Der Redakteur | 24.11.2020 Sind Kinder Treiber der Corona-Pandemie?

Im Landkreis Hildburghausen werden Kindergärten und Schulen geschlossen – wie ist denn eigentlich der Erkenntnisstand? Sind Kinder nun Treiber der Pandemie? Können sie das Virus weitergeben?

Eine Lehrerin mit Maske erklärt Schülern etwas.
Schule auf, Schule zu, SChule im Wchselbetrieb - Corona stellt Eltern, Lehrer und Kinder nun wirklich vor Herausforderungen - und auch die Forscher lernen noch ständig dazu. Bildrechte: imago images/Belga

Auch in der zweiten Welle müssen wir uns immer wieder vergegenwärtigen: Wir sind nach wie vor im ersten Jahr. Unsere Ungeduld mag menschlich erscheinen, aber die Antworten der Wissenschaft sind gewöhnlich das Ergebnis eines langen Prozesses, gern auch über Generationen von Wissenschaftlern hinweg.

Der Vorteil bei Corona ist aktuell, dass der Leidensdruck so groß ist, dass weltweit genügend Geld in die Hand genommen wird, um den Erkenntnisprozess zu beschleunigen. Außerdem liegen sehr viele Menschen mit ähnlichen Symptomen in den Kliniken und die Ärzte sind im ständigen Austausch untereinander. So spricht sich schnell herum, was hilft und was schadet.

Zum Beispiel haben die Ärzte gewusst, dass Cortison bei Influenza eher schadet, bei Coronapatienten auf der Intensivstation hingegen senkt es die Sterblichkeit signifikant, während Cortison bei leichten Coronafällen den Zustand eher verschlechtert. Das war ein Erkenntnisprozess. Und auch bei den Maßnahmen haben wir eine Entwicklung durchgemacht.

Schüler mit Masken 7 min
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FAKT Di 24.11.2020 20:24Uhr 06:33 min

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Welche Maßnahme hilft denn nun?

Das Händewaschen und -desinfizieren gehörte zu den ersten Ideen. Das ist nicht überraschend, wir versuchen auf diese Art schließlich auch andere Infektionen zu verhindern. Durch Norovirus und Co. beispielsweise. Dass Aerosole eine größere Rolle spielen und Masken helfen könnten, war auch ein Erkenntnisprozess, der durchaus hätte anders verlaufen können. Theoretisch hätte sich ja auch herausstellen können, dass es die Schmierinfektion mit infektiösem Blut ist, die am gefährlichsten ist.

Nun haben wir auch gelernt, dass Kinder nicht so schwer erkranken (und sogar viele Infektionen ganz unbemerkt bleiben). Das darf aber nicht automatisch zu der Schlussfolgerung führen, dass sie das Virus nicht weitertragen. Oder noch schlimmer: Dass wir unsere Kinder nun leichtsinnig anstecken könnten. Denn über Langzeitschäden wissen wir nach wenigen Monaten logischerweise noch nichts. Wir wissen nur, dass das Virus auch in anderen Organen als "nur" der Lunge landet und dort sein Unwesen treibt, wir wissen aber nicht, was das für Folgen hat. Und auch andere Erkenntnisse können einfach noch nicht verbindlich vorliegen und dazu gehört auch die verbindliche Aussage darüber, welche genaue Wirkung auf die Infektionszahlen die Schließung von Schulen und Kindergärten hat.

Leiterin einer Grundschule, bindet einem Schüler am Eingangstor der Schule einen Mundschutz an.
Fest steht, dass Kinder in der Regel weniger schwer erkranken. Eigene Anteckung und Weitergeben an andere ist noch ein schwierigerer Fall für die Forschung. Bildrechte: dpa

Das große Problem bestehender epidemiologischer Studien ist, dass diese fast ausschließlich in der Situation des ‚Lockdowns‘ inklusive Schulschließungen entstanden sind. Oder in den Monaten, wo die Infektionsinzidenz an vielen Orten sehr gering war.

Prof. Isabella Eckerle, Leiterin der Forschungsgruppe an der Universität Genf

Wir konnten im Sommer auch schlecht den Winter simulieren. Erkenntnisse aus Israel, Frankreich und Australien zeigen, dass Ausbrüche an Schulen durchaus dramatisch werden - was das begünstigt, ist unklar. Man müsste dafür konkret untersuchen, wie die Bedingungen dort waren und welche Maßnahmen es gab und welche nicht. Immerhin gibt es mittlerweile Auswertungen, die die weltweiten Maßnahmen verschiedener Länder zusammengetragen und auf ihre Effektstärke untersucht haben. Und da werden dann Wissenschaftler in ihren Vermutungen entweder bestätigt oder nicht. Prof. Mathias Pletz von der Jenaer Universitätsklinik war eher skeptisch, was die Rolle der Schulschließungen angeht.

Da muss ich mich selbst korrigieren, das hätte ich initial nicht so gesehen, dass auch Schulschließungen dazu beitragen können, dass die Infektionszahlen nach unten gehen.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Klinik Jena

Nun ist die Feststellung, dass Kinder weniger Symptome haben, also weniger husten und demzufolge auch weniger Viren verbreiten, nur auf den ersten Blick beruhigend. Gerade kleine Kinder neigen nämlich dazu, körperliche Nähe zu suchen, weshalb sich auch kleine Rotznasen im Austausch befinden. Genau kennt man die Zusammenhänge noch nicht, es laufen derzeit Studien in Schulen und Kindergärten, mit deren Ergebnissen wir im Frühjahr rechnen können. Doch es deutet sich schon an, dass Kinder etwa genauso viel Viruslast im Rachen haben wie Erwachsene.

Kinder erkranken möglicherweise nur deshalb nicht so schwer, weil ihr Immunsystem – besonders bei den ganz Kleinen – irgendeine noch nicht genau erforschte Besonderheit aufweist, die Corona-Viren den Garaus machen. Die möglichen Langzeitschäden, die kennen wir noch nicht. Wir können nur inständig hoffen, dass das böse Erwachen ausbleibt. Was wir auch noch nicht wissen: Wie immun eine durchgemachte Erkrankung macht, was ein gefordertes "Durchimmunisieren" vielleicht durch "Corona-Partys" nicht sonderlich klug erscheinen lässt. Und das immer wieder geforderte Durchtesten der Gesamtbevölkerung ist bei 83 Millionen Menschen völlig illusorisch, auch weil wir die Kapazitäten nicht haben und das Bild am nächsten Tag ohnehin wieder ganz anders aussähe.

Was können wir aus der Krankenhaushygiene für Corona lernen?

Im "normalen" Leben beschäftigt sich Prof. Pletz am Uni-Klinikum in Jena mit Krankenhaushygiene, einem Bereich, der in den vergangenen Jahren immer mehr in den Fokus gerückt ist. Stichwort Superkeime. Die sind so super wie die Superspreader von heute. Aber wir tun gut daran, die Logik der Krankenhaushygiene auf die aktuelle Corona-Situation zu übertragen, um den gewaltigen Denkfehler vieler Menschen hierzulande deutlich zu machen. Dass Deutschland bisher relativ glimpflich durch die Pandemie gekommen ist, das muss ja Ursachen haben. Dem Erkenntnisprozess der Wissenschaft zufolge sind es einerseits die Maßnahmen, die Ausbreitung und Infektionsrisiko senken und es sind die Fähigkeiten unseres medizinischen Personals, gepaart mit der materiellen Ausstattung und Organisation.

Im Präventionsbereich Krankenhaushygiene läuft es ähnlich. Die Desinfektion vor einer OP beispielsweise ist ein täglich tausendfach durchgeführter sorgfältiger Prozess. Und wie klug wäre es nun, auf diese Desinfektionsmaßnahmen zu verzichten, nur weil sich - verglichen mit früher - kaum noch jemand bei einer OP tödlich infiziert?

Würde man hier genauso denken wie bei unseren Coronamaßnahmen, könnte der Chirurg künftig in Straßenkleidung direkt an den Patienten herantreten und das Skalpell ohne Handschuhe und mit ungewaschenen Händen schwingen. Es ist das Grundproblem von Prävention, dass man nicht genau bemessen kann, was sie bringt, sagt Prof. Pletz. Dass wir jetzt "nichts" sehen bei Corona, das ist aber genau das Ergebnis dessen.

Ein Mann desinfiziert den Innenraum eines Buses.
Ein Bus wird gründlich desinfiziert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Unabhängig davon muss man kritisch darauf verweisen, dass wir es nicht nur in den Schulen versäumt haben, echte Konzepte zu entwickeln, die uns in der zweiten Welle helfen. Da waren die Ostseewellen einfach zu laut in diesem Sommer, die Stimmen der Mahner blieben weitgehend ungehört. Im Ergebnis können die wenigsten Schüler jetzt beispielsweise digital unterrichtet werden, wenn es nötig ist. Und zwar in dem Stile, dass in einer stabilen und vernünftigen Schaltkonferenz Lehrer und Schüler mit Bild und Ton störungsfrei kommunizieren können.

So langsam nerven die Zahlen

Wir haben noch ein Problem. Corona ist für die meisten Menschen in Deutschland Zahlenspielerei geblieben, anders als in Italien beispielsweise. Professor Pletz sieht dafür zwei Ursachen, zum einen ist der Begriff "exponentiell" im Alltag gewöhnlich kein Thema, eher aus der Mathe-Theorie. Viele Menschen verstehen nicht, warum die Zahlen an bestimmten Punkten die Experten Alarm schlagen lassen.

Dabei kann jeder die Rechnung selbst durchführen um dann festzustellen, an welchem Punkt P die steigende Kurve A der Intensivpatientenzahl die Gerade B schneidet, die die Zahl der Intensivbetten darstellt. Und zwar der Betten, für die es noch Personal gibt. Sobald Punkt P erreicht ist, sterben Menschen, weil sich niemand mehr ausreichend kümmern kann. Und das ist der zweite Punkt, der nach dem Eindruck von Prof. Pletz schnell übersehen wird. Die erfolgreiche Prävention lässt viele glauben, dass alles nicht so schlimm ist.

Blick in ein Stationszimmer mit Beatmungsgeraet fuer schwersterkrankte Covid-19 Patienten
Wir haben meistens im wahrsten Sinn des Wortes kein Bild von der Krankheit Covid19, die uns überwiegend nur abstrakt in der Form von Zahlen und Statistiken begegnet. Bildrechte: imago images/Ralph Lueger

Wenn man es laufen lassen würde und würde nichts tun, dann hätte definitiv jede Familie mehrere Todesfälle zu beklagen.

Prof. Mathias Pletz, Infektiologe Uni-Klinik Jena

Dann bekäme nämlich das tägliche Zahlenwerk, das nun einmal die Basis ist für Entscheidungen in Pandemielagen, plötzlich eine sehr persönliche Komponente. Und jetzt denken wir noch einmal über die Maßnahmen nach, die uns gerade die Festtage "versauen". Frohe Weihnachten.

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 24. November 2020 | 16:40 Uhr

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