Der Redakteur | 15.09.2021 Immunität und Corona: Warum Christian Drostens Aussage missverstanden wird

Sorgt eine Infektion nach einer vollständigen Immunisierung durch die doppelte Impfung für eine gute Immunantwort? Wann kommt der Impfstoff des Herstellers Novavax? Und welche Schlüsse kann man aus Antikörpertests ziehen bezüglich einer vorhandenen Immunität oder der Notwendigkeit einer weiteren Impfung?

Ein Kind wurde geimpft
Impfungen trainieren das Immunsystem (Symbolfoto). Bildrechte: dpa

Das kommt heraus dabei, wenn man nicht richtig zuhört! Der Jubel war groß in den sozialen Netzwerken, endlich gibt der Drosten zu, dass nur eine Corona-Infektion vollständigen Schutz bietet! Aber hat er das so gesagt und auch so gemeint und ist das auch zu empfehlen? Ein dreifaches "Nein!" ist die Antwort. Zunächst zum Zitat:

Mein Ziel als Virologe Drosten, wie ich jetzt gerne immun werden will, ist: Ich will eine Impfimmunität haben und darauf aufsattelnd will ich dann aber durchaus irgendwann meine erste allgemeine Infektion und die zweite und die dritte haben.

Prof. Christian Drosten im NDR-Podcast "Coronavirus-Update"

Was aber steckt dahinter? Wer den Ausführungen von Prof. Drosten weiter gefolgt ist, der hat schnell verstanden, was tatsächlich gemeint war: nämlich dass ein gesunder Mensch wie er, der zweimal geimpft wurde, eine ausreichende Grundimmunität hat und nun quasi gut ausgestattet dem Virus begegnen kann, ohne Gefahr zu laufen, ernsthaft Schaden zu nehmen.

Bei älteren Menschen und Personen mit geschwächtem Immunsystem kann das nach zwei Impfungen noch zu früh sein, so Drosten, besonders dann, wenn die Impfreaktion ungenügend ist oder die Wirkung zu schnell nachgelassen hat.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin
Der Virologe Christian Drosten plädiert für eine vollständige Immunisierung. Bildrechte: imago images / Reiner Zensen

Das Immunsystem auf Viren vorbereiten

Aber was bedeutet diese Überlegung überhaupt? Ganz einfach: Die Rückkehr in den Normalmodus unseres Lebens einschließlich des Umgangs mit einem durch die Impfung "entschärften" Erreger. Diesen Ansatz haben wir als Laien vielleicht zum ersten Mal gehört, für Experten ist das aber keine neue Erkenntnis. Im Gegenteil, es ist schon immer ein wichtiger Teil des Trainingsprogramms für unser Immunsystem.

Man muss sich von der Illusion lösen, dass man sich auf Ewigkeiten vor dem Kontakt mit dem Virus schützen kann.

Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Universitätsklinikum Erlangen - Mitglied der Ständigen Impfkommission

Dazu muss man auch wissen, dass das Immunsystem sogar darauf angewiesen ist, sich quasi ständig mit Erregern auseinanderzusetzen. Das macht es stark und so lernt es auch dazu. Nur gibt es eben immer wieder Erreger, die sollten uns keinesfalls ungebremst oder unvorbereitet treffen. Dazu gehören die Erreger von Pocken, Masern, Kinderlähmung, HIV, Malaria, Gelbfieber und jetzt eben Corona.

Für diese und andere Krankheiten müssen wir unserem Immunsystem einen relevanten Vorsprung geben, damit es vorbereitet ist, wenn das Virus in für eine Infektion ausreichender Zahl in den Körper gelangt. Manchmal müssen wir nur bestimmte Bevölkerungsgruppen impfen - Stichwort Influenza - und meistens haben wir auch die Impfstoffe rechtzeitig vorrätig und verimpft.

Professor Christian Bogdan vom Universitätsklinikum Erlangen 24 min
Bildrechte: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mi 15.09.2021 15:40Uhr 23:58 min

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Die Suche nach Corona-Impfstoff

Anders bei Covid-19. Deshalb halten wir Abstand, deshalb tragen wir Mundschutz, deshalb sollen wir Hände waschen, deshalb gab es den Lockdown. Diese "Erste-Hilfe-Maßnahmen" dienten dazu, das Virus so lange im Zaum zu halten, bis ein Impfstoff da und verimpft ist, bis es Behandlungsmöglichkeiten gibt und unser Gesundheitssystem mit dieser Krankheit wie anderen Krankheiten auch beherrschbar umgehen kann.

Dass die Suche nach den richtigen Maßnahmen ein wenig nach dem Prinzip "Versuch und Irrtum" ablief und nicht immer sinnstiftend war, das bestreitet wohl kaum jemand. Nur die von Impfgegnern auch nach der (absichtlich?) mitverstandenen Drosten-Äußerung gefeierte Variante, es einfach laufen zu lassen oder die ungeimpfte Bevölkerung gar absichtlich zu infizieren, das ist aus medizinischer und virologischer Sicht einfach nur dämlich.

Das wäre ein ganz fatales Vorgehen. (…) Aber wenn eine Basisimmunität gegen einen Erreger da ist, dann ist der Kontakt mit dem Erreger nicht schädlich.

Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Universitätsklinikum Erlangen - Mitglied der Ständigen Impfkommission

Welche Aussagekraft hat ein Antikörpertest?

Die Frage ist, wann genau ist nun der Einzelne ausreichend geschützt - und zwar so ausreichend, dass man sich eben gefahrlos dem Virus aussetzen kann. Und lässt sich das nicht irgendwie ermitteln? Schwierig, denn leider ist es so, dass das Immunsystem so viele sich auch gegenseitig beeinflussende Mechanismen hat, dass ein einfaches "Zählen" der Antikörper keine Aussagekraft hat.

Verschiedene Zellen und das angeborene Immunsystem spielen hier ebenso eine Rolle. Schon deshalb ist es nicht so, dass man einfach sagen kann, "wenn irgendwelche Werte unterschritten werden, muss eine dritte Impfung her".

Vielleicht wird es aber bald Empfehlungen geben für Bevölkerungsgruppen, aktuell werden dafür gerade die Daten erhoben. Dabei werden dann unter anderem eben die Konzentration der Antikörper nach Impfung oder Infektion und andere Parameter erfasst. Diese werden dann abgeglichen mit dem Auftreten von SARS-CoV-2-Durchbruchsinfektionen oder COVID-19-Erkrankungen.

Ein Mann benutzt den COVID-19 Antikörper-Testkit zum Eigentest im Privat-Einsatz
Antikörper-Testkit zum Eigentest Bildrechte: imago images / MiS

Warum ist eine hohe Impfquote wichtig?

Von diesen derzeit laufenden Studien erhoffen sich die Wissenschaftler Erkenntnisse darüber, wie lange es dauert, bis man quasi wieder empfänglich wird. Wegen der sehr guten Datenlage werden die Studien hoffentlich auch zeigen können, welche Bevölkerungs- oder Risikogruppen besonders geschützt oder eben gefährdet sind. Und bei allen Betrachtungen spielt auch das Virus selbst noch mit.

Wenn sich das Virus nicht verändert und ich immer mit dem gleichen Virus in Kontakt käme, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr gering, dass man ein Problem haben wird.

Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Universitätsklinikum Erlangen - Mitglied der Ständigen Impfkommission

Auch deswegen ist eine hohe Impfquote so wichtig, denn je weniger das Virus kursiert, umso geringer ist die Zahl der Mutationen, die gefährlich werden können. Denn Viren brauchen für ihre Nachwuchsproduktion einen in diesem Falle menschlichen Wirt, der genau diese Produktion übernimmt und damit eben leider auch an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit kommen kann, bis zum Tod. Das ist das Problem.

Das sollen Impfungen verhindern und das Immunsystem vorbereiten. Und ein vorbereitetes Immunsystem "verfeinert" seine Abwehr und erneuert seine "Waffensysteme" eben letztlich auch mit jeder wiederholten natürlichen Begegnung mit dem Virus. Und das ist die Kernaussage von Prof. Drosten, die man eigentlich gar nicht missverstehen konnte.

Wann kommt der Impfstoff von Novavax?

Dieser Impfstoff befindet sich im Rolling-Review-Verfahren, das heißt, die erforderlichen Daten für einen vollständigen Zulassungsantrag werden nacheinander eingereicht und bewertet. Der Impfstoff der Firma Novavax heißt offiziell NVX-CoV2373 und ist im Gegensatz zu den bisher zugelassenen Impfstoffen weder ein mRNA- noch ein Vektorimpfstoff.

Novavax basiert auf künstlich hergestellten Proteinen.
Novavax-Coronaserum-Impfstoffdose: Wann der Impfstoff zugelassen wird, ist noch unklar. Bildrechte: IMAGO / Martin Wagner

Während bei diesen Technologien ja der Körper - so wie es das Virus auch tut - quasi angeregt wurde, das für die Viruserkennung und Bekämpfung so wichtige Spike-Protein des Virus nachzubauen, bekommen wir bei Novavax die virusähnlichen Partikel bereits fertig zusammengebaut geimpft. Das Verfahren ist schon länger erprobt und der eine oder andere Kritiker der neuen Technologien hat diesen Ansatz wohl auch schon mehrfach gut überstanden.

Novavax wird sicherlich auch sehr gut wirken und man wird dann sehen, ob auch Kombinationen von verschiedenen Impfstoffen besseren Schutz bieten.

Prof. Dr. med. Christian Bogdan, Universitätsklinikum Erlangen - Mitglied der Ständigen Impfkommission

Eine verlässliche Prognose bezüglich der zeitlichen Verfügbarkeit von Novavax lässt sich aktuell nicht abgeben. Die Firma hat noch einmal im August bekräftigt, die letzten Daten für das Verfahren im dritten Quartal 2021 einreichen zu wollen. Dann liegt es an der Europäischen Arzneimittelagentur, ob sie wenige Wochen braucht für eine Zulassung oder ob wir in den Monatsbereich rutschen.

Die bisherigen Daten deuten bei einer zweifachen Impfung auf eine ähnliche Wirksamkeit hin wie bei den mRNA-Impfstoffen mit dem Vorteil, dass einfaches Kühlen der Impfstoffe bei der Lagerung reicht. Auch wurde in den Studien jetzt schon die Altersgruppe der Zwölf- bis 17-jährigen einbezogen.

In einer klinischen Phase-3-Studie mit fast 30.000 Erwachsenen in den USA und Mexiko zeigte NVX-CoV2373 einen 100-prozentigen Schutz gegen mittelschwere und schwere Erkrankungen und eine Gesamtwirksamkeit von 90,4 Prozent.

Pressemitteilung Novavax 04.08.2021

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. September 2021 | 15:40 Uhr

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