungen und in die Fachinformationen der Impfstoffe Eingang fand. Die genauen Ursachen sind bisher nicht bekannt.

Die Myokarditisfälle traten häufiger nach der 2. als nach der 1. Impfung auf, lagen meist in einem Zeitfenster von wenigen Tagen bis 3 Wochen nach der Impfung und verliefen im allgemeinen sehr milde. Hingegen sind die immer wieder in der Öffentlichkeit diskutierten möglichen Spätfolgen einer Impfung (siehe Aussagen von Joshua Kimmich), die erst viele Monate oder gar Jahre nach einer Impfung plötzlich in Erscheinung treten, nicht zu erwarten. Dies liegt unter anderem daran, dass alle derzeit in der EU zugelassenen Impfstoffe sogenannte Totimpfstoffe sind, die keine lebenden Erreger beinhalten und rasch abgebaut werden.

Man muss einfach nochmal betonen, dass man auf eine Immunreaktion, die heute ausgelöst wurde, nicht zwei Jahre später jedwede Ereignisse, die dann eingetreten sind, zurückführen kann. Das wäre schon sehr unwissenschaftlich.

Prof. Dr. Christian Bogdan, Immunologe Uniklinikum Erlangen, Mitglied der Stiko

Widerspruch in der Argumentation

Die Forderung, einen Impfstoff erst zuzulassen, wenn er millionenfach verimpft wurde und die geimpften Personen über Jahre nachverfolgt worden sind, ist ein Widerspruch in sich, sagt Prof. Bogdan. Zum einen würde dann die Zulassungsstudien eine schier nicht finanzierbare Größenordnung annehmen. Zum anderen müssten dann auch sehr viele Menschen geimpft werden, was ja genau jetzt passiert. Drittens wäre ein solches Vorgehen auch nicht geeignet, eine Pandemie erfolgreich zu bekämpfen.

Die Sicherheit der derzeit in Deutschland zugelassenen Covid-19-Impfstoffe beruht im Übrigen nicht nur auf den jetzt gemachten Erfahrungen, sondern auf zahlreichen vorangegangen in vitro Untersuchungen sowie auf tierexperimentellen Studien. Letztlich ist noch zu betonen, dass die EU für die derzeit verfügbaren Covid-19-Impfstoffe nur bedingte Zulassungen erteilt hat, weil die Firmen eben Post-Marketing-Studien-Ergebnisse vorlegen müssen. 

Ist es von Relevanz, wenn bei einem Covid-19-Impfstoff in einem von 100.000 Fällen ein Problem auftritt, im Vergleich zur Inzidenz der schweren Covid-19-Erkrankungen, vor welchen ich schützen will? Die Antwort ist ganz klar nein, es ist nicht relevant.

Prof. Dr. Christian Bogdan, Immunologe Uniklinikum Erlangen, Mitglied der Stiko

Vergleich mit Sicherheitsgurt

Vergleichen wir das einmal mit einem Sicherheitsgurt. Es ist erwiesen, dass dieser bei einem Unfall Leben rettet. Allerdings gibt es "Nebenwirkungen". Nämlich, wenn jemand wegen des angelegten Sicherheitsgurtes bei einem Brand oder einem Sturz ins Wasser das Auto nicht rechtzeitig verlassen kann. Sollten wir wegen dieser eher seltenen Fälle nun alle unangeschnallt fahren und damit ein viel größeres tägliches Risiko eingehen?

Prof. Bogdan empfiehlt uns Laien etwas mehr Zurückhaltung bei der selbstgestrickten Bewertung von Impfstoffen und vor allen Dingen etwas mehr Vertrauen den Wissenschaftlern, Immunologen und Impfstoffexperten gegenüber. So wie wir unserem Zahnarzt vertrauen oder dem Chirurgen, dem Piloten oder Lokführer. Nicht auszudenken, wenn wir als Passagiere hier auch mitreden würden in einer gemeinsamen Facebookgruppe mit dem Mann im Cockpit und diesem dann mit fragwürdigen Argumenten vorwerfen, wie dämlich er eigentlich ist.

Es bleibt eigentlich nur die Möglichkeit, entweder sich selbst quasi durch ein Zweitstudium mit der Materie komplett vertraut zu machen oder sich halt doch zu entscheiden, dem einen oder anderen [Experten] zu glauben.

Prof. Dr. Christian Bogdan, Immunologe Uniklinikum Erlangen, Mitglied der Stiko

Und zwar am besten dem, der als anerkannter Fachmann Zugang hat zu allen wissenschaftlichen Erkenntnissen, in einem größeren Expertengremium tätig ist und darin auch den entsprechenden kontinuierlichen Kontrollen und Befangenheitsregeln unterliegt.

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