Der Redakteur | 23.09.2020 Wie hat sich die Senioren-Reisegruppe aus dem Weimarer Land angesteckt?

Eine Hörerin wollte wissen: Weiß man, warum sich die Rentnergruppe im Weimarer Land auf ihrer Bustour nach Tschechien angesteckt hat. Hatten die Pech mit dem Hotel? Wurden die Regeln nicht eingehalten? Unser Redakteur Thomas Becker ist der Frage nachgegangen.

Ein Reisebus auf der Straße.
Von Thüringen nach Tschechien und mit Corona wieder zurück - wie konnte das passieren? Bildrechte: imago images / Arnulf Hettrich

Es wäre ganz sicher anmaßend, aus der Ferne darüber urteilen zu wollen, was schief gelaufen ist auf der Reise nach Franzensbad (Františkovy Lázně). Und gleich den Stab über den reisefreudigen Senioren zu brechen, ist auch etwas vorschnell. Die meisten von uns sind im Alltag zwar bemüht, die Regeln einzuhalten, trotzdem rutscht die eine oder andere Maske schon mal zum Kinn, das Schwätzchen mit den Bekannten gerät etwas aus den Fugen und Geburtstag wurde auch schon gefeiert. Irgendetwas in der Art könnte auch auf der Reise geschehen sein - mit Ausnahme der Geburtstagsfeier. Fakt ist, den Betroffenen ist es unangenehm, überall als Sündenböcke abgestempelt zu werden und sie möchten deshalb auch nicht in der Öffentlichkeit auftreten.

Eine Woche Tschechien und zurück

Rezeption in einem Hotel
Ein mögliches Szenario: Die Rentner könnten sich bei unvorsichtigen Hotelmitarbeitern angesteckt haben. Bildrechte: imago images/Shotshop

Die Reisegruppe ist - das haben die Gespräche ergeben - am 25. August mit einem guten Gefühl nach Tschechien gefahren und auch nicht zum ersten Mal in dieses Hotel. Sie kannten also die Gegebenheiten, wenngleich es durchaus mahnende Stimmen aus dem persönlichen Umfeld gab. Doch die Infektionszahlen im Weimarer Land lagen bei Null, die Region in Tschechien war kein Risikogebiet - das Risiko war gefühlt vergleichbar mit einem Ostseeurlaub.

Trotzdem kann es natürlich sein, dass eine Person bereits vor der Reise das Virus unbemerkt in sich trug und dann in der gemeinsamen Woche als "Superspreader" verteilte. 30 Personen plus Busfahrer saßen im Bus, 26 Personen kamen aus dem Weimarer Land. Zurück ging es am 1. September und als eine Woche später das Gesundheitsamt die Reiserückkehrer kontaktierte, sind diese aus allen Wolken gefallen. Quarantäne wurde angeordnet, sie mussten zum Test. 20 waren positiv, Symptome hatten zum Glück die wenigsten.

Landkreis in den bundesweiten Corona Top 10

Diese und weitere Fälle haben den Landkreis dann in die Top 10 der Bundesrepublik geführt. Das zeigt, wie wenig eigentlich passieren muss, dass ein Landkreis an den Rand des Beherrschbaren kommt. Denn die Reisenden sind überdurchschnittlich aktiv und waren in ihren sozialen Kreisen direkt wieder unterwegs. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamtes liefen deshalb bei der Kontaktverfolgung am Limit. Als Resultat schränkt nun eine Allgemeinverfügung besonders das gesellige Leben wieder mehr ein, als das ohnehin schon durch die Thüringer Verordnung passiert. Stand heute sind bereits vier Personen aus der Quarantäne entlassen worden, mindestens fünf sind noch positiv, der Rest wartet auf einen negativen Test, um ebenfalls mal wieder das Haus verlassen zu dürfen.

Wo habe ich mir Corona geholt?

Ein Kellner mit Mundschutz in einem Straßencafé
Möglich wäre auch eine Ansteckung im Straßencafé. Bildrechte: limago images / ZUMA Wire / Jordi Boixareu

Die "Wo-Frage" beschäftigt natürlich besonders die Betroffenen selbst: auf der Hinfahrt im Bus bereits? Angesichts der beschriebenen Coronalage zu diesem Zeitpunkt wäre das ein sehr großer Zufall. Am Urlaubsort gab es aber auch keine Großveranstaltungen à la Ischgl, wie Tanzabende oder Konzerte und auch keine Werbeverkaufsveranstaltungen. Man aß an Vierer-Tischen im Hotel, einige Senioren hatten Anwendungen gebucht, andere gingen viel in den Parks spazieren oder saßen in Straßencafés. Das aber nie als ganze Reisegruppe, Ausnahme: Ein gemeinsamer Stadtrundgang in Eger, der allerdings logischerweise im Freien stattfand. Fahrdauer dorthin: rund 10 Minuten. Das ist auch keine Kontaktdauer, die Virologen als bedenklich einstufen.

Nun wissen wir über das Virus, dass eine gewisse Viruslast im Rachen vorhanden sein muss, um ausreichend Viren zu entwickeln, um in der Folge andere Menschen anzustecken. Das könnte durch eine Person oder mehrere Personen geschehen, die mit allen Reisenden Kontakt hatten, also die Kellner beispielsweise im Hotel. Dort - wie auch im gesamten Kurort - wurden die Regeln von den Teilnehmern als nicht so streng wahrgenommen. Masken wurden vom Personal und von den anderen Hotelgästen eher selten getragen, es gab aber überall die bekannten Hinweise und auch Desinfektionsmittel. Dass also beispielweise ein Kellner das Virus auf alle verteilt hat, ist die eine Möglichkeit vor Ort.

Die andere ist, dass sich einzelne Personen der Reisegruppe das Virus in Franzensbad eingefangen haben. Zum Verteilen unter den anderen in der Gruppe gab es aber im Anschluss, wie schon gesagt, nicht so viele gemeinsame Gelegenheiten. Zumal sich das Virus nach seiner "Ankunft" in der Reisegruppe auch erstmal entwickeln bzw. vermehren muss, bevor der nächste angesteckt werden kann. Da wird eine Woche ganz schön knapp. Das könnte auf eine späte Gelegenheit hindeuten, wie die Rückreise im Bus. Theoretisch galt hier Maskenpflicht laut Thüringer Verordnung, doch ob diese immer von allen befolgt wurde, dazu gab es unterschiedliche Wahrnehmungen der Mitreisenden. Gern hätten wir auch den Reiseveranstalter zu allem befragt, es gab auch eine kurze Kontaktaufnahme, aber alle weiteren Anrufversuche gingen ins Leere. Das kann daran gelegen haben, dass die zuständige Ansprechpartnerin heute unterwegs und sehr eingebunden war. Auf dem Plan stand eine Busreise in den Harz. 

Quelle: MDR THÜRINGEN/ask

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 23. September 2020 | 16:20 Uhr

4 Kommentare

Grosser Klaus vor 4 Wochen

Entscheidend ist immer noch:
1. Wieviele Erkrankte gibt es?
2. Wie schwer ist die Erkrankung, wie sind die Krankheitsverläufe?
3. Wieviele Neuinfizierte, wieviele Genesene gibt es?
4. Wie hoch ist die Dunkelziffer von Neuinfizierten und von Genesenen?
5. Wie sind die Infektionswege bzw. die Infektionsketten?
Angst und Panik sind nun mal ein schlechter Ratgeber.

Grosser Klaus vor 4 Wochen

Die Schulmedizin hat offensichtlich bei der Behandlung der Coronavirus-Krankheit-2019 versagt, warum hat man nicht schon viel früher auf die Komplementärmedizin gesetzt.
Wenn man hier nur das Wort Komplementärmedizin erwähnt, wird man aber sofort angefeindet.

Grosser Klaus vor 4 Wochen

Das korrekte Erfassen und die Weitergabe der Zahlen zeigt wie gut die örtlichen Gesundheitsämter arbeiten.
Zum Beispiel in der Stadt Jena sieht man deutlich an den Zahlen, die das Gesundheitsamt seit dem 18.03.2020 veröffentlicht bzw. die Zahlen die nicht zeitnah an das Land Thüringen weitergegeben werden, wie schlecht das Gesundheitsamt arbeitet und wie überfordert sie immer noch sind.
Da der Krisenstab und das Gesundheitsamt in Jena immer wieder versagen, deshalb gibt es die Maskenpflicht.