Der Redakteur | 29.11.2021 Warum gibt es kaum freie Impftermine in Thüringen?

Die Impfbereitschaft ist in den vergangenen Wochen spürbar gestiegen. Spätestens die 3G-Regelung am Arbeitsplatz hat zu einer höheren Nachfrage geführt. Als Folge gibt es teilweise lange Wartezeiten oder Termine werden in bestimmten Regionen nicht mehr angeboten. Isolde Hebenstreit aus Ostthüringen fragt, warum es in Thüringen kaum Impftermine gibt. Unser Redakteur Thomas Becker ist der Frage nachgegangen.

Impftermin Corona
Ein großer Teil der Bevölkerung möchte sich impfen lassen, doch derzeit ist es schwer einen Termin zu bekommen. Woran liegt das? Bildrechte: Colourbox.de

Manchmal ist es klug, einfach nur nach vorn zu schauen. Dort wartet die wichtigste Nachricht des Tages: Wir werden noch in dieser Woche unsere Impfkapazitäten in den Impfstellen in Thüringen verdoppeln und damit wieder "Rekordwerte" bei den Tagesimpfungen erreichen können. Wenn denn der versprochene Impfstoff künftig auch geliefert wird.

Denn genau das scheint zuletzt nicht immer der Fall gewesen zu sein. Teilweise wurde zuletzt nur ein Drittel von dem geliefert, was bestellt wurde. Außerdem gab es statt Vollkornbrötchen "nur" Körnerbrötchen und die Versicherung, dass beide gleich gut sind. Nur die eine Sorte muss eben weg, was aus Verbrauchersicht ein ungutes Gefühl hinterlässt.

Wieviel ist denn nun eigentlich da?

Die Bestellmengen und Vertriebswege sind nur schwer durchschaubar. Noch am Freitag hat das Bundesgesundheitsministerium MDR AKTUELL schriftlich mitgeteilt, dass in dieser Woche (also ab 29.11.) bundesweit knapp elf Millionen Impfdosen für Boosterimpfungen an Arztpraxen und Impfzentren geliefert werden sollen und in der Vorwoche sieben Millionen ausgeliefert wurden. Macht zusammen 18 Millionen Dosen, von denen laut RKI zwischen dem 22.11. und 28.11. insgesamt gut vier Millionen Dosen verimpft wurden. Das bedeutet: Wir haben 14 Millionen Impfdosen "herumkullern". Die Frage ist nur, wo sind die eigentlich?

Das würde ich auch sehr gern wissen. Sowohl bei unseren niedergelassenen Vertragsärzten als auch bei uns gibt es so gut wie keinen Impfstoff, der auf Lager ist. Wir leben derzeit wieder von der Hand in den Mund.

Jörg Mertz, Leiter Pandemiestab Kassenärztliche Vereinigung Thüringen (KVT)

Oder in den Arm, um im Bild zu bleiben. Das deckt sich auch mit dem, was die beiden Großhändler in Thüringen sagen, über die derzeit alle Impfstellen und Ärzte in Thüringen mit Impfstoff versorgt werden. Das sind Phoenix in Gotha und Noweda in Neudietendorf. Demnach wird bundesweit vom Biontech-Impfstoff Comirnaty seit der letzten Woche deutlich mehr bestellt, als der Bund dem gesamten pharmazeutischen Großhandel zur Verfügung stellt.

Der Bund hat daher in dieser Woche Bestellobergrenzen von fünf Vials (Fläschchen mit Impfstoff) je Vertrags-, Privat- und Betriebsarzt sowie 170 Vials pro öffentlichem Gesundheitsdienst, Impfzentrum und mobilem Impfteam festgelegt.

Schriftliche Stellungnahme Pharma-Großhändler Noweda

Doch nicht einmal diese Obergrenzen lösen das aktuelle Verfügbarkeitsproblem bei Biontech. Der Großhandel muss zusätzlich kontingentieren, um den vorhandenen Impfstoff gleichmäßig verteilen zu können. Immerhin: Für die ebenfalls verfügbaren Impfstoffe von Moderna und Johnson & Johnson gibt es derzeit noch keine Bestellobergrenzen.

Behälter der Impfstoffe Biontech (l-r), Astrazeneca, Johnson & Johnson und Moderna stehen auf einem Tisch im Imofzentrum in den Messehallen. | Aktuell
Die vier zugelassenen Corona-Impfstoffe in Deutschland Bildrechte: picture alliance/dpa | Marcus Brandt

Hätte, hätte Lieferkette

Laut Bundesverband des pharmazeutischen Großhandels wurden in der vergangenen Woche sieben Millionen Impfstoffdosen ausgeliefert - so viel wie nie zuvor. Immerhin passen diese sieben Millionen zu der Zahl aus dem Bundesgesundheitsministerium vom Freitag, nicht aber zur Ankündigung des zuständigen Ministers Jens Spahn bei Anne Will vom Sonntag, in den nächsten vier Wochen wöchentlich neun Millionen Dosen auszuliefern, drei Millionen von Biontech und sechs Millionen von Moderna.

Die KVT glaubt aber den Zahlen erst, wenn die Dosen wirklich im Thüringer Lande sind und weist vorsorglich darauf hin, dass man liebend gern den alten Vertriebsweg zurückhaben möchte. Der lautete nämlich: Quakenbrück - Bad Langensalza, also direkt vom Zentrallager der Bundeswehr zum Thüringer Landesamt für Verbraucherschutz und zu einer der anderen 60 bundesweiten Verteilstellen. Vorteil bei dieser Variante ist der richtig tiefgefrorene Zustand. Mittlerweile dämmert es auch Bund und (anderen) Ländern, dass das keine so schlechte Idee ist, weil die Dosen nämlich dann viel länger haltbar sind und somit mehr Planungssicherheit besteht.

Die Großhändler sind nicht unbedingt in der Lage, tiefgekühlten Impfstoff weiter zu verteilen. Der wird dann "angetaut" weiterverteilt. Das bedeutet für uns: Wir haben eine Haltbarkeit von 30 Tagen.

Jörg Mertz, Leiter Pandemiestab KV Thüringen
Jörg Mertz, Impfkoordinator der Kassenärztliche Vereinigung, steht im Impfzentrum Mittelthüringen auf der Erfurter Messe. 18 min
Bildrechte: dpa
18 min

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 29.11.2021 15:10Uhr 17:43 min

https://www.mdr.de/mdr-thueringen/audio-1896568.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Mal abgesehen davon, dass Weihnachten vor der Tür steht und da mit Sicherheit kein durchgängiger Impfbetrieb stattfinden wird, spielt auch der etwas unberechenbare deutsche Impfwillige eine entscheidende Rolle. Also bevor wir unseren Frust jetzt komplett bei Minister Spahn und allen anderen "Unfähigen" abladen, die gerade noch millionenfach Impfstoff an bedürftige Drittstaaten gespendet haben: Wir wollen immer noch selbst bestimmen können, von welchem Rettungswagen wir gerettet werden wollen und der Rolls-Royce (so bezeichnete Gesundheitsminister Spahn Moderna) kommt offenbar auch nicht bei jedem vor die Tür:

Wir hatten an einigen Impfstellen am Wochenende das Phänomen, dass der Johnson & Johnson-Impfstoff alle war und wir gesagt haben: Es gibt noch Moderna! Zack, war die Schlange weg.

Jörg Mertz, Leiter Pandemiestab KV Thüringen

Nun kann man die momentan stark ansteigende Nachfrage nach Erst- und Zweitimpfungen positiv sehen, immer mit dem Blick auf das näher rückende Ende der Pandemie. Aber offenbar ist unsere derzeitige Beschaffungsstrategie einfach nicht in der Lage, bedarfsgerecht und damit auch sprunghaft zu reagieren. Aus diesem Grund haben heute die meisten über 30-Jährigen mit Impftermin in einer Impfstelle eine Mail bekommen mit dem Hinweis, statt Biontech gibt’s Moderna, einschließlich einer kurzen Aufklärung.

Man muss immer wieder betonen, dass beide Impfstoffe gleichwertig sind.

Dr. Ulf Zitterbart, Vorsitzender Thüringer Hausärzteverband

Hausarzt Ulf Zitterbart mit Maske am Schreibtisch in der Praxis.
Hausarzt Ulf Zitterbart in seiner Praxis Bildrechte: MDR/Andreas Kehrer

Wie bekomme ich vor Weihnachten noch einen Termin?

Eine Impfstoff-Änderung kann erfahrungsgemäß dazu führen, dass Termine abgesagt werden, die sofort wieder im System zur Verfügung stehen. Es lohnt sich also, quasi im Minutentakt bei impfen-thueringen.de nachzuschauen oder doch noch einmal beim Hausarzt nachzufragen. Viele Hausärzte sind nämlich dazu übergegangen, samstags zu impfen, obwohl auch hier die Bestellmengen für Biontech gekürzt wurden.

Dafür wurde Moderna komplett geliefert. Unabhängig von diesen Angeboten soll es noch in dieser Woche richtig frische Impftermine in den Impfstellen geben. Weil die Unterstützungsleistungen der Bundeswehr, was die Logistik in den Impfstellen betrifft, jetzt bewilligt wurden, können nahezu überall die Kapazitäten verdoppelt werden. Statt einer Impfstrecke gibt es dann zwei, das bedeutet: Es impfen dann zwei Ärzte. Mindestens.

Wir werden zum Beispiel in Leinefelde, Sömmerda, Gera und Erfurt an jeweils einer Impfstelle vier Impfstrecken haben.

Jörg Mertz, Leiter Pandemiestab KV Thüringen

Das bedeutet: Vierspurig können hier richtig Meter gemacht werden, wenn die Leute denn auch kommen. Alternativ wird immer wieder gefordert, zusätzlich die vier großen Impfzentren wieder zu öffnen, aber das würde sich nicht lohnen, so Jörg Mertz. Lieber geht man mit den Kapazitäten in die Breite und damit auch in die Regionen, die sich zuletzt etwas benachteiligt fühlten. Also eben zum Beispiel nach Ostthüringen.

Für die neuen Impftermine, die noch in dieser Woche eingestellt werden, gilt übrigens das schabowskische Wort "unverzüglich", was den Pieks betrifft. Allerdings nur dann, wenn Sie zu den Ersten gehören, die von den Terminen erfahren. Dafür ist es sehr hilfreich, sich für den Newsletter der Kassenärztlichen Vereinigung Thüringen anzumelden.

Mehr zum Thema:

Quelle: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 29. November 2021 | 15:10 Uhr