Der Redakteur | 08.06.2020 Frische Luft statt Lockdown - wie klug ist das Lockern in Thüringen?

Wenn Maskenpflicht und Abstandsregel in Thüringen fallen, könnte es vielerorts fast wieder normal zugehen. Doch sind die Lockerungen eine gute Idee? MDR THÜRINGEN hat den Jenaer Infektiologen Mathias Pletz befragt.

Eine Gruppe junger Leute ist im Sommer im Park.
Wenn Abstandsregel und Mundschutzpflicht wegfallen, könnte es in Parks bald wieder fröhlicher zugehen. Bildrechte: Colourbox.de

Die Thüringer Landesregierung macht sich die Entscheidungen nicht leicht. Deshalb wurde auch der wissenschaftliche Beirat ins Leben gerufen, der nun mit reichlich Sachverstand und kontroversen Diskussionen Entscheidungshilfen geben soll.

Zwei junge Wanderer in einer Gaststätte
Der Sinn von Schutzmasken wurde seit Beginn der Corona-Pandemie immer wieder diekutiert. Bildrechte: imago images/Sven Simon

Sie betrachten die angestrebten Lockerungen aus medizinischer, medialer, sozialer, pädagogischer oder wirtschaftlicher Sicht und haben beschlossen, gegenüber der Öffentlichkeit mit einer Stimme zu sprechen. Das heißt: Zwischenstände wird es nicht geben. Gleichwohl hat jeder einzelne als Wissenschaftler eine Meinung zum Umgang mit der Pandemie. So auch der Jenaer Infektiologe Prof. Dr. Mathias Pletz.

Der Beirat von Thüringen ist nicht das einzige Gremium, dem er angehört, er berät auf ähnliche Weise das Robert-Koch-Institut und auch bei der WHO hat seine Stimme Gewicht. Dass die WHO nun seit wenigen Tagen auch zum Maskenfan geworden ist, findet Pletz gut und dass es Anfang des Jahres noch anders war, ist kein Grund zur Aufregung.

Das wurde zwar von einigen asiatischen Vertretern in den Raum gestellt, aber die klare Meinung war: Wie wissen nicht, ob die Masken nicht vielleicht sogar mehr schaden als nützen.

Prof. Dr. Mathias Pletz, Universitätsklinikum Jena, Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene

Ansteckungsgefahr in geschlossenen Räume am höchsten

Diese Denkweise ist aber mit den neuesten Erkenntnissen nicht mehr zu halten. Das hat etwas damit zu tun, dass wir – und da sind die Wissenschaftler mit eingeschlossen – lernen mussten, dass SARS Cov-2 anders tickt, als seine uns schon halbwegs vertrauten Verwandten. Dabei wissen wir längst noch nicht alles und vieles ahnen wir auch nur.

So ist es auffallend, dass Massenansteckungen offenbar besonders dann passieren, wenn sich infizierte Menschen in geschlossenen Räumen mit anderen treffen und dann auch noch intensiv laut sprechen oder singen. Das erklärt die Infektionen in Gottesdiensten oder Chören oder eben im Karneval bzw. beim Après-Ski.

Parallel reifte die Erkenntnis, die Tröpfchen sind nicht das größte Problem, sondern die feinen Aerosole, die wir so von uns geben. Das ist bei anderen Krankheiten anders. Welche Rolle Kinder dabei spielen, darüber streiten die Gelehrten gerade öffentlich, mit zum Teil unrühmlicher medialer Verstärkung.

Ja was denn nun – Masken oder frische Luft?

Mathias Pletz ist übrigens nicht ganz unschuldig daran, dass in Jena sehr zeitig auf die Maske gesetzt wurde. Sowohl im Uni-Klinikum, als auch in geschlossenen Räumen in der Öffentlichkeit. Der Erfolg war sehr schnell messbar. Trotzdem warnt er vor voreiligen Schlüssen.

Denn es gab da auch noch den Mindestabstand, es gab die Kontaktbeschränkungen, es gab mehr Tests, es gab dann Desinfektionsmittel, die stets zur Hand waren, die Schulen und Kindergärten waren dicht und erst alles zusammen hat uns vor dem Schlimmsten bewahrt.

Wir haben ganz oft ein Bündel von Maßnahmen, also einen Köcher voller Pfeile. Wir merken, wenn wir das Bündel implementieren, haben wir Erfolg. Aber wir wissen am Ende nicht, welcher Pfeil den Ausschlag gegeben hat.

Prof. Dr. Mathias Pletz, Universitätsklinikum Jena, Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene

Das Problem ist, dass wir als Laien immer gern schnell klare Antworten wollen. Eins oder Null, nur dazwischen liegen unzählige Zahlen, so Mathias Pletz.

Blutproben in einem Labor
Welche Rolle spielt die Blutgruppe für die Schwere der Erkrankung. Bildrechte: imago/Gustavo Alabiso

Und selbst wenn wir plötzlich lesen dürfen, dass Menschen mit der Blutgruppe 0 weniger schwer erkranken, ist das nicht mehr als ein weiterer Hinweis. Das könnte nämlich an einem genetischen Risikoprofil liegen, das wir aber noch gar nicht kennen. Vielleicht ist die Blutgruppe ja nur das, was für uns messbar ist, weil eben diese genetische Konstellation auch die Blutgruppe im Gepäck hat. Aber vielleicht nicht immer.

Je mehr Daten wir haben von Erkrankten, umso mehr können die Wissenschaftler solche Zusammenhänge erkennen, die dann am Ende nicht nur zu Behandlungsmöglichkeiten führen, sondern auch zur immer genaueren Definition der Risikogruppen, die wir dann nicht nur besser schützen, sondern auch als erstes impfen könnten. Und wir müssen uns immer wieder in Erinnerung rufen – gegen manche Krankheiten (AIDS) gibt es trotz intensiver Forschung auch nach Jahrzehnten noch keinen Impfstoff und wir werden schon nach wenigen Monaten ungeduldig.

Was bringt die Grippeschutzimpfung in Corona-Zeiten?

Wir brauchen die Geschichte von der möglichen Überlastung unseres Gesundheitswesens im Falle einer zweiten Welle nicht noch einmal zu bemühen, wenn diese auf die  Grippewelle aufsattelt. Aber: Auch die Grippeschutzimpfung trägt dazu bei, dass eine mögliche Covid-19-Erkrankung weniger schwer verläuft.

Ein Frau lässt 2014 gegen Grippe impfen.
Auch in Corona-Zeiten ist die Grippe-Impfung sinnvoll. Bildrechte: dpa

Denn wenn sich beide Infektionen gleichzeitig im Körper ausbreiten, dann kann es richtig eng werden. Und Prof. Pletz warnt auch vor dem Irrtum, die Influenza kann jungen gesunden Menschen nichts anhaben. Dazu hat er schon zu viele sterben sehen, ohne dass man weiß, warum. Diese Gefahr besteht nach wie vor auch bei Corona. Und ob da Lockerungen im Bereich der Kindergärten wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, das ist auch längst nicht sicher.

Die Wissenschaft arbeitet viel mit der Multiplikation von Wahrscheinlichkeiten, wobei man vor Überraschungen nie ganz sicher ist. Derzeit ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass ein zarter Hauch frischer Luft das Virus von der Konzentration her verdünnt und auch hinwegfegt. Deshalb ist es klug, sich viel draußen aufzuhalten, das ist auch seine Empfehlung an die Kindergärten in den kommenden Sommermonaten.

Geschlossene Räume sollten so offen wie möglich sein, sprich: Lüften, lüften und lüften. Und ein Gedanke ist definitiv falsch: Wenn die Kinder mittags zusammen im Essensraum essen, können sie auch gleich den Rest des Tages drinnen zusammen spielen.

Die Zeit spielt genauso eine Rolle. Wir wissen, je länger Sie mit einem Infizierten zusammensitzen, umso höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich anstecken.

Prof. Dr. Mathias Pletz, Universitätsklinikum Jena, Institut für Infektionsmedizin und Krankenhaushygiene

Mehr Informationen zum Coronavirus

Quelle: MDR THÜRINGEN/nis

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 04. Juni 2020 | 15:20 Uhr

10 Kommentare

martin vor 19 Wochen

@critica: Es mag ja sein, dass Sie das Unternehmen von Herrn Zuckerberg nicht kennen - das ist aber völlig egal. Genauso egal, wie die Nationalität, Religion oder Hautfarbe der Göttinger Virenschleuderer.

Wichtig im Zusammenhang mit unserem Disput ist, dass das Verhaltener Einzelner zum Schaden Unbeteiligter führt. Und damit ist nicht jeder (nur) für sich selbst verantwortlich.

Selbstverständlich dürfen Sie der Wissenschaft Tückenhaftigkeit und "gewollte Irrtümer" (das ist zwar ein Widerspruch in sich, aber egal) unterstellen - genauso wie Sie behaupten dürfen, dass die Erde eine Scheibe sei. Wahr(er) wird es dadurch aber nicht ....

martin vor 19 Wochen

@sorglos: Würden Sie Ihre Argumentation auch bspw. in den norditalienischen Gebieten vertreten, in denen das Militär die Särge abtransportieren musste?

Die "unrühmliche mediale Verstärkung" bezieht Prof. Pletz übrigens NICHT auf den Umgang mit der Pandemie (wie Sie zu suggerieren versuchen), sondern darauf, dass und wie eine wissenschaftsinterne Diskussion in die Öffentlichkeit gezerrt wurde um "Auflage zu machen".

Critica vor 19 Wochen

Richtig, aber bis ich mein Menü habe, sitze ich mit Maske und muss bei jedem Schluck (guter Wein oder anderes) das Lätzchen lüften. Das ist für mich kein Genuss mehr.